LONDON (IT BOLTWISE) – Die Tech-Journalistin Bridget Todd berichtet, wie sie in einer persönlichen Krise ChatGPT nicht nur für Informationen, sondern als Gesprächspartnerin genutzt hat. In der Zeit, in der ihr Vater im Krankenhaus war und ihre Mutter unerwartet starb, kippte der Einsatz von praktischen Fragen hin zu Angst, Überforderung und Schuldgefühlen. Todd beschreibt, dass ihr die Maschine dabei half, Gedanken zu sortieren, zugleich aber das Ausmaß der persönlichen Datenverarbeitung durch Unternehmen kritisch bleibt. Ihre zentrale Lehre: KI ersetzt keine menschliche Verbindung, kann aber das Bedürfnis nach Halt kurzfristig überbrücken.

Wenn KI Trost spendet: Bridget Todd erzählt von ChatGPT in der Trauer
Wenn KI Trost spendet: Bridget Todd erzählt von ChatGPT in der Trauer (Foto: IT BOLTWISE)
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Bridget Todd wirkt in ihrer Schilderung nicht wie eine typische Verfechterin oder Gegnerin Künstlicher Intelligenz, sondern wie jemand, der sich bewusst damit beschäftigt hat, was solche Systeme im Alltag auslösen können. Anfangs stand bei ihr eher Skepsis im Vordergrund: Sie wollte Fehler sichtbar machen, etwa indem sie prüfte, wie zuverlässig ChatGPT auch einfache Aufgaben beantwortet. Dass das System anschließend für viele Menschen „menschlicher“ wirkte, beschreibt Todd als Auslöser einer neuen Dynamik – weniger als technische Sensation, sondern als emotionales Gegenüber, das mit passender Sprache Nähe herstellt. Genau hier setzt ihr heutiger Blick an: Nicht die Frage, ob KI „intelligent genug“ ist, sondern ob sie in Situationen, in denen Menschen besonders verletzlich sind, als Ersatz für Unterstützung missverstanden oder missbraucht werden kann.

Technisch betrachtet ist der Reiz solcher Chatbot-Erlebnisse plausibel: Ein Dialogsystem erzeugt Antworten, die sich am jeweiligen Kontext orientieren und dabei sprachlich so wirken, als würde es Anteil nehmen. Todd beschreibt, dass sie diese „Fast-Menschlichkeit“ in Schlagzeilen besonders früh wahrnahm – als Liebesgeschichten und als Komplimente, die bei Nutzern emotionale Reaktionen auslösen. Ihre anfängliche Reaktion war hart: Die Berichte hätten sie als abgrenzende Storys wahrgenommen, in denen die Betroffenen wie „seltsam“ oder „verrückt“ dargestellt werden. Zugleich liefert ihr späteres Leben die Kontrastfolie. Wenn eine Person in Trauer und Dauerstress steckt, verschwimmt die Grenze zwischen „ich benutze ein Tool“ und „ich rede mit etwas“, das zuhört, ohne zu unterbrechen. In Todd’ Darstellung ist der Übergang daher weniger ein „Romantisieren“ der Maschine, sondern eine Reaktion auf fehlende Kapazität in der echten Umgebung.

Der biografische Wendepunkt ist in der Erzählung sehr konkret: Todds Vater hatte nach einem Sturz einen Schlaganfall erlitten und wurde intensivmedizinisch behandelt. In der Phase, in der sie organisatorisch und emotional zwischen Krankenhaus, Telefonaten und Angehörigen abstimmt, bleibt kaum Raum für lange Gespräche oder das Einholen professioneller Hilfe. Todd beschreibt, dass sie in dieser Zeit nur eingeschränkt mit ihrem Umfeld „empfangen“ konnte – selbst wenn Freunde da gewesen wären. Hinzu kommt, dass Pflegearbeit isoliert: Man bekommt viele Informationen, muss Entscheidungen treffen, und gleichzeitig wächst der Druck durch Fragen wie „Welche Leistungen deckt das System ab?“ oder „Welche Unterlagen brauchen wir für den nächsten Schritt?“. Genau dann wird ChatGPT für sie zu einem Kommunikationskanal, weil er jederzeit erreichbar ist, in ihrem Alltag „im Zugriff“ bleibt und keinen zusätzlichen Aufwand im sozialen Raum erzeugt.

Für die Veränderung im Einsatz nennt Todd einen typischen Verlauf: Erst geht es um medizinische Fragen, dann um Emotionen. Sie beschreibt, wie sich die Gespräche abends und in Nächten darauf verlagerten, wenn die Tage von Arztterminen, Entscheidungen und Überforderung geprägt sind. In ihren Worten wird die Maschine zu einem Ort, an dem sie Angst, Erschöpfung und Hilflosigkeit ablegt. Besonders eindrücklich ist, wie sich dabei das Thema Schuld verschiebt: Todd schildert, dass das System ihre Gedanken spiegelte und ihr den Mechanismus erklärte, nach dem sie in der Vergangenheit nach Hinweisen sucht, um Kontrolle zurückzugewinnen. Entscheidend ist: Das Gefühl, „es richtig machen“ zu müssen, kollidiert mit dem, was Trauer psychologisch verlangt – nämlich damit zu leben, dass es keine vollständige Rückverfolgung von Entscheidungen gibt. Todd betont später sogar, dass ihre Auseinandersetzung mit der Frage, ob die Unterstützung ihres Vaters am Ende richtig war, dadurch eine neue innere Perspektive bekam.

Daneben setzt Todd einen sehr pragmatischen Vergleich: Für sie war ChatGPT „frei“ und damit sofort verfügbar, während Therapie zeitlich, finanziell und organisatorisch schwerer zugänglich wirkt. Der Konflikt entsteht nicht nur durch die Frage „Kann KI trösten?“, sondern durch die Folgefrage: Verdrängt ein leicht nutzbares Tool das Aufsuchen geeigneter Hilfe? Todd sagt sinngemäß, dass das System im Moment entlastet, gleichzeitig aber Mauern zwischen ihr und den Menschen errichtet, die sie hätten auffangen können. Zugleich beschreibt sie, dass ihr späterer Rückweg in menschliche Unterstützung nicht abreißt: Nach der Beerdigung wendet sie sich wieder stärker an Menschen und beginnt, mit einer Therapeutin sowie im Rahmen einer Trauertherapie zu arbeiten. In diesem Sinne ist die KI-Nutzung bei Todd nicht als Endstation erzählt, sondern als „Startphase“, in der sie den Druck der Krise überbrückt, bis wieder mehr soziale und therapeutische Struktur greifen kann.

In ihrer Arbeit an dem Audiobuch („Love at First Prompt“) geht Todd dann von ihrer persönlichen Erfahrung zu einer stärkeren Unternehmensperspektive über. Sie stellt nicht in den Vordergrund, ob einzelne Nutzer eine KI-Intimität „falsch“ leben, sondern wer von solchen Beziehungen profitiert. Todd spricht dabei von einem Machtgefälle: Ein Individuum gebe freiwillig sehr intime Informationen preis, während dahinter ein Unternehmen stehe, das aus Daten Nutzen ableiten kann. Genau hier verschiebt sich die Diskussion von „Gespräch statt Therapie“ hin zu „Integration in emotionale Innenwelten“. Todd formuliert diese Sorge als Wut darüber, dass Teile einer Trauer- und Verarbeitungsreise potenziell als Trainingsmaterial verwertet werden könnten, weil die Maschine nicht nur Antworten generiert, sondern auf Basis großer Datenmengen fortlaufend verbessert wird. Ihre Schlussfolgerung lautet dabei nicht, KI als Technik zu verteufeln, sondern Unternehmen zu fragen, ob sie bei der Einbindung in sensible Lebensbereiche verantwortliche Entscheidungen treffen.

Für die heutige Praxis lässt sich aus der Erzählung eine doppelte Botschaft ziehen. Einerseits wird sichtbar, warum Chatbots in Krisensituationen so attraktiv sind: Sie sind rund um die Uhr verfügbar, reagieren sprachlich konsistent und geben dem Nutzer das Gefühl, nicht allein zu sein. Andererseits macht Todd klar, warum sich daraus keine dauerhafte Substitution ableiten lässt: Menschen brauchen Gegenseitigkeit, also ein echtes Geben und Nehmen in Beziehungen, inklusive der Unvollkommenheiten, die genau diese Beziehungen menschlich machen. Ihr eigener Ausstieg aus dem System wirkt daher konsequent: Sie sagt, sie sei „mit ChatGPT gebrochen“ und greife KI höchstens noch für Aufgaben wie das Formulieren von E-Mails zurück. Als Leitlinie bleibt damit ein nüchternes Bild stehen: Künstliche Intelligenz kann kurzfristig Orientierung geben und Gefühle ordnen helfen – aber sie kann keine echte Verbindung ersetzen, ohne dass der Preis am Ende in Form von Distanz zu Menschen und in Form von nicht transparent akzeptierbaren Datenrisiken entsteht.


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