LONDON (IT BOLTWISE) – Eine aktuelle Auswertung von General-Social-Survey-Daten zeigt: Bei extrem Liberalen hängt die Selbsteinschätzung zur Wissenschaft deutlich davon ab, ob sie ihre Infos vor allem offline oder online beziehen. Wer „alte Medien“ wie Zeitungen oder Fernsehen nutzt, überschätzt laut Studie häufiger das eigene Wissenschaftsverständnis. Online orientierte extrem Liberale berichten dagegen seltener von klarem Verstehen, landen dafür aber häufiger bei wissenschaftlicher Demut. Bemerkenswert ist, dass dieser Effekt bei extrem Konservativen nicht in gleicher Schärfe auftaucht.

Der digitale Wandel verändert nicht nur, wie Menschen wissenschaftliche Themen finden, sondern auch, wie sicher sie sich dabei fühlen. Genau diese psychologische Spannung greift eine Analyse von Daten aus dem General Social Survey auf und stellt eine überraschend konkrete Frage: Führt der Zugang zum Internet eher zu mehr Realismus über das eigene Wissenschaftswissen – oder verstärkt er im Gegenteil die Neigung, sich selbst zu überschätzen? Für extrem Liberale ergibt sich jedenfalls ein klares Muster: Die Quelle, aus der sie ihr Wissenschaftswissen hauptsächlich beziehen, korreliert deutlich mit ihrer Selbstwahrnehmung.
Im Zentrum der Untersuchung steht das Zusammenspiel aus politischer Orientierung, Mediennutzung und dem Abgleich zwischen „gefühltem“ und „tatsächlichem“ Wissen. Extreme Liberale, die ihre wissenschaftlichen Informationen überwiegend aus offline bezogenen Quellen wie Zeitungen, Fernsehen, Büchern oder dem Umfeld beziehen, berichten nach der Auswertung deutlich häufiger, sie hätten ein klares Verständnis davon, was ein „scientific study“ bedeutet. Bei extrem Liberalen, die vor allem online rezipieren, ist dieser Anteil im Vergleich geringer. Interessant ist dabei, dass sich das Bild über das gesamte politische Spektrum nicht einfach so fortsetzt, wie man es von einer pauschalen Annahme „Internet macht alle selbstsicherer“ erwarten würde. Die Studie differenziert daher nicht nur nach Ideologie, sondern auch nach der Art des Informationskanals.
Die Datengrundlage ist breit genug, um Muster sichtbar zu machen: Die Forschenden analysierten Antworten von 7.177 Teilnehmenden aus den Jahren 2006 bis 2018. Während der Zeitraum auch den Wechsel hin zu stärkerer Online-Nutzung abbildet, bleibt das Entscheidende für die Fragestellung: Viele Befragte variieren in dieser Zeit noch deutlich, ob sie das Internet oder andere Quellen als Hauptkanal nennen. Die Arbeit ordnet deshalb Offline-Quellen unter dem Begriff „old media“ zusammen – und stellt ihnen die Internetnutzung gegenüber. Für die Messung des wahrgenommenen Wissens nutzten die Autorinnen und Autoren eine Frage zur Verständlichkeit des Begriffs „scientific study“, mit Antwortoptionen wie „clear understanding“, „general sense“ oder „little understanding“.
Zur tatsächlichen Wissensleistung kommt eine zweite Messschiene: die Science-Knowledge-Skala der National Science Foundation, die aus 14 Items besteht. Ein Großteil sind True-or-False-Fragen, etwa zur Geothermie („The center of the Earth is very hot“) oder zur Vererbung („Father’s genes decide sex of baby“), während andere Aspekte Wahrscheinlichkeit und Versuchsdesign abprüfen. Entscheidend ist der Abgleich: Die Forschenden klassifizieren Personen anschließend als überkonfident (auch als „scientific arrogance“ bezeichnet), unterkonfident („scientific humility“) oder in ihrer Selbsteinschätzung passend. Dieses Design nimmt den klassischen Einwand ernst, dass „mehr Vertrauen in Wissen“ nicht automatisch „besseres Wissen“ bedeuten muss – und macht den Unterschied zwischen Eindruck und Kompetenz zum Auswertungskern.
Wenn man die Ergebnisse nach extremen Gruppen aufschlüsselt, wird der Medienkanal vor allem bei extrem Liberalen zum Verstärker einer bestimmten Richtung. Nach Kontrolle weiterer Faktoren wie Bildung, Science-Kursen, Religion sowie soziodemografischen Merkmalen werden für extrem Liberale mit klarem Verständnis Anteile von etwa 37% (offline) und 35% (extrem konservativ) berichtet; bei Moderaten liegt der Wert laut Modell bei rund 29%. Bei extrem Konservativen fällt dieser Differenzeffekt zwar nur knapp aus der statistischen Signifikanz heraus. Doch die eigentliche Schärfe der Story kommt bei der Kombination aus Ideologie und Medienquelle: Extrem Liberale mit Offline-Fokus weisen demnach sowohl häufiger „clear understanding“ auf als auch überproportional oft eine überkonfidente Selbsteinschätzung. Konkret sind laut Studie 53% der extrem Liberalen mit old-media-Zugang überzeugt, ein klares Verständnis zu haben, während es bei extrem Liberalen mit Internetfokus 30% sind.
Noch deutlicher wird es bei der Einordnung in über- oder unterkonfident: Unter extrem Liberalen mit old media werden 39% als überestimierend und 15% als unterestimierend klassifiziert. In den übrigen Kombinationen aus Ideologie und Informationsquelle liegt der Überoptimismus dagegen meist bei etwa einem Drittel oder darunter. Bei extrem Liberalen, die ihre Informationen online beziehen, sinkt der Anteil der überkonfidenten Gruppe auf 20%, während 29% unterkonfident sind. Damit ist dieser Kontrast zwischen offline und online für extreme Liberale der einzige Medieneffekt, der in der Auswertung statistisch signifikant ausfällt. Extrem Konservative zeigen bei Internetnutzung lediglich eine kleine, nicht signifikante Verschiebung in Richtung Demut; Moderaten fällt die Tendenz dagegen über beide Medienkanäle hinweg ähnlich aus.
Die Autoren und der Autor legen außerdem nahe, dass die Art der Online-Angebote eine Rolle spielt. Zusätzliche beschreibende Analysen deuten darauf hin, dass die „Humbling“-Dynamik bei Liberalen vor allem bei dem Besuch etablierter Online-Outlets sichtbar wird – etwa Online-Zeitungen, Magazine oder Science-Websites – weniger dagegen bei sozialen Medien, Suchmaschinen oder anderen nicht-traditionellen Quellen. Der Mechanismus, den die Forschenden dafür diskutieren, ist plausibel: Etablierte Online-Angebote könnten Informationen bereitstellen, die die eigene Selbstwahrnehmung herausfordern, ohne dass gleichzeitig starke Echo-Chamber-Effekte auftreten, wie sie man eher in strikt algorithmisch kuratierten Social-Media-Umgebungen erwartet. Gleichzeitig machen die Autorinnen und Autoren klar, dass die Daten bis 2018 reichen und damit vor späteren Verschiebungen im Online-Informationsökosystem liegen.
Für die KI- und Tech-Entscheidungsebene ist die Studie vor allem deshalb relevant, weil sie das Problem „Informationszugang“ vom Problem „Informationsinterpretation“ trennt. Plattformen können zwar Reichweite und Geschwindigkeit erhöhen, aber sie steuern nicht automatisch, ob Nutzer ihr eigenes Wissen realistisch einschätzen. Wenn sich bei bestimmten politischen Milieus eine Form von Selbstüber- oder Unterkonfidenz an die Medienquelle koppelt, wird klar, warum KI-gestützte Empfehlungssysteme, Wissensassistenz und Faktencheck-Workflows in Unternehmen nicht nur als Content-Filter, sondern auch als Bausteine für wissenschaftliche Selbstwirksamkeit verstanden werden sollten. Dazu passt auch die methodische Einschränkung: Die gefühlte Kompetenz wurde über eine einzige Frage zum Begriff „scientific study“ erhoben, während das tatsächliche Wissen über einen davon getrennten Fakten- und Konzepttest gemessen wurde. Direkte Vergleiche zwischen beiden Ebenen sind deshalb nur eingeschränkt möglich; zukünftige Studien, in denen Vertrauen in konkrete Fakten und tatsächliches Wissen zu denselben Fakten zusammen gemessen werden, könnten ein anderes Muster zeigen.
Die Arbeit ist unter dem Titel „Does medium matter? Political orientation and variability in scientific self-perceptions“ veröffentlicht und erscheint in Public Understanding of Science. Die Kernaussage bleibt aber auch ohne zusätzliche Folgestudien handlungsleitend: Für extrem Liberale kann der Wechsel von offline zu online nicht einfach als „mehr Information“ verstanden werden, sondern als Veränderung der kognitiven Abgleichprozesse zwischen Anspruch und Kompetenz. Für Organisationen, die Menschen zu wissenschaftsbezogenen Themen unterstützen, bedeutet das: Transparente Quellen, nachvollziehbare Evidenzwege und gezielte „Calibration“-Ansätze könnten helfen, Über- und Unterkonfidenz systematisch zu reduzieren – unabhängig davon, ob Informationen über traditionelle Medien oder moderne Plattformen fließen.
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