SEATTLE / LONDON (IT BOLTWISE) – Gouverneur Bob Ferguson hat per Executive Order 26-04 einen „Governor’s Space Council“ ins Leben gerufen. Das 23-köpfige Gremium soll die Stärken der Washingtoner Raumfahrt- und Satellitenindustrie vermessen und konkrete Wachstumsbremsen identifizieren. Besonders im Fokus stehen Lücken bei Start- und Infrastruktur, der Fachkräfte- und Forschungszugang sowie Wettbewerbsrisiken durch günstigere Rahmenbedingungen in anderen US-Bundesstaaten. Ziel ist ein umsetzungsorientierter Maßnahmenplan für Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Standortpolitik.

Washington startet Space Council: Satellitenbau bleibt nicht automatisch im Bundesstaat
Washington startet Space Council: Satellitenbau bleibt nicht automatisch im Bundesstaat (Foto: IT BOLTWISE)
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Am 28. September hat Gouverneur Bob Ferguson in Seattle die Executive Order 26-04 unterzeichnet und damit einen Governor’s Space Council geschaffen. Der Impuls wirkt auf den ersten Blick wie ein klassisches Branchen-Gremium, doch die Stoßrichtung ist deutlich: Washington gilt zwar bereits als Produktionsstandort für Satelliten, soll diesen Vorteil aber nicht als Dauerzustand behandeln. Mit der Einordnung „Führung landesweit oder weltweit“ zielt der Council vor allem auf Handlungsfähigkeit ab, nicht nur auf Bestandsaufnahme.

Technisch und wirtschaftlich ist der Rahmen dabei relativ klar abgesteckt. Der Council ist als 23-köpfiges Beratungsgremium mit Vertretern aus Satellite- und Rocket-Unternehmen, aber auch aus Gewerkschaften, Hochschulen, Kommunen und Legislative zusammengesetzt. Der Washington State Department of Commerce übernimmt laut Executive Order die personelle Unterstützung. Wichtig ist zudem die Rollenbegrenzung: Das Gremium soll Empfehlungen erarbeiten, aber weder Budgets bewilligen, noch neue Lizenzen vergeben oder direkt Steuerrecht ändern. In der Praxis bedeutet das, dass die Erarbeitung eines „Was bremst konkret?“ zur politischen und administrativen Übersetzung führt – etwa, wenn Genehmigungs- und Standortprozesse angepasst werden sollen.

Um die Lage im Bundesstaat einzuordnen, liefert der Text gleich mehrere Kennzahlen und Beispiele. Washington beschreibt die kommerzielle Raumfahrtindustrie als Ökosystem aus mehr als 90 Unternehmen, über 13.000 direkten Jobs und rund 4,6 Milliarden US-Dollar jährlicher Aktivitäten, darunter 1,6 Milliarden US-Dollar Lohnsumme. Besonders stark ist der Bezug zur Satellitenproduktion: Etwa zwei Drittel der weltweit operativen Satelliten sollen in Washington gebaut werden. Dass diese Produktionsrealität auch dynamisch wächst, wird am Beispiel von SpaceX und Amazon gespiegelt: So wird berichtet, dass die Redmond-Anlage bei Starlink etwa 70 Satelliten pro Woche produzieren soll, und Amazon baut seine Kapazitäten für LEO-Satelliten am Standort Kirkland aus. Ergänzend nennt der Text Beschäftigungsprognosen: Die Beschäftigung in der Luft- und Raumfahrtindustrie soll bis Ende 2026 in Richtung 83.000 steigen; inklusive der Breite der Puget-Sound-Lieferketten werden laut Darstellung über 110.000 Jobs erwartet. Der Aerospace-and-Defense-Blick der Aerospace Industries Association bringt sogar Werte über 230.000 unterstützte Jobs und mehr als 50 Milliarden US-Dollar Beitrag zum BIP, was grob 6% der Wirtschaftsleistung des Bundesstaats entspricht.

Gerade weil diese Basis vorhanden ist, wird die Wettbewerbssituation im weiteren Verlauf so konkret gemacht. Washington taucht dem Bericht zufolge nicht auf der FAA-Liste lizenzierter Spaceports auf. Gleichzeitig fliegen wichtige Programme zwar aus Washington-orientierten Startplänen heraus, die tatsächlichen Start- und Produktionsanker sitzen jedoch in anderen Bundesstaaten: Blue Origin startet mit New Glenn aus Florida; größere Triebwerksarbeiten seien in Alabama; SpaceX starte von Florida, Kalifornien und Texas; und der Umstand, dass Florida und Texas keine persönliche Einkommensteuer kennen und „right-to-work“-Rahmenbedingungen haben, reduziert laut Darstellung den Einfluss von Arbeitsgewerkschaften gegenüber Washington. Dazu kommen Standortkosten: Sowohl Wohnen als auch Energie und Genehmigungen schlagen sich in den Gesamtbetriebskosten nieder. Der Text verweist auf einen typischen Wohnpreis von etwa 592.000 US-Dollar im August 2026, deutlich über dem US-Median; für ein Mid-Career-Profil in Satelliten- oder Antriebstechnik entsteht dadurch ein Belastungsfaktor bei der Vergütung. Hinzu kommen längere Permit-Timelines: Standardresidenz-Baugenehmigungen hätten sich in der Praxis nahezu verdoppelt, inklusive hoher stündlicher Prüfgebühren von 292 bis 551 US-Dollar pro Stunde. Auf der Energieseite wird eine Entwicklung beschrieben, in der sich die Hydropower-Vorteile abgeschwächt haben: Puget Sound Energy habe eine Milliarden-Erhöhung der Tarife beantragt, mit dem Ziel, dass die Haushaltsstromkosten bis 2029 deutlich steigen. Für Neubauten soll das zudem indirekt über Strom- und Wärmepumpenanforderungen wirken; der Bericht nennt als Folge eine Erhöhung der Baukosten pro Einheit um 20.000 bis 30.000 US-Dollar.

Neben Infrastruktur und Energie verschiebt sich der Wettbewerb auch in der „zweiten Reihe“ der Industrie: Software, Systemintegration und operatives Know-how. Zwar seien Software-Anstellungen für Raumfahrt nicht immer akut sichtbar, aber sie sind für Flight Code, Ground Systems und den Betrieb von Konstellationen zentral. Der Text nennt dabei Prognosen zur Entwicklung des lokalen Software-Jobmarkts und beschreibt gleichzeitig ein paradoxes Risiko: Wenn Entlassungswellen den Arbeitsmarkt abkühlen, werden einige Einstellkosten kurzfristig niedriger – gleichzeitig schrumpft jedoch der Pool aus verfügbaren Talenten. Politisch wird als weiterer Punkt eine mögliche Verschiebung der Kostenstruktur beschrieben: Eine Einkommensteuer von 9,9% auf Haushalts-einkommen oberhalb von 1 Million US-Dollar soll ab 2028 greifen, sofern Initiative 645 oder Gerichte nicht intervenieren. Entscheidend ist hier weniger das konkrete Jahr als die Planbarkeit für Gründer, Venture Capital und Spitzenführungskräfte, also genau die Gruppe, die über Standortentscheidungen für die nächste Generation von Startups und Betriebsfunktionen mitbestimmt. In der Logik des Berichts ist der „kritische Moment“ nicht, ob eine bestehende Firma morgen Redmond oder Kent verlässt, sondern ob die nächste Produktionslinie, ein zusätzlicher Zulieferbereich oder eine Hauptverwaltungsfunktion sich günstiger „pricingen“ lässt.

Damit wird auch der Auftrag des Space Council greifbarer: Er soll Washington gegen andere US-Bundesstaaten und Länder messen, Barrieren und Chancen benennen, Infrastruktur und Lieferketten prüfen und insbesondere die „opportunities and requirements“ für kommerzielle Launch-Fähigkeiten in Washington herausarbeiten. Der Text stellt diese Aufgabe in eine historische Kontinuität: Aus der Apollo-Ära wird die lokale Kompetenz in der Hardware betont, und gleichzeitig zeigt sich, dass moderne Raumfahrtentwicklung mehr ist als ein Standort für Endmontage. In diesem Sinne konkurriert Washington nicht nur um „eine“ Raketenbahn, sondern um den gesamten Zyklus aus Bau, Integration, Test, Betrieb und Deployment. Als Gegenpol zu den Risiken nennt der Bericht jedoch auch konkrete Chancen: Eine potenzielle Ergänzung für Polar- und sun-synchronous Launches würde zu Erdbeobachtungs- und bestimmten Konstellationsarchitekturen passen. Zudem wird vorgeschlagen, eine lokale Enterprise Zone zu schaffen, um Transport- und Sicherheitskosten für den Versand fertig integrierter Raumfahrtsysteme zu senken. Und schließlich wird die Ausbildungsperspektive betont, etwa über Industrie-nahe Trade-Programme und Technikerqualifizierung, die den Übergang von Hochschulabsolventen in gut bezahlte Rollen erleichtern sollen.

Der Erfolg des Council wird schließlich an messbaren Ergebnissen gebunden, nicht an einem „zweiten Cape Canaveral“. In Juni hatte Gouverneur Ferguson bereits Executive Order 26-02 unterzeichnet und damit ein Governor’s Economic Development Council geschaffen, das eine landesweite Wettbewerbsstrategie bis Juni 2027 adressieren soll. In dieser Klammer soll der Space Council eine Art gebündelte „Barrier-Map“ liefern: also eine priorisierte Liste von Hemmnissen, ergänzt um umsetzbare Optionen, die in den größeren Politikrahmen für Wohnen, Energie, Permitting und Steuern übertragen werden können. Für die Branche ist das relevant, weil Raumfahrtproduktion häufig mit langen Vorlaufzeiten verbunden ist: Wer zu spät reagiert, verliert nicht übermorgen eine Fertigungslinie, sondern die Planbarkeit der nächsten Investitionswelle. Ob Washington seine Satellitenführerschaft verteidigt, hängt daher an der Fähigkeit, dass aus einer KI-getriebenen (oder genauer: daten- und softwareintensiven) Wertschöpfungskette auch künftig verlässliche Standortvorteile werden – und genau diese Schnittstelle soll der Governor’s Space Council ansteuern.


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