MAXWELL AIR FORCE BASE / LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Air Force will zum 1. Oktober alle 10 Zivilstellen am China Aerospace Studies Institute (CASI) abschaffen. Der Direktor Brendan Mulvaney erwartet dadurch faktisch das Ende des Instituts, während die Behörde sagt, die Mission werde mit Militärpersonal fortgesetzt. Unklar bleibt, wie es mit den bisher frei zugänglichen Forschungsberichten, Übersetzungen und Kursmaterialien weitergeht. Auch die öffentlichen Reaktionen aus dem Analysten-Umfeld zeigen, wie stark CASI als unklassifizierte Anlaufstelle wahrgenommen wurde.

US-Air-Force streicht Zivilstellen am CASI – unklare Folgen für PLA-Analysen
US-Air-Force streicht Zivilstellen am CASI – unklare Folgen für PLA-Analysen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die US-Air Force löst zum 1. Oktober ein heikles Personal-Experiment aus: Alle zehn zivilen Stellen am China Aerospace Studies Institute (CASI) sollen gestrichen werden, das dem Air University Center zugeordnet ist und unklassifizierte Forschung zu den Luft-, Raum- und Raketentruppen der Volksbefreiungsarmee (People’s Liberation Army, PLA) bereitstellt. Für Außenstehende klingt das nach einer reinen Organisationsmaßnahme, für CASI selbst wirkt es jedoch wie ein endgültiger Einschnitt. Der Direktor Brendan Mulvaney bezeichnete die Streichung von zivilen Planstellen als „effektiv endend“, während ein Sprecher der Air Force betonte, die CASI-Mission werde weitergeführt – nun aber mit eingesetzten Militärangehörigen statt mit zivilen Spezialisten.

Der Konflikt zwischen beiden Beschreibungen berührt weniger die Frage, ob „geforscht“ wird, sondern wer die publizierbaren Ergebnisse erzeugt. In der Darstellung von Mulvaney arbeite das Institut mit zivilen Mitarbeitern an der gesamten Forschung; ein Schnitt in die zivilen Kernrollen trifft damit direkt die Produktionskette von Analysen, Übersetzungen und Lehrmaterial. Die Air Force ordnet die Entscheidung dagegen in eine laufende „zivile Restrukturierung“ innerhalb des Air Education and Training Command (AETC) ein und begründet sie als Teil einer breiteren Verpflichtung, zivile Jobs im Department of the Air Force zu reduzieren. Beschäftigte sollen laut Sprecher zunächst auf ihren aktuellen Posten verbleiben und für eine mögliche Versetzung bewertet werden – die organisatorische Kontinuität ist damit formal vorhanden, aber inhaltlich noch nicht gesichert.

Technisch und methodisch ist CASI zudem genau auf einen unklassifizierten Arbeitsmodus ausgelegt. Der Charter des Instituts weist explizit darauf hin, dass die Forschung auf öffentlich zugängliche Quellen in Landessprache zurückgreifen und Ergebnisse veröffentlichen soll. Das zeigt sich in der Praxis: CASI übersetzte PLA-Lehrbücher und Doktrin, veröffentlichte frei nutzbare „reference primers“ und führte einen kostenlosen Drei-Tages-Kurs zu PLA Fundamentals durch, für den keine Sicherheitsfreigabe erforderlich ist. Wenn diese Arbeit laut Direktor „immer“ von zivilen Mitarbeitern erledigt wurde, ist die zentrale technische Frage, ob die Ersatzkräfte – Militärpersonal – die gleiche Übersetzungs- und Publikationsroutine mit vergleichbarer Geschwindigkeit und Zielgenauigkeit fortführen können.

Am öffentlichsten sichtbar wurde der Statusbruch bereits, als Mitte der Woche eine Notiz eines CASI-Zivilangestellten über soziale Medien zirkulierte. Darin hieß es, jede zivile CASI-Position werde ab dem 1. Oktober nicht mehr finanziert; die Betroffenen würden zu „surplus federal employees“, einem Begriff aus dem US-Personalsystem für Stellen, die entfallen sollen. Solche Formulierungen sind innerhalb von Verwaltungsketten oft entscheidend, weil sie die nächste Stufe – ob und wie schnell neue Aufgaben oder Versetzungen möglich sind – vorstrukturieren. Zugleich bleibt laut Mulvaney offen, wie die Kürzungen die öffentliche Zugänglichkeit betreffen: Er sagte, derzeit sei unbekannt, ob Berichte, Übersetzungen und Kursmaterialien weiter online bleiben und ob die Website des Instituts bestehen wird.

Historisch betrachtet ist CASI erst 2017 gegründet und bis zum 15. Juni 2021 formal gechartert worden. Die Zielsetzung laut Charter ist breit („alles, was fliegt“ in China), gleichzeitig aber klar fokussiert auf die Frage nach Chinas Luft- und Raumfahrtfähigkeiten. Das Institut unterhält Büros in Alabama (Maxwell Air Force Base) sowie in Washington, wo unter anderem Fort McNair erwähnt wird. Inhaltlich spielt auch die Reichweite eine Rolle: Laut Angaben des Instituts wurden 2025 fast 80.000 Besuche auf der CASI-Website gezählt und mehr als 50.000 Berichte heruntergeladen. Auch die jüngere Publikationstätigkeit deutet darauf hin, dass CASI als öffentliches Wissensprodukt nicht nur intern gedacht ist – gerade diese Form der „unclassified“ Wissensverbreitung ist in der aktuellen Debatte um die Fortführung der Arbeit der kritische Hebel.

Die Folgen lassen sich außerdem nicht isoliert betrachten, weil CASI als Teil eines größeren Beobachtungs- und Analystenökosystems der US-Streitkräfte verstanden wird. Mulvaney stellte klar, dass die Entscheidung nur CASI betrifft und nicht etwa parallele Einrichtungen wie das Naval China Maritime Studies Institute, das China Landpower Studies Center der Army War College oder die China Warfighting Initiative des Marine Corps War College. Gleichzeitig zeigen Reaktionen aus dem Umfeld, dass CASI als besonders prominent wahrgenommen wird: Mehrere Stimmen ordneten die Nachricht als Verlust für die analytische Community ein. Der Air-Force-Ansatz, die Mission mit Militärangehörigen weiterzuführen, verschiebt damit nicht nur Rollen, sondern auch die Schnittstelle zwischen öffentlichem Wissen, Übersetzungsarbeit und dem universitären Auftrag, PLA-Fähigkeiten in einem unklassifizierten Format verständlich zu machen.

Für Unternehmen, Hochschulkooperationen und Entwickler von KI-gestützten Informationsdiensten ist die Lage vor allem aus zwei Gründen relevant: Erstens hängen viele außenstehende Auswertungen und Weiterverwendungen frei verfügbarer Quellen an stabilen Veröffentlichungs- und Archivstrukturen. Wenn unklar bleibt, ob Reports, Übersetzungen oder Kursmaterialien dauerhaft online bleiben, sinkt die Planbarkeit für Analysesysteme, die auf wiederholbare Datensätze setzen. Zweitens zeigt der Fall, wie eng Personalentscheidungen mit Forschungsworkflows verknüpft sind: Eine Umstellung von „zivil produziert“ auf „militärisch produziert“ kann Prozesse ändern, ohne dass sich das formale Missionsziel ändert. In den kommenden Wochen wird sich daher vor allem daran entscheiden, ob CASI als öffentliches Wissensportal weiterlebt oder ob die Publikationslinie ab dem 1. Oktober tatsächlich abreißt.


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