LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Armee sucht mit dem Projekt NGCM nach einer schnellen Boden-Luft-Lösung gegen kleine Drohnen. Das System soll zunächst Ziele in rund 6 Kilometern Höhe erfassen und aus mehr als 16 Kilometern Entfernung bekämpfen. Später ist ein Ausbau auf 8 Kilometer Höhe und mehr als 25 Kilometer Reichweite vorgesehen. Vertragsinteressenten müssen bis zum 20. August liefern; die Tranche mit 5.000 Lenkflugkörpern soll dabei Stückkosten von unter 150.000 US-Dollar anstreben.

Die Ausschreibung zum Projekt „Next Generation C-sUAS Missile“ zeigt, dass die US-Armee bei der Bekämpfung kleiner Unbemannter Luftfahrtsysteme (sUAS) nicht nur auf neue Energie- oder Sensoransätze setzt, sondern ausdrücklich auch den Weg über einen gelenkten Abfangkörper weiterführt. Der Hintergrund ist klar: Kinetische Effektoren wie Flugkörper und Geschütze gelten im Vergleich zu manchen Alternativen als teuer und zudem im Einsatzkontext schwer in großen Stückzahlen verfügbar. Gleichzeitig entstehen parallel mehrere Gegenkonzepte, etwa Laser- oder Mikrowellenlösungen, die in der Praxis jedoch stark von Einsatzumgebung, Zielhintergründen und Wetter abhängen. Genau an dieser Schnittstelle will die US-Armee mit NGCM eine Lösung etablieren, die sich schnell entwickeln lässt und dennoch hohe Reichweite sowie kurze Reaktionszeiten erreicht.
Technisch liegt der Fokus auf einem „extended-range, quick-response“-Abfang. In den ersten Spezifikationen wird gefordert, dass der Flugkörper eine Drohne in etwa 6 Kilometern Höhe abfangen kann, bei einer Abfangdistanz von mehr als 16 Kilometern. Als übergeordnetes Ziel nennt die Armee dann ein Szenario mit Drohnen in 8 Kilometern Höhe und einer Reichweite von mehr als 25 Kilometern. Die Lenkung soll über einen Radarsucher erfolgen, was die Abhängigkeit von optischer Sicht reduziert und damit besonders dann relevant bleibt, wenn Kameras oder Laser gestört werden. Ein weiterer Punkt betrifft das Timing: Nach dem Feuerkommando soll der Flugkörper weniger als fünf Sekunden benötigen, um den Werfer zu verlassen. Damit wird der Ansatz deutlich von reinen „Long-range“-Konzepten abgesetzt, die oft mehr Zeit für Zielerfassung und Flugprofile benötigen.
Damit NGCM in bestehende C-UAS-Umgebungen passt, beschreibt das Notice explizit die Integrationslogik: Der Flugkörper soll mit dem Coyote Launch System kompatibel sein, möglichst ohne oder mit nur minimalen Modifikationen. Gleichzeitig soll er in vorhandene Flugabwehr- und Sensornetzwerke eingebunden werden können, unter anderem mit den Radaren Sentinel A3/A4, LTAMDS und TPQ-53. Diese Kombination ist interessant, weil sie die Bridging-Fähigkeit zwischen verschiedenen Radarquellen und der Munitionsseite betont. Ebenso wird erkennbar, dass die Armee das System nicht als isolierten „Stand-alone“-Effektor betrachtet, sondern als skalierbares Element im taktischen Gefechtsfeld, in dem Detektion, Tracking und Bekämpfung möglichst ohne Bruch ineinandergreifen müssen.
Für die Zielklassifizierung nennt die Ausschreibung konkrete Gruppen: Group 2 umfasst Drohnen mit maximalem Startgewicht zwischen 21 und 55 Pfund, Flugprofilen unter 3.500 Fuß Höhe und Geschwindigkeiten unter 250 Knoten. In diese Kategorie fällt laut UAV-Klassifizierungssystem auch das Modell Boeing ScanEagle. Group 3 umfasst Drohnen mit einem Startgewicht unter 1.320 Pfund, Flug unter 18.000 Fuß und ebenfalls Geschwindigkeiten unter 250 Knoten; als Beispiel wird unter anderem Insitu RQ-21 Blackjack genannt. Operational bedeutet das: NGCM muss sowohl gegen kleinere, relativ robuste Aufklärungsplattformen als auch gegen größere, dennoch „small“-klassifizierte Systeme funktionieren. Genau deshalb wird auch der Wunsch nach kurzem „time-to-target“ besonders betont, denn bei schnellen Annäherungen entscheidet nicht nur die Reichweite, sondern auch die Latenz zwischen Ziellage und Wirksamkeit.
Die Armee skizziert NGCM zudem in zwei Systemvarianten. Eine Version für feste Standorte soll mit unterschiedlichen Sensoren ausgestattet sein, also eher auf stationäres, netzwerkfähiges Abfangen ausgelegt. Daneben soll es eine mobile Ausbringung geben, montiert auf taktischen Fahrzeugen, mit Einsatz sowohl im Stand als auch in Bewegung. Das adressiert typische Anforderungen an Luftverteidigung in „edge“-Umgebungen: kurze Wege, schnelle Verlegung und der Aufbau von Schutzbereichen, ohne dass jedes Mal ein kompletter, stationärer Gefechtsstand benötigt wird. Entscheidend ist dabei, wie gut die Sensorik und die Radarfähigkeiten mit der Fahrzeugrealität zusammenpassen, etwa bezüglich Rechenleistung, Datenanbindung und Kommunikationslatenz.
Auch der Zeit- und Reifegradplan ist klar umrissen: Bis Ende des Haushaltsjahres 2027 strebt die Armee Technology Readiness Level 7 an, also Prototest in der Praxis. Parallel dazu sollen Auftragnehmer bis zum Beginn 2028 bereits 50 Flugkörper für eine operative Bewertung bereitstellen. Besonders konfliktträchtig ist jedoch die Kostenforderung: Für einen Großkauf von 5.000 Flugkörpern sollen die Stückkosten unter 150.000 US-Dollar liegen. Das ist im Vergleich zu einem Patriot-Luftabwehrflugkörper mit rund 4 Millionen US-Dollar pro Exemplar zwar deutlich niedriger, bringt die Wirtschaftlichkeit aber dennoch in die Diskussion, wenn man einen Drohnenbezug als Maßstab nimmt. Als Beispiel nennt die Ausschreibung einen Shahed-136 mit Kosten von etwa 35.000 US-Dollar, womit Gegner häufig ein „Kosten-Konter“-Narrativ haben: Je näher die Abfangkosten an die Drohnenkosten rücken, desto weniger funktioniert rein ökonomisch die Abschreckung über Munitionserschöpfung. Umgekehrt adressiert die Armee das Alternativenfeld mit der Aussage, dass Anti-Drohnen-Laser theoretisch nur „Pennies per shot“ kosten könnten, während Flugkörper auch bei schlechtem Wetter wirken, wenn Laserstrahlen gestört werden.
Für die Industrie ist NGCM deshalb mehr als ein einzelner Flugkörperauftrag. Gesucht wird eine Lösung, die Radar-Lenkung, kurze Startzeit, nahtlose Launcher-Kompatibilität und Einbindung in bestehende Sensorverbünde zusammenbringt und dabei die Produktionslogik für hohe Stückzahlen von Beginn an mitdenkt. Wer hier liefern kann, erhält zudem eine Anschlussfähigkeit an bestehende C-UAS-Architekturen wie Coyote, statt nur in einem Nischen-Szenario zu funktionieren. Gleichzeitig bleibt die strategische Frage, wie stark die US-Armee langfristig zwischen Energiewaffen und kinetischen Effektoren balanciert: NGCM wirkt dabei wie eine „Versicherung“ gegen Wetter- und Sichtbarkeitsprobleme bei Lasersystemen – und als pragmatischer Schritt, der kurzfristig Wirkung verspricht, während parallel an Laser-, Mikro- und anderen Varianten gearbeitet wird.
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