WASHINGTON D.C. / LONDON (IT BOLTWISE) – US-Senatorin Elizabeth Warren fordert eine neue Überprüfung der OCC-Zulassung für Ripple als „National Trust Bank“. In einem Schreiben argumentiert sie, die Genehmigung verstoße gegen den National Bank Act und gefährde die Stabilität des US-Bankensystems. Gleichzeitig rückt die Debatte auch andere genehmigte „national trust banking“-Charter in den Fokus, darunter Anträge mit Bezug zu Coinbase und Circle. Für den XRP-Ökosystem bedeutet das zwar regulatorische Fortschritte, doch juristische Unklarheit könnte die Zeitpläne spürbar verschieben.

US-Senatorin Elizabeth Warren macht erneut Druck auf die Aufsichtsbehörden im Kryptowährungssektor – diesmal mit Blick auf eine der bedeutsamsten Banken-Entscheidungen der jüngeren Krypto-Regulierungshistorie. Konkret geht es um die Office of the Comptroller of the Currency (OCC), die Ripple im Dezember 2025 eine bedingte Genehmigung erteilte, als National Trust Bank zu operieren. Damit erhält Ripple unter Bundesaufsicht einen klareren Rahmen für digitale Asset-Custody und positioniert den RLUSD-Stablecoin für eine mögliche regulatorische Anerkennung. Warren sieht das jedoch nicht als „Fortschritt“, sondern als Überschreitung von Gesetzesgrenzen.
Der Kern ihres Arguments richtet sich an die rechtliche Auslegung des National Bank Act. Warren schreibt an OCC-Komptroller Jonathan Gould und behauptet, die Bewilligung verletze das Gesetz, weil das Geschäftsmodell der betroffenen Unternehmen faktisch stärker in Richtung „Krypto-Banking“ als in Richtung klassischer Treuhandstrukturen ziele. Historisch waren National Trust Banks vor allem auf treuhänderische Dienstleistungen ausgerichtet: Dazu zählt das Halten und Verwalten von Vermögenswerten im Auftrag Dritter. Warrens Streitpunkt ist, dass die OCC Charter-Modelle genehmigt habe, die über diese traditionellen Treuhandaktivitäten hinausgehen und damit die Reichweite der Bankengesetzgebung ausweiten.
Technisch und organisatorisch ist dabei vor allem die Frage spannend, wie Custody für digitale Assets unter Bankregeln implementiert wird. Eine „National Trust Bank“ ist nicht nur ein Etikett, sondern bringt Compliance-Pflichten, Auditierbarkeit und definierte Risikoklassen mit sich: Vermögenssicherung, Zugriffskontrollen, Verwahrketten (Proofs of Control), Incident-Response sowie Anforderungen an Governance und Kontinuität. Ripples bedingte Genehmigung soll hier bundesweite Aufsicht ermöglichen. In der Praxis bedeutet das, dass Prozesse für Schlüsselverwaltung, Transaktionsautorisierung und die Abbildung von Stablecoin-Reserven in ein Bank-ähnliches Kontroll- und Reporting-Umfeld übersetzt werden müssen – eine Schnittstelle, die in der Branche bislang oft zwischen Tech-Compliance und regulierter Bankenpraxis überbrückt werden musste.
Marktseitig ist die Maßnahme zudem nicht nur „Ripple vs. OCC“. Warren weitet die Kritik auf ein Muster aus: Die OCC habe nationale trust banking Charter-Anträge für insgesamt neun Unternehmen und deren Affiliates genehmigt, darunter auch Coinbase und Circle. Damit steht die regulatorische Deutungshoheit im Raum – und potenziell geraten mehrere Anbieter gleichzeitig unter erhöhte rechtliche Beobachtung. Für den Wettbewerb ist das relevant, weil „Custody- und Stablecoin-Status“ nicht nur Marketing ist, sondern den Zugang zu institutionellen Partnern, Zahlungswegen und KYC/AML-Workflows beeinflusst. Branchenbeobachter berichten, dass ein solcher Charter-Frame – je nach Auslegung – zu schnelleren Integrationen bei Banken und Finanzintermediären führen kann.
Ein weiterer Teil von Warrens Strategie ist politisch getaktet. Ihre aktuelle Intervention passt in einen länger bekannten Kurs: Sie tritt seit Jahren prominent als Kritikerin von Kryptoprojekten im US-Kongress auf und nutzt Gesetzgebungsprozesse, um konkrete Regulierungs- und Einstufungsfragen nachzuschärfen. Im Umfeld der Senate Banking Committee-Markups zum Digital Asset Market Clarity Act (CLARITY Act) reichte sie zuvor eine Vielzahl von Änderungsanträgen ein, darunter 44 Vorschläge im Kontext des Gesetzespakets. Ein Beispiel war die Diskussion um eine „grandfather clause“, die bestimmte digitale Assets automatisch als Commodities klassifizieren könnte, sofern sie bereits bis zum 1. Januar 2026 bestimmte börsengehandelte Produkte stützen. Ziel: solche Automatismen zu verhindern, um die Einstufung enger an neue Prüfungen zu koppeln.
Während Warrens Amendments im parlamentarischen Prozess nicht überall durchgingen, bleibt die regulatorische Bewegung für Ripple und XRP weiterhin grundsätzlich aktiv: Ripple verfügt über die bedingte OCC-Zulassung, und der CLARITY Act schreitet in Richtung einer umfassenderen Abstimmung im Senat voran. Entscheidend ist nun die von Warren gesetzte Frist: Bis zum 1. Juni 2026 verlangt sie die Vorlage von Charter-Unterlagen sowie potenziell relevante Kommunikationsbezüge, inklusive solcher, die Familienmitglieder im Umfeld der politischen Debatte betreffen könnten. Für Unternehmen bedeutet diese Form der „politisch-juristischen“ Prüfung zwar nicht automatisch eine sofortige Blockade – sie erhöht aber die Unsicherheit bei Roadmaps, Partnering und der Planung regulatorischer Meilensteine. Gerade bei Custody-Services zählt jede Verzögerung, weil Implementationen in Bankenarchitektur typischerweise mehrere Monate bis Jahre dauern.
Aus Compliance- und Sicherheits-Sicht berührt der Streit auch zentrale Datenschutz- und Sicherheitsfragen. Wenn digitale Vermögenswerte im Rahmen einer Banklizenz bzw. einer trust-banking-nahe Struktur verarbeitet oder verwahrt werden, müssen Datenflüsse streng kontrolliert werden: wer Zugriff auf Kundendaten erhält, wie Metadaten geloggt werden, welche Aufbewahrungsfristen gelten und wie das Lösch- bzw. Einschränkungsregime mit regulatorischen Records-Management-Anforderungen kollidiert. Zusätzlich rücken Resilienz- und Risikoaspekte in den Vordergrund, also die „safety and soundness“-Perspektive, die Warren betont. Für die praktische Umsetzung heißt das: Ein Anbieter muss zeigen, dass Betrieb, Verwahrung und Liquiditätslogik auch unter Stress- und Ausfallbedingungen funktionieren.
Wie könnte es weitergehen? In der Zukunft hängt viel davon ab, ob die OCC ihre Auslegung gegen Warrens rechtliche Einwände verteidigt oder ob Gerichte bzw. nachgelagerte Prüfmechanismen die Reichweite „national trust banking“ enger interpretieren. Für die Branche wäre ein klarer Rahmen ein Vorteil: Er würde Entwicklern und Plattformbetreibern helfen, Custody-Architekturen, Stablecoin-Reserven und Compliance-Reporting konsistenter zu designen. Umgekehrt kann ein anhaltender Streit den Zeitdruck erhöhen und dazu führen, dass Unternehmen ihre Integrationen mit Banken, Börsen und Treasury-Partnern stärker stufenweise planen. Wahrscheinlich ist außerdem, dass der CLARITY Act – unabhängig vom Ausgang einzelner Charterverfahren – die Marktlogik für digitale Assets nachhaltig prägen wird, weil Einstufung und regulatorischer Pfad unmittelbar über Produkte, Vertriebskanäle und die Art der Kontrollen entscheiden.
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