LONDON (IT BOLTWISE) – In den USA wächst die Sorge, dass KI-Rechenzentren Umwelt und lokale Ressourcen stark belasten. Eine neue Umfrage nennt 53% der Befragten, die „extrem“ oder „sehr“ besorgt sind – deutlich mehr als im Vorjahr (41%). Vor allem Themen wie steigende Strompreise und die Wasserverfügbarkeit in den betroffenen Gemeinden treiben die Diskussion. Gleichzeitig unterstützen rund 6 von 10 Menschen Begrenzungen für neue Rechenzentren und fordern saubere Energie für den Betrieb.

Die Debatte um Künstliche Intelligenz bekommt in den USA eine neue Dimension: Nicht nur die Rechenleistung steht im Fokus, sondern auch die Umweltauswirkungen der dafür nötigen Infrastruktur. Während in immer mehr Communities neue Standorte für Rechenzentren aus dem Boden wachsen, zeigt eine gemeinsame Erhebung des Associated Press-NORC Center for Public Affairs Research mit der Energy Policy Institute an der University of Chicago einen klaren Stimmungswechsel. Etwa die Hälfte der Amerikaner (53%) gibt an, „extrem“ oder „sehr“ besorgt über die Umweltauswirkungen der KI zu sein – im Vergleich zu 41% im Vorjahr. Diese Besorgnis ist dabei parteiübergreifend: 65% der Demokraten, 42% der Republikaner und 49% der Unabhängigen berichten von hoher Sorge.
Technisch betrachtet sind Rechenzentren der physische Engpass, an dem KI-Infrastruktur an reale Energie- und Wasserflüsse gekoppelt wird. Der Umfrage zufolge gibt es in den USA aktuell 1.287 Rechenzentren im Betrieb und mehr als 2.000 geplante Projekte. Treiber sind vor allem Hyperscale-Rechenzentren: Sie sind größer, leistungsfähiger und werden häufig genutzt, um große KI-Modelle zu trainieren und im Betrieb bereitzustellen. Interessant ist die geografische Verschiebung: Zwar haben Virginia und Texas derzeit die meisten laufenden Rechenzentren, viele der neuen Vorhaben sollen jedoch in ländliche Regionen im Süden und Mittleren Westen verlagert werden. Damit treffen Skalierungsentscheidungen zunehmend auf Orte, in denen Infrastruktur, Wasserverfügbarkeit und lokale Netze nur begrenzt mit zusätzlicher Last wachsen können.
Während Republikaner die Vorteile von Rechenzentren tendenziell stärker sehen, zeigt die Umfrage auch hier einen Widerstand gegen einen ungebremsten Ausbau. Zwar erwarten sich rund 7 von 10 Republikanern offenbar einen konkreten Nutzen für bessere Infrastruktur und Jobs – dennoch glauben etwa 3 von 10, die Zentren seien für genau diese Ziele „nicht sehr“ oder „überhaupt nicht“ vorteilhaft. Gleichzeitig signalisiert die Mehrheit der Bevölkerung, dass sie Wachstum zwar grundsätzlich nicht automatisch ablehnt, aber Grenzen und stärkere Auflagen erwartet: Ungefähr 6 von 10 Amerikanern würden es unterstützen, die Zahl neuer Rechenzentren zu begrenzen; das gilt laut Umfrage sowohl für viele Demokraten als auch für viele Republikaner. Besonders ausgeprägt ist die Sorge bei Demokraten: Etwa zwei Drittel stufen die Umweltfolgen der Rechenzentrumsentwicklung als „extrem“ oder „sehr“ besorgniserregend ein, während bei Unabhängigen ungefähr die Hälfte und bei Republikanern etwa 4 von 10 in diese Kategorie fallen.
Die Beunruhigung hat konkrete Bezugspunkte. Laut der Umfrage nennen 60% der Amerikaner „extrem“ oder „sehr“ besorgniserregend, wie stark Rechenzentren in den jeweiligen Gemeinden Strompreise oder die Wasserversorgung beeinflussen können. Diese Sorge wirkt nicht aus dem Bauch heraus: Ein UN-Bericht, veröffentlicht im Juni, schätzt, dass der Wasserbedarf im Umfeld von KI in den kommenden Jahren deutlich steigen wird. Als grobe Größenordnung nennt das Papier, dass dies bis 2030 dem Bedarf von 1,3 Milliarden Menschen entsprechen könnte und natürliche Ressourcen für Milliarden weltweit gefährden würde. Für die USA allein verweist ein Bericht des Lawrence Berkeley National Laboratory aus dem Jahr 2024 darauf, dass Rechenzentren bis 2030 bis zu 11,8% des Stromverbrauchs ausmachen könnten.
Auch im Vergleich zu anderen umweltbelastenden Branchen schneidet KI-basierte Infrastruktur nicht gut ab. Die Umfrage ordnet die KI-Rechenzentrumsfrage stärker als bei der Fleischindustrie oder im Kontext des Flugverkehrs ein: Etwa zwei Drittel der US-Erwachsenen sprechen sich dafür aus, Rechenzentren zu verpflichten, ihre Stromversorgung über saubere Energiequellen wie Wind oder Solar zu decken. Rund 8 von 10 Demokraten unterstützen das, aber auch 56% der Republikaner. Technisch ist das ein echter Systemhebel, weil „sauberer Strom“ nicht nur eine Beschaffungsfrage ist, sondern auch Netzintegration, Speicherkapazitäten und regionale Erzeugungsprofile beeinflusst. Fehlen diese Alternativen, prognostiziert ein Bericht von BloombergNEF, dass US-Rechenzentren bis 2035 mehr Erdgas verbrauchen könnten als die meisten anderen Länder. Politisch wird das Spannungsfeld zusätzlich verschärft, weil die US-Administration den Ausbau von Rechenzentren stark unterstützt hat und in dem Zusammenhang klarmachte, dass Gemeinden den Ausbau nicht ausbremsen sollten.
Dass zugleich regulatorische Bremsen entstehen, überrascht vor diesem Hintergrund wenig. Die Umfragewerte kommen nämlich in einer Phase, in der immer mehr Städte und Bundesstaaten Moratorien gegen den Ausbau verhängen, bis die Auswirkungen besser verstanden sind. Stand September 2026 sind laut Urban Institute 313 Moratorien beschlossen worden, die 44 Bundesstaaten und mehr als 200 Städte, Landkreise und Kommunen betreffen. Michael Greenstone, der am Institut an der University of Chicago die Forschung mitverantwortet, die in die Umfrage einfloss, brachte es in einem wörtlichen Zitat gegenüber dem Umfrage-Umfeld auf den Punkt: „We’re undertaking a massive experiment in real time, and I don’t think there’ll be any putting the milk back in the bottle. Change is scary, and I think some of that is being reflected here.“ Für Betreiber und Investoren bedeutet das: Der Ausbaupfad wird vielerorts nicht allein durch Technik- und Standortfragen entschieden, sondern auch durch Genehmigungsdynamik, lokale Ressourcen und die gesellschaftliche Akzeptanz.
Für Unternehmen, die KI-Projekte planen, verlagert sich damit der Schwerpunkt von der reinen Rechenleistung hin zu einem belastbaren Infrastruktur- und Energie-Nachweis. Wenn 6 von 10 Menschen Begrenzungen neuer Rechenzentren unterstützen und gleichzeitig ein großer Teil saubere Stromquellen fordert, wird die Frage „Welches Energieprofil hat unser Training und Serving?“ stärker zu einer Geschäftsanforderung. Praktisch heißt das: Beschaffungsstrategien, Verträge für Stromlieferung, Berichte über Wasser- und Kühlkonzepte sowie der Umgang mit lokalen Genehmigungsfenstern rücken näher an die KI-Entwicklung selbst. Statt KI nur als Softwarethema zu behandeln, wird sie so auch zu einem Umweltthema mit messbaren Konsequenzen für Planung, Betrieb und Risikoabschätzung.
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