WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – In einer Rede stellt Gouverneur Barr klar, dass die Größe der Fed-Bilanz nicht automatisch die tatsächliche «Footprint»-Wirkung auf die Finanzmärkte beschreibt. Er argumentiert, dass viele Vorschläge zur Verkleinerung des Bilanzenvolumens die operative Geldpolitik und die Funktionsfähigkeit des Geldmarkts verschlechtern könnten. Im Zentrum steht die These, dass Reserven, Zahlungsverkehr und Aufsicht nicht voneinander zu trennen sind. Damit verknüpft Barr auch die Frage nach Liquiditätsanforderungen und Duration-Risiken mit konkreten Trade-offs für Stabilität.

Warum der Fed-Bilanzumfang nicht die eigentliche «Footprint»-Größe ist
Warum der Fed-Bilanzumfang nicht die eigentliche «Footprint»-Größe ist (Foto: IT BOLTWISE)
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Gouverneur Barr setzt in seiner Rede ein deutliches Gegenargument zu einer Debatte, die in den vergangenen Monaten in der Finanzwelt an Fahrt gewonnen hat: Die «Footprint»-Wirkung der US-Notenbank auf den Finanzmarkt sei nicht primär über die Größe ihrer Bilanz zu messen. Aus seiner Sicht wäre das Verkleinern der Bilanz eine falsche Zielgröße, weil die Fed als Institution mehr leistet als nur Wertpapierbestände zu halten. Neben der geldpolitischen Umsetzung trägt sie zur Sicherheit und Stabilität der Banken bei, betreibt zentrale Funktionen für den Zahlungsverkehr und unterstützt die Finanzstabilität. Gerade diese Kombination macht eine isolierte Betrachtung des Bilanzenvolumens problematisch und erhöht das Risiko von Fehlsteuerungen.

Technisch ordnet Barr zunächst die Bilanzlogik ein: Auf der Passivseite dominieren Reserven (Einlagen von Kreditinstituten bei der Fed), Bargeld im Umlauf sowie der Saldo des Treasury General Account (TGA), also das «Konto» des US-Finanzministeriums bei der Fed. Auf der Aktivseite stehen überwiegend US-Staatsanleihen, ergänzt durch einen erheblichen Bestand an agency Mortgage-Backed Securities (MBS), der zuletzt als Reaktion auf die außergewöhnlichen Bedingungen rund um die COVID-19-Krise aufgebaut wurde. Die zentrale operative Einordnung lautet dann, dass die Fed im «ample-reserves»-Regime arbeitet: Der Federal Funds Rate wird vor allem über administrierte Zinssätze gesteuert, insbesondere über den Zins auf Reserveguthaben (IORB).

Damit rückt Barr die Rolle der Reserven in den Vordergrund – und verknüpft sie mit zwei für Unternehmen relevanten Schnittstellen: Liquiditätssicherheit und Zahlungsverkehrstauglichkeit. Reserven seien laut seiner Argumentation die sicherste und liquide Anlage im Finanzsystem, die nur die Fed bereitstellen kann. Fehlen Reserven, leiden Zahlungen: Banken werden veranlasst, ihre Liquidität effizienter zu «strecken», was den Zahlungsfluss verlangsamen kann, Staus im Settlement-Prozess erzeugt und die Anspannung in Geldmärkten verstärkt. In Stressphasen kann das eskalieren, wenn Einleger Abzüge verlangen und Banken dann nicht ausreichend Reserven mobilisieren können. Genau deshalb verweist Barr auf regulatorische Liquidity-Risk-Management-Standards und die Bedeutung von HQLA-Beständen.

Für die operative Geldpolitik leitet Barr daraus ab, dass «effiziente» Umsetzung bedeutet, dass der Federal Funds Rate und weitere kurzfristige Zinssätze nahe an den IORB-Zins heranrücken. Er beschreibt ein Regime, in dem Reserven auf dem flachen Bereich der Nachfragekurve angeboten werden: Dadurch werden normale Änderungen in Angebot und Nachfrage nur begrenzt in Zinsschwankungen übersetzt. Eine Effizienz-Komponente verknüpft er dabei mit einem Prinzip, das auf Milton Friedman zurückgeht: Wenn die Opportunitätskosten für Banken, Reserven zu halten, nahe an den Kosten der Zentralbank liegen, entsteht kein systematischer Anreiz, Reserven zu «knappen» oder übermäßig anzuhäufen. Ein weiterer Stabilitätsanker ist das «Floor Tool» über Overnight Reverse Repo, das die Kontrolle des Zinses auch bei temporär abweichenden Marktbedingungen unterstützt.

Im nächsten Schritt adressiert Barr das Kernargument vieler Bilanzkürzungsbefürworter: Reservebedarf schrumpfen lassen, um die Bilanz «automatisch» kleiner zu bekommen. Seine Gegenposition lautet, dass Reserven nicht nur für die Zinssteuerung existieren, sondern als öffentliches Sicherheitsnetz für Liquiditätsplanung und Zahlungsfähigkeit dienen. Er macht außerdem deutlich, dass ein Zurückdrehen zu einem «scarce-reserves»-Regime zwar theoretisch den Reservestatus senken könnte, aber nicht ohne neuen regulatorischen und operativen Aufwand auskommt. Dazu käme das ökonomische Problem, dass «kostenlose» Güter künstlich knapp gemacht würden – und der Nutzen in der Realität gering ausfiele. Außerdem wäre ein solches Vorgehen für den Geldmarkt mit Anpassungsrisiken verbunden, die das Ziel verfehlen würden.

Auch Einwände zur «Duration» des Fed-Portfolios nimmt Barr getrennt vom Bilanzumfang auseinander. Manche Beobachter sehen einen zu großen «Footprint» nicht in der Bilanzsumme, sondern in der längeren Duration der Fed-Bestände im Vergleich zu öffentlich gehaltenen Treasuries, was angeblich längerfristige Zinsen nach unten drücken könne. Barr stimmt der Notwendigkeit zu, Duration und Zusammensetzung zu diskutieren, betont aber: Das sei keine Frage des Bilanzvolumens, sondern der Struktur der Aktivseite. Historisch seien viele längere Bestände in Stressphasen aufgebaut worden, als kurzfristige Zinsen nahe Null waren. In normalen Zeiten plädiert er dafür, die Fälligkeiten der Fed-Bestände so weit wie möglich an der Ausgabeplanung auszurichten, um keine ungewollten Effekte auf die Wertpapierverfügbarkeit der Marktteilnehmer zu erzeugen.

Besonders kritisch ist für Barr eine zweite Gruppe von Vorschlägen: regulatorische Liquidity-Requirements so anpassen, dass Banken weniger HQLA halten müssen und damit weniger Reserven nachfragen. Nach der Global Financial Crisis seien HQLA-Quoten eingeführt worden, um große Institute in Stressszenarien überlebensfähig zu halten – weniger durch «Bailouts», sondern durch Selbstversicherung. Barr argumentiert, dass die Ereignisse des Jahres 2023 eher zeigen, dass Liquiditätsanforderungen steigen sollten, nicht fallen. Er verweist darauf, dass Banken nach den Turbulenzen über den Discount Window den Umfang der verpfändeten Sicherheiten um mehr als 1 Billion US-Dollar erhöht hätten; das sei ein Teil operativer Einsatzbereitschaft. Eine Abschwächung der Anforderungen würde diese Pufferlogik zurückdrehen und damit das Stabilitätsprofil verschlechtern.

Der Zusammenhang zwischen Reservebedarf und konkreten Kennzahlen wird über die Liquidity Coverage Ratio (LCR) und die Rolle von Fed-Liquiditätsfazilitäten transparent. Barr stellt klar, dass die LCR Reserven und Treasuries bereits ähnlich behandelt und zudem voraussetzt, dass Banken Zugang zu privaten Märkten nachweisen, um in Stress Liquidity sicher beschaffen zu können. Auch Fed-Liquidität fließt in diese Systematik ein: Term Primary Credit könne zur Verbesserung der LCR genutzt werden, allerdings nur bei tatsächlichem Borrowing. Ein wichtiger Punkt ist seine Skepsis gegenüber Vorschlägen, Banken einen Teil nicht-qualifizierender Vermögenswerte (z. B. Corporate Loans), die am Discount Window verpfändet werden, als HQLA anrechnen zu lassen. Das würde aus seiner Sicht die Selbstversicherung reduzieren – und hätte tendenziell sogar Verschiebungen innerhalb der Asset-Allokation zur Folge, statt Reserven nachhaltig zu senken.

Auf der Markt- und Wettbewerbsebene ordnet Barr die Debatte ein, indem er betont, wie stark operative Regimeentscheidungen den Zahlungsverkehr und die Geldmarktstabilität beeinflussen. Sein Argument lässt sich auch im Vergleich zu anderen Zentralbanken verstehen: Während manche Notenbanken «ceiling tools» stärker einsetzen, um Reserven über vermehrte Interventionsbereitschaft bereitzustellen, muss das in der Praxis mit einem höheren Interaktionsgrad am Markt bezahlt werden. Barr stellt klar, dass auch bei «minimally ample reserves» die Trade-offs deutlich wären: eine etwas kleinere Bilanz, aber mehr Transaktionen, höhere Marktvolatilität und weniger planbare Zinssteuerung. Er verweist dabei auf Erfahrungen wie die Zuspitzung der Repo-Marktsätze 2019 und darauf, dass die Fed später vorausschauend die Bilanz schrittweise ausgebaut habe, um genau diese Zinsinstabilität zu vermeiden.

Für den Ausblick kommt eine weitere Dimension hinzu: Barr nennt technische Stellhebel wie die Nutzbarkeit von Liquiditätspuffern, mögliche Verbesserungen bei Daylight-Overdraft-Regeln sowie Investitionen in die Zahlungsinfrastruktur, etwa über Mechanismen zur Liquiditätsersparnis. Gleichzeitig setzt er Prioritäten auf systemische Weiterentwicklungen wie eine nahezu kontinuierliche Verfügbarkeit für Fedwire Funds und eine breitere Nutzung von FedNow. Aus Governance-Sicht ist sein übergreifendes Fazit eindeutig: In Überlegungen zur Fed-Bilanzpolitik müsse man «zurück zu den Basics» – also klären, welches Problem gelöst werden soll. Seine Schlussfolgerung lautet daher, dass die Bilanz zu verkleinern ein falsches Ziel und die damit verbundenen Maßnahmen zur Reduktion der Bank-Resilienz der falsche Weg wären.


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