POLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine wichtige Wette im KI-Investment lautet: Internationale Gründer müssen für den Markterfolg nicht in die USA wechseln. Andreessen Horowitz beschreibt, dass sich der Vorsprung in den vergangenen drei bis fünf Jahren messbar verstärkt hat. Partner berichten zudem von einer steigenden Bereitschaft großer Konzerne, früh mit ausländischen Teams in bezahlte Projekte einzusteigen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur Marktnähe, sondern auch der Zugang zu Talent- und Forschungsclustern außerhalb der US-Techzentren.

Im KI-Boom verschiebt sich ein altes Muster im Venture-Backed Startup-Markt: Der Weg in Richtung Silicon Valley ist nicht mehr automatisch der wichtigste Hebel für Wachstum. Andreessen Horowitz verfolgt seit Jahren die Idee, dass starke Unternehmen überall entstehen können, aber in der aktuellen Investitionsphase wird diese Annahme konkreter formuliert. Im Zentrum steht das sogenannte Borderless Founder-Netzwerk, das sich gezielt an internationale und immigrierte Gründer richtet. Laut Gabriel Vasquez, der sich bei der Firma auf KI-Apps und die globale Investmentstrategie fokussiert, haben 44% der Investments im Apps Fund One und Two einen internationalen Gründer als Ausgangspunkt. Das ist keine reine Statistik für das Portfolio, sondern Grundlage für eine aktive Deal-Strategie, bei der Kontakte nicht erst nach einer US-Ansiedlung entstehen sollen.
Entscheidend ist dabei die praktische Konsequenz für das Investorenverhalten. Vasquez beschreibt, dass der „Vorteil“ internationaler Gründer mittlerweile so greifbar geworden sei, dass Andreessen Horowitz mehr als eine Million Flugmeilen einsetze, um gezielt internationales Dealflow anzunehmen. Dahinter steckt ein Richtungswechsel gegenüber früheren Erwartungen: Früher ging man häufiger davon aus, dass Teams für enterprise-taugliche Erfolge ihre Arbeit in die USA verlagern müssen. Diese Annahme war laut Vasquez besonders im Enterprise-Umfeld lange stabil, weil Käufer außerhalb der USA „nicht schnell genug“ reagierten und zugleich eine niedrige Zahlungsbereitschaft zeigten. In den letzten drei bis fünf Jahren habe sich das jedoch dramatisch geändert, weil Startups nun in der Lage seien, auch in weniger „cutting-edge“ wirkenden Märkten größere Unternehmen als Kunden zu gewinnen.
Technisch betrachtet ändert sich damit auch die Art, wie KI-Produkte in Unternehmen „ankommen“. Vasquez führt die Entwicklung auf ein Umdenken bei etablierten Playern zurück: Wenn Legacy-Anbieter ihre Wettbewerbsfähigkeit erhalten wollen, müssen sie zunehmend auf Drittsoftware setzen. Selbst dort, wo menschliche Arbeitskraft noch vergleichsweise günstig ist, reicht das allein nicht mehr aus. Der Grund liegt weniger in einer einzelnen „Killer-App“, sondern im Funktionsbild moderner KI-Modelle und KI-Agenten: Sie sind inzwischen „always on“ und werden verlässlich genug, um etwa im Kundenservice dauerhaft eingesetzt zu werden. Für Regionen wie Lateinamerika, so Vasquez, kam die Software-Nutzung früher oft nur zögerlich voran, weil Unternehmen in manchen Bereichen noch gegen günstige Arbeitskräfte konkurrieren konnten. Jetzt verschiebt sich der Kosten- und Qualitätshebel zugunsten KI-gestützter Automatisierung, wodurch Konzerne schneller zu zahlenden Projekten kommen.
Für die Marktstruktur bedeutet das eine neue Lücke im Vertrieb und in der Priorisierung von Go-to-Market-Strategien. Vasquez stellt heraus, dass auf Unternehmensebene sehr viel Appetit darauf besteht, KI-Lösungen aus allen Teilen der Welt zu konsumieren. Gleichzeitig würden amerikanische Startups laut seiner Darstellung nicht die Geschwindigkeit besitzen, um ab Tag null den gesamten Markt abzudecken. Damit priorisieren sie naturgemäß oft zunächst US-Kunden und öffnen für lokale Gründer einen direkten Zugang zu Unternehmensbudgets im Heimatland. Das kann als Zweigleisigkeit funktionieren: Ein Gründer bleibt zeitlich und organisatorisch zwischen der Heimat und den USA pendelnd, während die Kundenbeziehungen, das Verständnis für Prozesse und die Netzwerkdichte lokal entstehen. In genau diesem Kontext wird „Headquarter“-Flexibilität zu einem praktischen Geschäftsmodell, nicht nur zu einer Marketingformel.
Auch das Talentargument wirkt dabei als Verstärker. Vasquez nennt Recruiting in Silicon Valley als besonders schwierig, weil dort die Konkurrenz durch Firmen wächst, die laut seiner Aussage Milliardenbeträge für die besten Köpfe aufgebracht haben. Internationale Gründer können dagegen häufig auf Talentpools zurückgreifen, die in mehreren Regionen parallel existieren – etwa in Wissenschafts- und Forschungsclustern, die häufig in Spinouts münden. Dadurch wird aus dem „Auslandsvorteil“ weniger ein kultureller Bonus und mehr ein Ressourcenhebel: Wer dichter an bestimmten akademischen Ökosystemen sitzt, findet möglicherweise schneller Teams, die KI-Modelle in Produktqualität übersetzen. Dass diese Talentströme für den US-Markt attraktiv sind, spiegelt auch die Sicht von Yoram Wijngaarde von Dealroom: Er ordnet europäische Talente ausdrücklich als einen der größten Vorteile Amerikas für Startups ein.
Dass Regierungen und Institutionen diese Logik inzwischen mitdenken, zeigt ein konkretes Beispiel aus Polen. Nach den Angaben im Text nahm Polen jüngst eine Beteiligung an der Portfoliofirma ElevenLabs vor. Der Sprachtechnologie-Startup hat zwar im Land nur eine Tochtergesellschaft, nicht den offiziellen Unternehmenssitz; die Kunden umfassen jedoch unter anderem InPost und LOT Polish Airlines. Für die Diskussion um internationale Gründer ist das relevant, weil es zeigt, dass „Marktpräsenz“ nicht zwingend mit klassischer Headquarter-Logik gleichgesetzt wird. Die Gründer Piotr Dąbkowski und Mateusz Staniszewski werden im Text außerdem als Beispiele polnischer KI-Kompetenz genannt, die zugleich auch in weiteren Ökosystemen präsent ist. Für Unternehmen und Investoren folgt daraus: Der Wettbewerb verlagert sich spürbar weg von der Frage, wer am schnellsten nach Kalifornien umzieht, hin zu der Frage, wer schneller reale Kundenprobleme in unterschiedlichen Regionen mit KI-gestützter Produktentwicklung adressieren kann.
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