HERINGSDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Umweltverbände und Bürgerinitiativen wollen eine grundsätzliche Untersagung der Öl- und Gasförderung in der Ostsee erreichen. Die Petition, die laut BUND bisher 88.000 Unterschriften gesammelt hat, soll im September in Brüssel an die EU-Kommission übergeben werden. Sie richtet sich auch gegen eine mögliche Förderung in Polen unweit der Insel Usedom. Im Fokus steht die Debatte um eine Bohrung nahe Swinemünde und die Folgen für Meeresschutzgebiete, Natur und Risiko eines Unfalls.

In der Pommerschen Bucht verschärft sich der Streit um mögliche Öl- und Gasvorkommen entlang der Ostsee. Laut der Initiative um den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) soll eine Petition eine EU-weite Untersagung der Förderung erreichen. Die Absender wollen damit nicht nur bestehende oder künftige Projekte in der Region grundsätzlich stoppen, sondern auch eine eventuelle Förderung in Polen unweit der Insel Usedom verhindern. Damit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die für viele Ostseeanrainer gleich wirkt: Wie stark dürfen wirtschaftliche Interessen in sensiblen Meeresräumen in die Nähe von Schutzgebieten rücken, ohne dass das Risiko von Lärm, Schadstoffen oder Unfällen praktisch kalkulierbar bleibt?
Der konkrete Auslöser liegt in der bisherigen Erkundungstätigkeit: Nach Probebohrungen etwa sechs Kilometer von Swinemünde (Swinoujscie) entfernt hatte das kanadische Unternehmen Central European Petroleum (CEP) im vergangenen Jahr mitgeteilt, auf ein größeres Ölvorkommen gestoßen zu sein. Wenn sich die Befunde bestätigen sollten, wäre das nach den Angaben des polnischen Chefgeologen Krzysztof Galos mindestens seit dem Zweiten Weltkrieg der bedeutendste Fund in Polen. Auch wenn aus der Erkundungsbohrung noch kein genehmigtes Förderprojekt geworden ist, zeigt die Debatte, wie schnell ein geologischer Befund in politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen überspringt. Die Bohrplattform war nach der Exploration wieder abgezogen und war zeitweise vom Urlaubsort Heringsdorf aus sichtbar.
Auf deutscher Seite haben mehrere Organisationen den Konflikt mit einer gemeinsamen Linie verknüpft: BUND in Mecklenburg-Vorpommern, die Deutsche Umwelthilfe (DUH), der WWF sowie die Bürgerinitiative Lebensraum Vorpommern kündigten an, gemeinsam gegen eine mögliche Förderung vorgehen zu wollen. In der Mitteilung heißt es außerdem, dass das Bündnis sich rechtliche Schritte vorbehält. In der praktischen Wirkung geht es dabei weniger um einen kurzfristigen Baustopp als um die Frage, wie Entscheidungen über Genehmigungen, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Auflagen künftig begrenzt werden können. Genau hier setzen auch die Forderungen von DUH-Geschäftsführung Sascha MülIler-Kraenner an: Er verlangt, dass das aus der Erkundung abgeleitete Vorhaben nicht in ein genehmigtes Förderprojekt übergeht, und sieht dafür Landes- und Bundesregierung sowie die EU-Kommission in der Verantwortung.
Den Naturschutzaspekt macht BUND-Landesgeschäftsführerin Corinna Cwielag besonders stark: Die Pommersche Bucht sei ökologisch wertvoll, zugleich aber bereits stark belastet. Nur rund 200 Meter vom bisherigen Bohrstandort entfernt beginnen demnach europäische Meeresschutzgebiete. In diesem engen räumlichen Verhältnis liegt der Kern der Argumentation, denn es geht nicht nur um den späteren Förderbetrieb, sondern auch um Bau- und Logistikeffekte wie Unterwasserlärm. Cwielag verweist darauf, dass dort zahlreiche Seevögel rasten und überwintern und auch der vom Aussterben bedrohte Ostsee-Schweinswal diese Gewässer nutzt. Für die Praxis bedeutet das: Schon einzelne Projektphasen, etwa die Infrastruktur oder die Erschließung, können während sensibler Jahreszeiten erheblich ins Gewicht fallen.
Zusätzlich wird ein ganzes Bündel an Risiken adressiert, das in Umweltbewertungen typischerweise getrennt betrachtet wird: Unterwasserlärm, Schadstoffeinträge und das Risiko eines Ölunfalls. Gerade die Unfallszenarien gelten in der Debatte als besonders schwer wiegend, weil sie in Binnen- und Küstenregionen die Wiederherstellbarkeit von Ökosystemen stark beeinträchtigen können. Als weiteres Beispiel nennt die Initiative den Bau eines neuen Containerterminals in Swinemünde inklusive der Zufahrten. Damit wird die Förderung in eine breitere Landschaft aus Infrastrukturprojekten eingeordnet, bei der sich Belastungen kumulieren können. Wer eine Förderoption ins Gespräch bringt, muss dann gleichzeitig erklären, wie die Umweltfolgen über Bauphasen, Transportströme und Betriebszeiten hinweg gemanagt werden.
Auch der Markt- und Wirtschaftsrahmen spielt eine Rolle, weil die Region nicht isoliert betrachtet wird: Der Bau des Tiefwasser-Containerterminals in Swinemünde unweit der deutschen Seebäder auf Usedom gilt als eines der größten Projekte der polnischen Seewirtschaft. Inklusive Infrastruktur geht es nach Angaben um Milliarden-Investitionen. Der neue Hafen soll früheren Angaben zufolge auf die Abfertigung der größten Transatlantikschiffe mit bis zu 400 Metern Länge ausgelegt sein und in wenigen Jahren fertig werden. Damit kollidieren zwei Zeithorizonte: Während Industrieprojekte auf konkrete Fertigstellungstermine zielen, verlangen Naturschutzakteure planungsrechtliche Zurückhaltung, besonders dort, wo Schutzgebiete und sensible Arten in unmittelbarer Nähe liegen. Die Petition soll diesen Konflikt nun in ein EU-Verfahren tragen.
Politisch ist die Taktik klar: Unterschriften sammeln, um die EU-Kommission auf eine mögliche EU-weite Regelung aufmerksam zu machen. Der BUND nennt für die Petition bislang 88.000 Unterschriften, die aus ganz Europa stammen, aber besonders aus den Ostseeanrainerstaaten. Im September soll sie in Brüssel übergeben werden. Für Befürworter einer strikteren Umweltlinie ist das vor allem ein Signal, dass die betroffene Bevölkerung die Risiken nicht als Randthema behandelt. Für Entscheidungsträger dagegen stellt sich die Frage, wie sich eine potenzielle Förderoption trotz bisher fehlender Genehmigung politisch und rechtlich einordnen lässt: Entscheidend ist, ob die EU-Kommission den Fokus auf eine grundsätzliche Untersagung legt oder ob der Streit weiterhin über Einzelprojekte, Auflagen und Standortbewertungen geführt wird. Unabhängig vom Ausgang verschiebt das Vorgehen die Verhandlungslage bereits jetzt in Richtung präventiver Entscheidungen.
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