DAVOS / LONDON (IT BOLTWISE) – In den Alpen verschärfen wenig Schnee im Winter, milder Frühling und anhaltende Hitze die Bedingungen für Bergsteiger und Wanderer. Fachleute warnen vor Blankeis-Passagen, kollabierenden Schneebrücken und größeren Randspalten auf Gletschern. Besonders kritisch wird die Lage, weil die Null-Grad-Grenze im Sommer ungewöhnlich hoch liegt und Permafrost auftaut. Dazu kommt: Alte Karten und späte Startzeiten können ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln.

Wer sich in den Alpen noch auf „bewährte“ Routenvorstellungen verlässt, muss in diesem Jahr besonders misstrauisch sein: Die Kombination aus wenig Schneefall im Winter, einem warmen Frühling und langanhaltender Hitze verändert das Gelände schneller als klassische Erfahrungswerte. Für Bergsteiger und Wanderer erhöht das vor allem das Risiko in Höhenlagen, in denen sich Schnee und Eis früher stabil „anfühlen“ als sie es tatsächlich sind. Der Schweizer Alpen-Club (SAC) beschreibt die Lage dabei als ungünstige Konstellation, die aus der geringen Schneedecke, milden Temperaturen und frühen Hitzewellen entsteht.
Technisch betrachtet rückt damit ein Detail in den Fokus, das viele Tourenpläne bisher eher als Randthema behandeln: die Höhenlage der Null-Grad-Grenze. Laut SAC lag die Null-Grad-Grenze in diesem Sommer teils über 4.000 Meter, in der aktuellen Phase sogar annähernd bei 5.000 Meter. Im langjährigen Durchschnitt soll sie im Sommer dagegen zwischen 3.000 und unter 4.000 Metern liegen. Diese Verschiebung wirkt nicht nur auf Schnee als „Zudeckung“, sondern beeinflusst auch den Untergrund direkt: Wo tagsüber Eis oder gefrorener Schnee auftaut und nachts wieder gefriert, entstehen Blankeis-Passagen und gleitfähige Oberflächen. Der Deutsche Alpenverein (DAV) nennt zudem konkrete Gefahrenbilder wie Schneebrücken über Gletscherspalten, die kollabieren können, und Randspalten, die größer werden.
Auch nach der Abkühlung bleibt das Problem häufig bestehen, weil sich mehrere Mechanismen überlagern. Neben den sichtbaren Gefahren auf Gletschern – Spalten und blankes Eis – kommt die Auftauwirkung auf Permafrost hinzu. Permafrost gilt im Hochgebirge als „Klebstoff der Berge“, weil gefrorene Gesteinsschichten Fels und Schutt zusammenhalten. Wenn diese Bereiche auftauen, können sich Gesteinsmassen lösen; die Folge sind Steinschlag und Felsstürze. Nach Gewittern und Starkregen steigt zusätzlich das Risiko für Muren. Damit wird aus der „Wetterlage“ eine echte geotechnische Frage: Wie viel Stabilität bleibt im Gesteinsverband übrig, nachdem Wärme über Tage oder Wochen eingewirkt hat?
Hinzu kommt eine weitere, oft unterschätzte Logik im Bergalltag: Zustiege und Übergänge können zeitweise ausfallen, ohne dass das Ende der Gefahr automatisch mit der Wetterbesserung synchron läuft. Bernd Tritscher von der Bergrettung Pinzgau beschreibt, dass bestimmte Wege zu Hütten vorübergehend unpassierbar sein können. Gleichzeitig betont er im Kontext der lockeren Strukturen, dass gelockertes Gestein nicht zwingend sofort abrutscht. Wer also „nur schnell“ losgeht oder sich allein auf eine kurzfristige Wetterprognose stützt, unterschätzt die Verzögerung zwischen Erwärmung und tatsächlicher Geländeänderung. In der Praxis bedeutet das: Veränderte Bedingungen können sich auch dann fortsetzen, wenn der Tag kühler wird.
Besonders deutlich wird die Empfehlung, sich nicht an alten Karten und Routenvorstellungen festzuhalten. Der SAC weist darauf hin, dass nicht nur Bergsteiger, sondern auch Wanderer in einem Spannungsfeld aus Risiken unterwegs sind, das sich mit der aktuellen Schneesituation und dem Auftaufortschritt verändert. Entscheidend sei demnach, sich vor jeder Tour über die Verhältnisse zu informieren, weil alte Karten und Routenbeschreibungen ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln. Der DAV-Bergführer Stefan Winter ergänzt das Bild mit dem Hinweis, dass sich Gletscherstände rasch ändern: Ehemals stabile Felsabschnitte können instabil werden, und ganze Routen können plötzlich nicht mehr begehbar sein.
Ein weiterer Schwerpunkt der Warnung betrifft das Timing: Viele Menschen starten laut DAV zu spät. Statt bereits gegen 6.00 oder 7.00 Uhr aufzubrechen, beginnt die Tour bei manchen erst am späten Vormittag. Das klingt organisatorisch zunächst machbar, trifft aber genau den Punkt, an dem die Tageserwärmung die Gefahrenlage verschiebt: Höhenmeter in der Mittagshitze zu bewältigen, ist für viele nicht ohne weiteres leistbar. Tritscher spricht von wahnsinnig vielen erschöpften Leuten – ein Signal, dass Müdigkeit nicht nur das Tempo reduziert, sondern Entscheidungsfähigkeit und Sicherungsqualität beeinträchtigen kann. Der DAV erinnert außerdem an praktische Schutzmaßnahmen: ausreichend Flüssigkeit, regelmäßige Trinkpausen im Schatten, Kopfbedeckung und Sonnenschutz. Das ist kein „Nice to have“, sondern Teil einer Risikokette, die in warmen Phasen schneller aus dem Tritt gerät.
Hinter all dem steht der größere Systemeffekt des Klimawandels, der die Alpen nach Einschätzung des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos deutlich schneller verändert als der globale Durchschnitt. Das SLF verweist darauf, dass die Temperaturen doppelt so schnell steigen wie im globalen Mittel. In einer Studie in der Fachzeitschrift „Earth-Science Reviews“ unter Beteiligung des SLF (November 2024) wird zudem beschrieben, dass es eindeutige Hinweise auf zunehmende Steinschlagaktivität in alpinen Gebieten gibt, die vom Auftauen des Permafrosts und vom Gletscherschwund betroffen sind. Als Treiber werden steigende Sommertemperaturen genannt – und genau diese Kopplung erklärt, warum sich Sicherheitsfragen in diesem Jahr so sichtbar verschieben: Die Gefahr folgt nicht nur dem Wetter am selben Tag, sondern einem länger wirkenden Temperaturtrend.
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