BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der VKU fordert beim Kongress in Berlin mehr rechtliche und praktische Spielräume, um kritische Stromnetze besser vor Sabotage zu schützen. Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing nennt vor allem Restriktionen wie Datenschutz und weitere Regeln, die den Einsatz von Videoüberwachung ausbremsen. Gleichzeitig müsse die Resilienz steigen, damit Netze nach erfolgreichen Angriffen schneller wieder stabil laufen. Die Größenordnung ist beträchtlich: In Deutschland gibt es laut VKU-Angaben rund 250 Umspannwerke und etwa 130.000 Kilometer Hoch- und Höchstspannungsleitungen.

VKU fordert mehr Schutz für Stromnetze: Restriktionen bremsen Resilienz
VKU fordert mehr Schutz für Stromnetze: Restriktionen bremsen Resilienz (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Ruf nach mehr Schutz für Stromnetze wirkt auf den ersten Blick wie eine klassische Sicherheitsdebatte. Bei genauerem Hinsehen geht es aber um ein enges Zusammenspiel aus Infrastrukturtechnik, rechtlichen Rahmenbedingungen und der Frage, wie schnell sich ein Betreiber nach einem Störfall wieder in den Normalbetrieb zurückkämpfen kann. Der Stadtwerkeverband VKU hat hierzu beim Kongress in Berlin deutlich gemacht, dass die aktuellen Möglichkeiten vielerorts nicht ausreichen, um kritische Anlagen konsequent zu überwachen und Angriffe früh genug zu erkennen. Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing setzt dabei auf eine nüchterne Grundlage: Eine hundertprozentige Sicherheit werde es auch mit besseren Maßnahmen nicht geben, aber „mehr tun“ als heute müsse grundsätzlich möglich sein.

Im Zentrum steht die konkrete Einschränkung durch Datenschutz und andere Restriktionen. Liebing führt als Beispiel an, dass Stadtwerke Einrichtungen nicht in dem Umfang per Videoüberwachung sichern können, der aus Sicht des Schutzes sinnvoll wäre. Technisch betrachtet ist Videoüberwachung im Netzbetrieb zwar kein Ersatz für Schutzleittechnik und Leitungsautomatisierung, sie kann jedoch die Detektion verbessern: Statt nur auf Störungsmeldungen aus der Fernüberwachung zu reagieren, können Vorfälle früher sichtbar werden, etwa durch ungewöhnliche Zugänge, Manipulationsversuche oder das gezielte Annähern an kritische Bauteile. Gerade bei Anlagen, die über weite Strecken verteilt sind, gewinnt diese Frühwarnlogik an Gewicht, weil sich Zeitfenster für Reaktion und Absicherung in der Praxis schnell verkürzen.

Die Größenordnung der Aufgabe macht deutlich, warum reine Personenschutz-Modelle schwer funktionieren. In Deutschland gibt es laut VKU-Angaben rund 250 Umspannwerke und rund 130.000 Kilometer Hoch- und Höchstspannungsleitungen. Damit ist das „klassische“ Muster, überall einen Polizisten zu positionieren, schlicht nicht durchhaltbar. Aus Betreibersicht führt das zu einer Architektur aus mehreren Schichten: Detektion über Sensorik und Videokontrolle, Absicherung über Zugangskonzepte, technische Widerstandsfähigkeit der Leitungs- und Netzkomponenten sowie vor allem betriebliche Prozesse für den Wiederanlauf. Das Stichwort Resilienz zielt genau auf diese letzte Komponente: Nach erfolgreichen Angriffen muss ein Netz nicht nur „irgendwie“ weiterlaufen, sondern mit klaren Wiederherstellungswegen, vorbereiteten Umgehungs- und Einsatzszenarien so schnell wie möglich zur Stabilität zurück.

Die Debatte ist nicht isoliert: Auch RWE hatte nach einer Serie von Sabotage-Angriffen auf das Stromnetz in mehreren Bundesländern einen besseren Schutz kritischer Infrastruktur gefordert. In dem Kontext kritisiert der RWE-Chef Markus Krebber unter anderem Transparenzgesetze, die Informationen zur kritischen Infrastruktur öffentlich machen. Der Kern der Argumentation dahinter ist aus Sicht der Betreiber nachvollziehbar: Je besser Angriffsflächen und Standorte für Dritte erkennbar sind, desto stärker steigt die Notwendigkeit, dass Schutzmaßnahmen, Informationsschutz und physische Sicherung in einem gemeinsamen Zielbild funktionieren. Gleichzeitig bleibt aber die praktische Frage offen, wie sich Transparenz und Sicherheit so ausbalancieren lassen, dass Versorgungssicherheit nicht durch übermäßige Geheimhaltung geschwächt wird und „security through obscurity“ nicht zur einzigen Strategie wird.

Dass die Bedrohungslage konkret genug ist, zeigt die polizeiliche Spurensuche nach den Angriffen. Nach der Serie von Sabotage-Angriffen auf das Stromnetz nahm die Polizei einen 48-Jährigen fest; Ermittler glauben, dass er an mehreren Orten in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen versucht hat, Stromleitungen in der Nähe von Kohlekraftwerken zu sabotieren. In einigen Fällen soll dies gelungen sein. Für Betreiber ist das weniger eine Schlagzeilenfrage als ein Anstoß, die eigenen Incident-Response- und Recovery-Planungen zu schärfen: Wo liegen die Schwachstellen in Zugang, Überwachung, Wartungsrouten und Alarmierung? Welche Informationen müssen im Krisenfall verfügbar sein, und welche werden zu langsam bereitgestellt? Gerade diese Mischung aus physischen und operativen Faktoren entscheidet am Ende darüber, ob ein Angriff „nur“ Schäden verursacht oder eine längere Versorgungsunterbrechung nach sich zieht.

Für die Praxis bedeutet das: Neue Möglichkeiten zum Schutz kritischer Infrastruktur müssen sich unmittelbar in umsetzbare technische und organisatorische Maßnahmen übersetzen lassen. Wenn Videoüberwachung wegen Datenschutz und Restriktionen nur eingeschränkt möglich ist, verschiebt sich der Schwerpunkt häufig auf andere Detektionsformen wie Zugangskontrollen, zusätzliche technische Sensoren, verstärkte Begehungs- und Wartungsprozesse sowie Regelwerke für den Umgang mit Alarmen. Parallel dazu steigt der Wert eines strukturierten Resilienz-Ansatzes im Sinne schneller Wiederinbetriebnahme: vorbereitete Schalt- und Instandhaltungsabläufe, klar definierte Verantwortlichkeiten zwischen Netzbetrieb, Leitstelle und Dienstleistern sowie Testläufe, die auch seltene Szenarien abdecken. Unternehmen und Stadtwerke sollten das als Investitionssignal lesen, nicht als bloße Diskussion über Zuständigkeiten.

Auch wirtschaftlich ist der Effekt spürbar, weil Schutz- und Resilienzmaßnahmen Teil der Betriebsrisiken werden. Je kürzer Netze nach einem Vorfall aus dem Gleichgewicht geraten, desto geringer ist der Folgeschaden durch Lastverschiebungen, Ersatzmaßnahmen und zusätzliche Wartungseinsätze. Nebenbei verändert sich die Erwartungshaltung an KI-gestützte Auswertung von Sensordaten: Wo Videostreams oder Meldungen aus Leitstellen anfallen, kann KI helfen, Muster schneller zu erkennen und Alarme präziser zu priorisieren. Entscheidend bleibt jedoch, dass solche Werkzeuge im Gesamtsystem funktionieren – vom Rechtsrahmen über die technische Datenpipeline bis hin zu den operativen Handlungsanweisungen im Einsatzfall. Genau hier setzen Forderungen nach mehr Spielräumen an: nicht als „mehr Technik um jeden Preis“, sondern als Ermöglichung, was im Ernstfall tatsächlich Zeit spart.


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