CITYCUBE BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Berlin haben ANOA und DGOU am 20. Oktober 2026 diskutiert, wie psychologische Faktoren in der Versorgung chronischer Bewegungsschmerzen verbindlich eingebunden werden. Im Fokus standen „Yellow Flags“ als psychosoziale Risikotreiber für Chronifizierung. Außerdem ging es um OPS-Strukturen der multimodalen Schmerztherapie und um verbindliche Beteiligungen aus Psychiatrie, Psychosomatik oder Psychotherapie. Offene Punkte betreffen vor allem, wie Ausbildung und Versorgungspfade künftig nahtlos zusammenspielen.

Chronische Schmerzen im Bereich Bewegungssystem lassen sich in der Praxis kaum sauber in „rein körperlich“ und „rein psychisch“ trennen. Genau diese Perspektive prägte die gemeinsame Fachsitzung der Arbeitsgruppe Psychosomatik der Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer manualmedizinischer Akut-Kliniken (ANOA) und der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). Am 20. Oktober 2026 traf sich die Fachcommunity im CityCube Berlin unter dem Titel „Berührungsängste in O& U?“ und rückte dabei die Schnittstellen beider Disziplinen in den Mittelpunkt. Der Anstoß dahinter: Wer Schmerzpatienten behandeln will, muss die Wechselwirkung aus Stress, Erwartung, Verhalten und biologischer Schmerzverarbeitung gleichzeitig ernst nehmen, sonst wird aus Therapie schnell ein Nebeneinander statt ein abgestimmtes Vorgehen.
Konkreter wurde es bei der Frage, welche Faktoren frühes Gegensteuern ermöglichen. Im Rahmen der Sitzung stellte Holtschmit „Yellow Flags“ vor, also psychosoziale Risikokonstellationen, die eine Chronifizierung begünstigen können. Dazu zählen insbesondere berufsbezogener Stress, Depressivität, Katastrophisieren sowie stark ausgeprägtes Schon- und Vermeidungsverhalten. Damit verschiebt sich der Blick weg von der Suche nach einem einzigen somatischen Erklärungsmodell hin zu einer Risikostratifizierung, die auch Anteile wie Angst vor Schmerz, Kontrollverlust oder anhaltende Leistungsunsicherheit abbildet. Köllner ordnete die Rolle psychotherapeutischer Ansätze ein und verwies darauf, dass Verhaltenstherapie bei chronischem Kreuzschmerz zu den wirksamsten Behandlungen zählen kann. Für Kliniken und Behandler ist das weniger eine theoretische Diskussion als eine Frage der konkreten Pfade: Laut ANOA seien psychotherapeutische Verfahren bereits fester Bestandteil standardisierter Behandlungspfade – insbesondere im Kontext der Multimodalen Komplexbehandlung (OPS 8-977) und der Multimodalen Schmerztherapie (OPS 8-918).
Der entscheidende Punkt für die Versorgungssystematik liegt in der verbindlichen Struktur: Für den Bereich der Multimodalen Schmerztherapie ist eine psychiatrische, psychosomatische oder psychologisch-psychotherapeutische Beteiligung verbindlich vorgeschrieben. Technisch betrachtet heißt das nicht automatisch „ein zusätzlicher Termin“, sondern eine Integration in die Prozessarchitektur einer Behandlungskette: Diagnose, Zielformulierung, Therapieplanung und Verlaufskontrolle müssen so zusammenlaufen, dass psychologische Einflussgrößen nicht erst am Rand adressiert werden. Genau hier entstehen in der Versorgung häufig Reibungsverluste, weil orthopädisch-unfallchirurgische Routinen und psychosomatische bzw. psychotherapeutische Arbeitsweisen historisch aus unterschiedlichen Traditionen kommen. Die Sitzung griff dieses Muster auf und machte deutlich, dass Berührungsängste nicht nur kulturell, sondern auch organisatorisch entstehen – etwa wenn Zuständigkeiten unklar sind oder Dokumentation und Befundlogik nicht gemeinsam gedacht werden.
Dass die Verknüpfung physischer und psychischer Beeinträchtigungen auch im rechtlichen Kontext sichtbar wird, zeigte ein Beispiel aus der sozialgerichtlichen Rechtsprechung. Das Sozialgericht Braunschweig stellte mit Urteil vom 12. August 2026 (Az. S 8 SB 182/25, nicht rechtskräftig) fest, dass sich psychische und körperliche Erkrankungen bei der Feststellung des Grades der Behinderung (GdB) gegenseitig verstärken können und damit einen höheren Gesamt-GdB begründen. In dem geschilderten Fall erhielt ein Kläger mit Einzel-GdB 30 für eine psychische Erkrankung und Einzel-GdB 20 für eine Lungenfunktionsstörung insgesamt einen GdB von 40 zugesprochen, nachdem die Behörde zuvor nur 30 festgesetzt hatte; die Schwerbehinderteneigenschaft mit GdB 50 wurde jedoch nicht zuerkannt. Für Praxis und Dokumentation ist daran vor allem relevant, dass „Summenlogik“ den klinischen Charakter chronischer Krankheitsverläufe oft nicht vollständig abbildet – die gemeinsame Betrachtung von Einschränkungen kann für Bewertungen entscheidend sein, insbesondere wenn Diagnosen unterschiedliche Funktionsbereiche betreffen.
Medizinisch ergänzt wurde die Diskussion durch den Hinweis, dass Schmerzsymptome auch ohne eindeutigen somatischen Befund real sind. Dr. Angelika Thönnes vom Universitätsklinikum des Saarlandes erläuterte diesen Punkt in einem Podcast, wobei es nicht um „Weg-Erklären“ geht, sondern um das Verständnis der Schmerzverarbeitung als komplexes Zusammenspiel aus Nervensystem, Kognition und Situation. Auch Dr. Anke Diezemann-Prüßdorf vom Deutschen Schmerz-Zentrum Mainz verwies auf die Dynamik zwischen Schmerz und Schlafstörungen: Bislang sei wissenschaftlich unklar, ob primär der Schmerz den Schlaf beeinträchtigt oder ob schlechter Schlaf die Schmerzwahrnehmung verstärkt. Solche Unsicherheiten sind für Therapieentscheidungen heikel, weil sie gleichzeitig zu individualisieren und strukturiert zu messen sind. In der Praxis wird daraus oft der Bedarf nach multimodalen Bausteinen, die Schlaf, Bewegung, psychologische Bewältigungsstrategien und medizinische Evaluation systematisch verbinden – nicht nur nacheinander, sondern abgestimmt.
Ein weiterer Strang betraf die Einbettung in Aus- und Weiterbildung. Als zentrales Fazit formulierten die Teilnehmenden strukturelle Anpassungen in der medizinischen Bildung: Psychosomatische Inhalte sollten fest in der Weiterbildungsordnung für Orthopädie und Unfallchirurgie verankert werden. Umgekehrt gelte es, körperliche Erkrankungen stärker in der psychotherapeutischen Ausbildung zu berücksichtigen, um Barrieren zwischen den Fachgebieten abzubauen. Damit verschiebt sich auch der Kompetenzanspruch an Fachärzte und Psychotherapeuten: Wer im Schnittstellenfeld arbeitet, braucht nicht zwangsläufig „die gesamte jeweils andere Disziplin“, aber ein gemeinsames Vokabular, klare Überweisungslogik und Kenntnisse darüber, wie psychosoziale Risikofaktoren im Verlauf erkennbar werden. Gerade bei chronischen Verläufen, in denen Schon- und Vermeidungsverhalten die Funktionsfähigkeit weiter reduziert, ist frühzeitiges, konsistentes Handeln oft entscheidend.
International wird der Fokus auf die Strukturierung der Schmerzversorgung ebenfalls sichtbar. In Frankreich präsentierten die Étatst généraux de la douleur des femmes anlässlich des Welt-Schmerztages am 19. Oktober 2026 insgesamt 33 Empfehlungen; das Kolloquium adressierte dabei unter anderem Anerkennung und Ausbildung des Fachpersonals, Forschungsfragen sowie den Umgang mit Vorurteilen im Behandlungskontext, insbesondere wenn es um die Banalisierung von Schmerzen bei Frauen geht. Solche Initiativen zeigen, dass multimodale Schmerztherapie nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein gesellschaftliches und organisatorisches Thema ist: Standardisierte Pfade brauchen passende Ausbildung und klare Verantwortlichkeiten, sonst bleiben sie auf dem Papier. Für Einrichtungen ergibt sich daraus die praktische Herausforderung, Schnittstellen zu operationalisieren – etwa durch abgestimmte Behandlungspfade, einheitliche Dokumentation und Schulungen, die die Beteiligung nach OPS 8-918 tatsächlich in den Alltag übersetzen.
Für die nächsten Schritte ist deshalb weniger der einzelne Baustein entscheidend als die Prozesskette rund um ihn. Wenn Yellow Flags als Risikosignal gelten und gleichzeitig die Beteiligung aus Psychiatrie, Psychosomatik oder psychologisch-psychotherapeutischer Behandlung verbindlich in der multimodalen Schmerztherapie verankert ist, müssen Kliniken die Zusammenarbeit so organisieren, dass daraus für Patienten ein konsistenter Verlauf entsteht. Das beginnt bei der Aufnahme und Zielformulierung, setzt sich über Therapieplanung und Verlaufsmonitoring fort und endet bei Überleitungen. Im Ergebnis kann multimodale Schmerztherapie dann das leisten, was chronische Schmerzpatienten häufig am meisten brauchen: eine Behandlung, die nicht nur Symptome adressiert, sondern ihre Entstehungs- und Verstärkungsmechanismen im Zusammenspiel von Körper und Psyche systematisch mitdenkt.
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