ROSTOCK / LONDON (IT BOLTWISE) – Henry Peters, freischaffender Illustrator aus Mecklenburg, erklärt auf der 1. Cardwave Convention, warum er im Arbeitsalltag konsequent auf KI-Modelle verzichtet. Er kritisiert den KI-Hype wegen Trainingsdaten aus dem Netz und wegen fehlender Originalität im Output. Gleichzeitig sieht er im aktuellen Boom einen Treiber für mehr Nachfrage nach analogen, menschengemachten Kunstwerken. Für seine Studenten beobachtet er zudem wachsenden „Digitalverdruss“, solange digitale Tools das kreative Denken nicht ersetzen.

Henry Peters hat das Staunen aus dem Kinderzimmer in eine berufliche Praxis übersetzt: Schon als Elfjähriger malte er nahe Bad Doberan Star-Trek-Raumschiffe und baute am PC eigene Videospiel-Level. Später fand der Mecklenburger über Umwege und Jobstationen zur Kunst zurück – seit 2012 arbeitet er als freischaffender Illustrator für Science-Fiction- und Fantasy-Projekte, von Buch-Covern bis hin zu Trading Cards. Dass das funktioniert, führt er weniger auf „Talent“ als auf einen konsequenten Arbeitsstil zurück, bei dem das Unbekannte nicht vorab wegoptimiert wird.
Der Weg dorthin ist auch eine Geschichte über Ausbildungs- und Branchenbedingungen in Mecklenburg-Vorpommern: Peters konnte als einer der Ersten des Game-Design-Studiengangs in Schwerin studieren, nachdem er zuvor eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann absolviert hatte. 2018 gründete er dann zusammen mit Freunden einen Game-Design-Studiengang an der Design Akademie Rostock. Dabei betont Peters den entscheidenden Unterschied zu klassischen, stärker vorgegebenen Curricula: „Wir haben freie Hand bei der inhaltlichen Ausgestaltung“, sagt er. Hintergrund ist, dass es für diese Art Studium noch kaum staatliche Vorgaben gibt – und genau diese Lücke ermöglicht aus seiner Sicht, deutlich praxisnäher zu arbeiten.
Auf der 1. Cardwave Convention in Rostock wird diese Haltung besonders beim Thema KI sichtbar. Peters wirkt dabei nicht wie jemand, der Technologie grundsätzlich ablehnt, sondern wie jemand, der die Grenzen des aktuellen KI-Einsatzes hart gegen die eigene Profession abgrenzt. „Da wolle er sogar ‘aktiv den Hass schüren’“, so wird seine Position zugespitzt – nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern weil KI aus seiner Sicht zu oft als „Wundertüte der Möglichkeiten“ missverstanden werde. In seinem Arbeitsalltag verzichtet er sogar dann vollständig auf KI-Modelle, wenn es um organisatorische Prozesse geht. Die Logik dahinter ist eindeutig: Wenn der Kern seiner Arbeit das kindliche Staunen bleibt, dann darf der „schnelle“ Weg zur Bildidee nicht an die Stelle dieses inneren Suchens treten.
Technisch betrachtet, trifft Peters dabei einen Punkt, der in KI-gestützten Workflows seit Langem diskutiert wird: Was ein Modell kann, hängt unmittelbar davon ab, worauf es trainiert wurde. Er sagt: „Was die KI weiß und tut, beruht auch auf Diebstahl“, und verweist darauf, dass Trainingsdaten aus dem Netz stammen und auch urheberrechtlich geschützte Werke umfassten. Für die Praxis bedeutet das: Selbst wenn ein System formal „neue“ Bilder erzeugt, entsteht für ihn kein moralisch unproblematischer kreativer Prozess. Daneben kritisiert er auch die Qualitätsschicht: KI sei darauf trainiert, „den bestmöglichen Durchschnitt zu wählen“, wodurch am Ende alles ähnlich wirke – „Alles sieht am Ende gleich aus“.
Gleichzeitig benennt er einen realen Nebeneffekt des KI-Booms, der in der Kunstszene tatsächlich Wirkung entfaltet: „Die Nachfrage nach menschengemachten, analogen Produkten, gerade in der Kunst, steigt wieder.“ Diese Beobachtung ist vor allem für Unternehmen und Kreativagenturen relevant, die aktuell zwischen Effizienzdruck und Markenwert abwägen müssen. Wenn digitale Werkzeuge mehr Output liefern können als traditionelle Ateliers, steigt zugleich die Bedeutung echter Herstellungsprozesse: vom Charakter des Strichs bis zur Unplanbarkeit von Entscheidungen. Peters beschreibt außerdem den „Digitalverdruss“, den er unter Studenten wahrnimmt – große Zeichen-Tablets und digitale Werkzeuge seien zwar selbstverständlich, aber: Solange kreative Denkprozesse nicht „auf der Strecke“ bleiben.
Seine Definition von Fantasie liefert dafür eine praktische Gegenfolie. „Der Blick in die Wolken und das Entdecken von Formen“ ist für ihn nicht nur ein poetisches Bild, sondern eine Arbeitsanweisung: Unbekanntes formt sich in Gedanken zu Figuren, die „nie zuvor da waren“. Genau an dieser Stelle entscheidet er sich gegen einen reinen Knopf-im-System-Ansatz. Peters formuliert es zugespitzt: „Wenn ich nur einen Knopf drücke und Dinge erzeuge, die Werke von anderen imitieren, habe ich nichts erschaffen.“ Damit verknüpft er Originalität nicht nur mit dem Ergebnis, sondern mit dem gesamten Prozess – inklusive Unsicherheit, Recherche und das wiederholte Durcharbeiten von Ideen.
Für die Branche lässt sich aus dieser Perspektive eine konkrete Konsequenz ableiten: Der Streit um KI in kreativen Berufen ist nicht nur eine Frage nach „Werkzeug ja oder nein“, sondern nach Prozesskompetenz und Verantwortung. Peters zeigt, wie stark sich der Nutzen von KI-gestützten Systemen in der Praxis verschieben kann, sobald man sie als Ersatz für schöpferische Entscheidungen behandelt. Und auch der Bildungsaspekt bleibt zentral: Wenn ein Game-Design-Studiengang wie der an der Design Akademie Rostock bewusst Freiraum schafft, kann die Auseinandersetzung mit neuen Technologien in einen Lernrahmen eingebettet werden, der nicht nur Output optimiert, sondern auch Kriterien für Stil, Herkunft und Qualität vermittelt.
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