LONDON (IT BOLTWISE) – Jake Claver verbindet die XRP-Preisfrage mit einem langfristigen Problem im globalen Währungssystem, dem Triffin-Dilemma. Seine Kernidee lautet, dass XRP als neutraler Settlement-Mechanismus die strukturelle Spannung zwischen Liquiditätsbedarf und Währungsglaubwürdigkeit entschärfen kann. Als kurzfristiger Taktgeber dienen ihm vor allem die Auflösung von Yen-Carry-Trades, steigende Renditen bei US-Staatsanleihen und eine wachsende Nachfrage nach Treasuries durch Stablecoins. Ob daraus tatsächlich ein Kurs von 10 US-Dollar wird, hängt jedoch stark an Zeitpunkten wie der Umsetzung regulatorischer Rahmenbedingungen.

Die Debatte um den XRP-Kurs beginnt in der Argumentation von Jake Claver bewusst nicht mit einem Chart. Stattdessen setzt er bei einem Problem an, das aus Sicht der internationalen Finanzgeschichte seit dem Jahr 1944 nicht vollständig gelöst ist: dem Triffin-Dilemma. Wenn eine nationale Währung gleichzeitig als globale Reserve dient, entsteht ein Grundkonflikt. Das Ausgabeland muss dauerhaft Handelsdefizite fahren, damit der Rest der Welt ausreichend Liquidität erhält. Gleichzeitig untergräbt genau dieses Muster langfristig die Glaubwürdigkeit der Währung, die ursprünglich als sicherer Hafen attraktiv geworden ist. Über acht Jahrzehnte, so das zugrunde liegende Narrativ, lebt besonders der US-Dollar mit dieser Spannung.
Clavers Dreh ist dabei nicht, dass er XRP als reine Spekulationswette betrachtet, sondern als Baustein in einer „strukturellen“ Architekturfrage. In seiner Lesart kann ein neutraler, nicht-souveräner Settlement-Asset die Lücke schließen, die aus seiner Sicht kein etabliertes Instrument sauber adressiert: XRP soll grenzüberschreitende Transaktionen in Sekunden abwickeln und dabei vergleichsweise geringe Kosten verursachen. Genau dieser Mechanismus ist für ihn mehr als Marketing – er ist die Brücke zwischen Währungsräumen, die bislang stark über Korrespondenzbanken, Clearing-Schleifen und Zeitverzögerungen an Liquidität gebunden war. Für den Ansatz ist entscheidend, dass nicht nur der Preis, sondern die Funktion im Zahlungsverkehr ins Zentrum rückt: Jede Transaktion, die über Ripple und das XRP-Ledger-Ökosystem läuft, erzeugt in seinem Modell relevante Nachfrage nach Settlement-Kapazität.
Als unmittelbaren „Hebel“ nennt Claver dabei die japanische Yen-Carry-Trade-Mechanik. Wenn Carry-Trades in größerem Umfang zurückgeführt werden, müssen japanische Investoren Mittel nach Hause holen. Dazu verkaufen sie typischerweise US-Staatsanleihen und konvertieren in Yen. In dem beschriebenen Wirkungszusammenhang drückt das kurzfristig auf den Anleihemarkt, während gleichzeitig die Renditen steigen können – und das trifft ausgerechnet dann auf eine Situation, in der das US-Regime höhere Refinanzierungskosten eher weniger gebrauchen kann. In Clavers Argumentation ist Stablecoin-Nachfrage der natürliche „Absorber“ dieser Treasury-Zufuhr. Unter dem GENIUS Act müssten Stablecoins dem Modell zufolge US-Treasuries als Reserven halten; wenn also Stablecoin-Supply wächst, wächst parallel die institutionelle Nachfrage nach Treasuries.
In diesem Treasury-getriebenen Übertragungsmechanismus soll XRP eine doppelte Rolle spielen. Erstens ist RLUSD, der regulierte Stablecoin von Ripple, auf XRP Ledger-Infrastruktur aufgebaut. Damit entsteht pro emittiertem RLUSD nicht nur ein Stablecoin-Claim, sondern auch eine Nutzung der Settlement-Infrastruktur, die auf dem Ledger basiert. Zweitens betrachtet Claver Ripple-Netzwerk-Transfers als Ereignisse, bei denen XRP als Brücken-Asset zwischen Währungen fungiert. Genau diese Kopplung macht für ihn den Kern der Story aus: Der Stablecoin-Markt wird in seiner Darstellung nicht primär zur „Krypto-Story“, sondern zur Bond-Market-Story – und Ripple baut die Infrastruktur, die diese Verknüpfung praktisch ermöglicht. Entscheidend ist dabei, dass die Nachfrage nach Treasuries nicht aus dem Reiz des Krypto-Ökosystems folgen muss, sondern aus dem Reserveversprechen, das Stablecoins institutionell attraktiv machen soll.
Der potenzielle Schritt Richtung 10 US-Dollar wird anschließend mit Marktkapitalisierungsrechnung hergeleitet. Bei rund 60 Milliarden im Umlauf befindlichen Tokens entspräche ein Kurs von 10 US-Dollar in Clavers Rechnung etwa 600 Milliarden US-Dollar Marktkapitalisierung. Damit verschiebt sich die Argumentation noch einmal: Es geht weniger um Stimmungswerte als um eine Skalierung, die aus Markt- und Kapitalflussmechanismen resultieren soll. Claver ordnet das in eine Strategie ein, die Ripple darauf ausrichtet, den Umfang institutioneller Anbindung auszubauen. Dazu nennt er nacheinander Prime-Brokerage-Infrastruktur, Corporate-Treasury-Management-Software und Stablecoin-Zahlungsrails als Bausteine, die – so die Schlussfolgerung—Transaktionsvolumen stärker in Richtung Ledger lenken könnten.
Was Claver dagegen nicht steuern kann, ist der Zeitpunkt. In seinem Modell entscheidet die Abfolge von regulatorischen und makroökonomischen Taktgebern über die Geschwindigkeit des „Übersetzungsprozesses“ von Nachfrage nach Stablecoins in Nachfrage nach Treasuries. Er verweist dabei auf den CLARITY Act und die Frage, ob er vor dem August-Recess verabschiedet wird; sollte das passieren, entfiele laut seiner Erwartung eine wesentliche regulatorische Hürde für US-Institutionen, die compliant Produkte auf XRP-Infrastruktur aufbauen wollen. Gleichzeitig bleibt offen, wie stark und wie zügig eine Yen-Carry-Trade-Auflösung in der zweiten Jahreshälfte an Fahrt gewinnt – gerade im dritten Quartal. Für Claver ist das nicht nur eine Randnotiz, sondern der Moment, in dem Anleihemarktbedingungen Stablecoin-Nachfrage von einer Nische zu einem systemrelevanten Thema machen könnten.
Im Kern richtet sich der Fokus in Clavers Vorgehensweise deshalb auf Parameter, die nicht täglich im Sekundentakt vom Kurs getrieben werden: wöchentliche Stablecoin-Supply-Daten, Umsetzungszeitpläne zum GENIUS Act und die Geschwindigkeit, mit der erworbene oder integrierte Strukturen Volumen über das Ledger routen. „The price follows the infrastructure“, sagt Claver. Und er ergänzt: „And the infrastructure is further along than almost anyone outside this space realises.“ Bei einem Kurs von 1,07 US-Dollar heute ist die Distanz zu einer 10-Dollar-Marke unübersehbar – doch seine Lesart interpretiert diese Lücke als Hinweis darauf, wie früh die Infrastrukturstory noch sein könnte. Damit bleibt die zentrale Frage nicht, ob 10 US-Dollar möglich sind, sondern ob sich die von ihm skizzierte Kette aus Treasury-Nachfrage, Stablecoin-Reserven und Ledger-Nutzung in einem Tempo beschleunigt, das Kursentwicklung nicht nur erklärt, sondern zeitlich auch plausibel machen kann.
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