LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Auswertung in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) warnt vor dem schleichenden Rückgang der Gemüsebiodiversität. Dabei essen viele Menschen weltweit deutlich weniger Gemüse als empfohlen: häufig liegt die Aufnahme rund 40 % unter Zielwerten für eine gesunde Ernährung. Die Forschenden verknüpfen die sinkende Sortenvielfalt sowohl mit Nährstoffverlusten als auch mit geringerer Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel. Als Gegenstrategie nennen sie den gezielten Erhalt und die Nutzung traditioneller Sorten sowie ihrer wilden Verwandten.

Verschwinden von Gemüsesorten: Studie fordert mehr Biodiversität für gesündere Ernährung
Verschwinden von Gemüsesorten: Studie fordert mehr Biodiversität für gesündere Ernährung (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer im Supermarkt die Gemüseabteilung mit Blick auf die Farbe und die Form scannt, sieht Vielfalt – und genau diese Wahrnehmung kann täuschen. Die PNAS-Studie ordnet das Problem anders: Viele Konsumentinnen und Konsumenten bekommen weniger Arten und Sorten auf den Teller, als für eine langfristig ausgewogene Versorgung nötig wäre. Das hat zwei Ebenen: Ernährungsmedizinisch fehlen dann potenziell wichtige Mikronährstoffe, und agronomisch leidet die Widerstandsfähigkeit der Produktion, weil weniger genetische Varianten zur Verfügung stehen. Der Befund ist dabei nicht nur theoretisch, sondern lässt sich an klaren Kennzahlen festmachen, die in der Arbeit zusammengeführt werden.

Ein zentraler Hebel ist die mengenmäßige Unterversorgung. Laut der Studie konsumieren die meisten Menschen weltweit etwa 40 Prozent weniger Gemüse als für eine gesunde Ernährung empfohlen. Dass das alarmierend ist, begründen die Autorinnen und Autoren auch über den globalen Krankheitskontext: Eine niedrige Gemüseeinnahme gehört laut der Studie zu den fünf wichtigsten Ernährungsrisikofaktoren, die zur weltweiten Krankheitslast beitragen. Gleichzeitig wird die Sortenfrage mit Alltagsthemen verknüpft, etwa mit knappen Budgets: Wenn Geld knapp wird, fallen Gemüse oft als Erstes aus der Einkaufsliste. Für Landwirtschaftsbetriebe erhöht sich der Druck zusätzlich durch die Haltbarkeit, weil viele Gemüsesorten als verderblich gelten und dadurch wirtschaftlich stärker unter Preisschwankungen leiden.

Die Studie macht anschließend deutlich, wie die industrielle Landwirtschaft diese Lücke verstärkt. Vor der großflächigen Industrialisierung sei es deutlich mehr Pflanzenvielfalt gewesen, die für Nahrung angebaut wurde. Als anschauliches Beispiel nennen die Forschenden mehr als 4.000 Kartoffel-Varianten als historische Breite; in den USA würden jedoch nur rund fünf bis acht Sorten in großem Maßstab genutzt. Auf der technischen Seite greifen dabei mehrere Mechanismen ineinander: künstliche Selektion über lange Zeiträume, Monokulturen für die Massenproduktion und – wo eingesetzt – genetische Modifikationen. Dazu kommen die Lieferketten, die Produkte über Regionen standardisieren müssen und damit oft auf ein enges Sortiment hinauslaufen, das sich logistisch und geschmacklich konsistent vermarkten lässt.

Besonders relevant ist der Blick auf wildlebende Verwandte und damit auf genetische Reserven, die als „Baumaterial“ für Züchtung dienen. Die Studie verweist auf eine Schätzung der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen (FAO): 24 Prozent der auf Art-Ebene bewerteten wilden Verwandten von Gemüsepflanzen stünden demnach in Gefahr, auszusterben. Wenn diese genetische Vielfalt schrumpft, verlieren Pflanzenpopulationen nicht nur potenzielle Nährstoffprofile, sondern auch Anpassungsfähigkeit an Stressoren wie Hitze, Trockenheit oder neue Krankheitsdrucklagen. In dem Zusammenhang greifen die Autorinnen und Autoren ein Argument auf, das auch für Entscheiderinnen und Entscheider in Unternehmen greifbar ist: Eine eingeschränkte Sortenbasis macht Produktionssysteme berechenbarer, aber auch verwundbarer.

Der Bericht arbeitet mehrere Gemüsebeispiele heraus, die bislang oft regional bleiben. Unter den genannten Sorten und Nutzpflanzen werden etwa Spider Plant, Slippery Cabbage und Bitter Gourd beschrieben. Spider Plant wird als dunkelgrünes Blattgemüse in Afrika eingeordnet, das für Robustheit gegenüber dem Klimawandel identifiziert wurde und zugleich viele essenzielle Nährstoffe enthält. Slippery Cabbage ist laut Studie in Teilen des Pazifikraum besonders verbreitet und soll dort ein großes Potenzial besitzen, die Ernährung von Frauen und Kindern zu verbessern. Bitter Gourd findet sich im Bericht außerdem als klimaresilient in Asien und der Karibik; die Forschenden sehen hier Chancen, die Züchtung für tropische Anbauregionen zu stärken. Daneben fällt auch der Hinweis auf die bekannte Zucchini- und Kürbisverwandtschaft: Der Kürbis (Pumpkin) könne Dürre und Hitze tolerieren und liefere Früchte reich an Beta-Carotin, doch die genetischen Ressourcen seien offenbar weiterhin „untergenutzt und schlecht konserviert“.

Ein weiterer Punkt, der in der Arbeit operativ wird: Viele Optionen liegen bereits in Genbanken, sind aber nicht flächendeckend verfügbar und nicht sauber „abgedeckt“. Die Forschenden schreiben, dass derzeit nur wenige lokale Varianten konserviert seien und es Lücken in den Sammlungen gebe. Das bremst Züchtungsvorhaben und erschwert die Entwicklung verbesserter Sorten für eine Skalierung über größere Anbauflächen. Für die Praxis nennen die Autorinnen und Autoren außerdem eine zeitliche Dimension: Der laufende Verlust von Biodiversität betrifft nicht „irgendwann in ferner Zukunft“, sondern läuft bereits während globale Ernährungssysteme dringend stärker diversifizieren müssten. Insgesamt beziffern die Autorinnen und Autoren den Verlust für die betrachteten Pflanzenfamilien auf den Zeitraum, in dem „1.480-plus“ Gemüsearten betroffen sind, und argumentieren, dass eine bessere Abstimmung unter einer globalen Initiative sicherstellen soll, dass lokale und regionale Bemühungen in Verbesserungen der Ernährung auch auf globaler Ebene übersetzen.

Damit die wissenschaftliche Forderung nicht abstrakt bleibt, skizzieren die Autorinnen und Autoren vergleichsweise konkrete Einstiegspunkte. Für Gärtnerinnen und Gärtner wird empfohlen, gezielt nach Landrace- und Heirloom-Varianten Ausschau zu halten, Saatgut aus dem eigenen Anbau zu sammeln und über Jahre hinweg weiterzuvermehren. Wer stärker über den Handel wirken will, soll laut Bericht außerdem eher bei Bauernmärkten oder unabhängigen Händlern einkaufen, um ein breiteres Spektrum an Gemüse (und Früchten) zu finden. Auch die Industrie kann daraus eine strategische Aufgabe ableiten: Sortenvielfalt ist keine Lifestyle-Idee, sondern beeinflusst Lieferkettenrisiken, Nährstoffprofile und die Zukunftsfähigkeit von Züchtung. In diesem Sinne ist das „Leise“ an der Entwicklung vor allem eins: Man merkt den Verlust nicht als einzelne Schlagzeile, aber er wirkt in der Breite über Ernten, Gesundheit und Widerstandsfähigkeit hinweg.


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