LONDON (IT BOLTWISE) – Auf dem Arts Quad in Cornell lädt eine Installation unter dem Titel „Vibe Coating“ Besucher dazu ein, ihre Stimmung per Smartphone einzugeben. Die App überlagert anschließend das Stoffbild mit KI-generierten Atmosphären und reagiert auf wiederholte Prompts in Echtzeit. Grundlage dafür ist Chroma-Key-Farbtechnik mit blau/grünen Stoffsegmenten, kombiniert mit einer webbasierten Prompt-Logik über QR-Code. Das Projekt positioniert Mobilgeräte dabei nicht als digitale Silos, sondern als Werkzeug für eine gemeinsame, visuelle Raumwirkung.

„Vibe Coating“ zeigt, wie sich der Gedanke des Campus-„Shared Space“ technisch zuspitzen lässt: Statt dass Smartphones die Aufmerksamkeit auf einzelne Bildschirme bündeln, nutzen die Macher das Mobilgerät als visuellen Mitspieler im Raum. Auf dem Arts Quad entsteht eine interaktive Installation, die Besucher nicht nur konsumieren lassen soll, sondern ihnen über eine Eingabeoberfläche auch die Gestaltung der erzeugten Bilder überträgt. Ausgangspunkt ist ein Designforschungsprojekt, das physische Textilien und digitale Bildgenerierung zusammenbringt und damit klassische Grenzen zwischen Ausstellung, Interface und Wahrnehmung verwischt.
Im Zentrum steht ein Set aus rund 30 blau-grünen, „garment-style“ Stoffstücken, die auf der Wiese wie eine große Picknickdecke ausgebreitet werden können und teils auch wie Capes getragen werden. Entscheidend ist dabei nicht nur die Form, sondern die verwendete Chroma-Key-Technik: Die Stoffe enthalten „chroma-keyed“ Pigmente, die farblich als frei wählbare Hintergründe für digitale Überlagerungen dienen. Chroma Key ist als Konzept aus TV-Wettergrafiken und Film-Spezialeffekten bekannt, wird hier aber bewusst in einem Ausstellungskontext „zugänglich“ gemacht, indem die Farbkanäle für die Nutzer in einer einfachen Auswahloberfläche abbildbar werden.
Die technische Abfolge beginnt am Boden: Über einen QR-Code vor Ort öffnen Teilnehmer eine webbasierte App. Dort geben sie ihre „Vibe“ in natürlicher Sprache ein, etwa als „rainy day“, „golden hour“ oder „neon glow“. Nach der Auswahl der relevanten Farbschichten – blau, grün oder beides – nutzt die Smartphone-Kamera die Chroma-Key-Pigmente, um die Stoffflächen als präzise Zielbereiche für die digitale Komposition zu markieren. Das Ergebnis ist eine KI-generierte Bildatmosphäre, die die Stoffoberfläche überlagert; die herunterladbare Bilddatei verändert sich mit jedem neuen Prompt, sodass aus der Einmalaufnahme eine fortlaufende, promptgesteuerte Bildsequenz wird.
Für die Demonstration am Standort in Cornell wurde das System direkt in die Alltagskulisse eingebettet: In der Nähe der Statue von A.D. White erschien das Team per App „sitzend“ auf einer shimmering purple blanket – mit Farbakzenten wie feurigen Orange-Tönen, die außerdem durch Teile des blauen Himmels aufgenommen wurden. Danach reagierte das System auf weitere Eingaben, inklusive einer Beschreibung mit „a chaotic explosion of geometric golden-yellow“. Diese Beispiele machen den Kernmechanismus greifbar: Das, was Nutzer formulieren, wird nicht nur in Textform „gespeichert“, sondern als visuelles Ensemble in einer geteilten Oberfläche sichtbar, wodurch Stimmungserzählungen in eine gemeinsame Ästhetik übersetzt werden.
Aus konzeptioneller Sicht betonen die Projektverantwortlichen, dass der Zielkonflikt zwischen individueller Mediennutzung und sozialer Kopplung nicht einfach umgangen, sondern produktiv umgedreht wird. Jefferson und Lettieri ordnen „Vibe Coating“ als Erweiterung einer früheren Installation ein, die im Rahmen von Exhibit Columbus in Indiana gezeigt wurde; beide Projekte untersuchen, wie Design und Technologie sozial konstruktive öffentliche Räume stärken können. In der begleitenden wissenschaftsnahen Einordnung wird Chroma-Key als vergleichsweise „alte“ Technologie beschrieben, die in der neuen Kombination mit moderneren KI-Werkzeugen eine Brücke zwischen realem Farbraum und digitalem Bildraum schlägt: Die grün/blau-haltigen Bereiche fungieren dabei als austauschbare Platzhalter und erlauben zugleich die Überlagerung zweier Existenzformen – real vor Ort und algorithmisch enthüllt.
Auch die Namensgebung zielt auf diese Brücke: „Vibe Coating“ spielt auf „vibe coding“ an, also auf das Schreiben von Code mithilfe natürlicher Sprache mit Unterstützung von KI. Im Alltag der Installation wird dieser Ansatz allerdings nicht als reines Entwickler-Tool präsentiert, sondern als erlernbare Partizipation an visuellen Effekten, die zudem über die Wearability des Materials gestützt wird. Während in öffentlichen Debatten derzeit häufig die potenziell schädlichen Auswirkungen von KI im Mittelpunkt stehen, arbeitet das Projekt bewusst gegen eine rein defensiv geprägte Perspektive: Es will zeigen, dass KI-Bildgenerierung auch als Medium für Gemeinschaft, Interdisziplinarität und gemeinsame Wahrnehmung funktionieren kann.
Damit verschiebt sich die Frage von „Was macht die KI?“ hin zu „Wie wird die Interaktion gestaltet?“. In Workshops und Bildungsformaten – inklusive Angeboten mit Schülerinnen und Schülern in Columbus sowie in New York City – wird untersucht, wie solche Prinzipien in Curricula und Programmierung eingehen können. Praktisch heißt das: Teilnehmende lernen nicht nur, Prompts zu formulieren, sondern erleben auch unmittelbar, warum technische Vorbedingungen (wie Chroma-Key-Farbsegmente) notwendig sind, um Konsistenz zwischen Kameraaufnahme und digitaler Überlagerung herzustellen. Ergänzend wird im Umfeld des Projekts ein Vortrag („Social Surfaces“) am Pratt Institute angekündigt, ebenso die Veröffentlichung eines Artikels über „Apart, Together“ in der Zeitschrift CriticalProductive.
Für Aussteller, Tech-Teams und Verantwortliche von Campus- oder Museumsformaten ist besonders relevant, dass die Installation den „Silo“-Effekt nicht nur behauptet, sondern durch eine konkrete Interaktionsarchitektur adressiert. Die wiederholte Eingabe neuer Vibes, die fortlaufende Aktualisierung der Bildausgabe und das physische Gegenstück in Form von Stoffflächen schaffen eine Schleife, in der Gruppenstimmung sichtbar wird – ohne dass die Technik zur reinen Black-Box wird. „Vibe Coating“ ist damit ein Beispiel dafür, wie KI nicht zwangsläufig neue Barrieren erzeugen muss, sondern auch als Werkzeug eingesetzt werden kann, das gemeinsame Mediennutzung in den Raum zurückholt: Die Installation öffnete am 30. August und ist bis 20. September zu sehen, wobei das Projekt zur Schonung der Grasfläche periodisch den Platz wechselt.
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