US-BUNDESSTAAT / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende zeigen, dass Männer, die sich stärker romantisch oder sexuell zu ihren weiblichen Freundinnen hingezogen fühlen, häufiger mehr für gemeinsame Ausgaben übernehmen. Die Studie deutet darauf hin, dass diese finanzielle Großzügigkeit von Frauen als mögliches Flirt- oder Werbezeichen verstanden wird. Gleichzeitig bleibt unklar, ob die Zahlung tatsächlich bewusst als Signal eingesetzt wird oder ob andere Motive dahinterstehen. Für das Verständnis von Freundschaftsgrenzen und Kommunikationssignalen liefert die Arbeit damit wichtige neue Ansatzpunkte.

Cross-Sex-Freundschaften gelten im Alltag oft als „nur Freundschaft“ – und doch berichten viele Menschen von Anziehung oder zumindest von romantischer Offenheit innerhalb solcher Beziehungen. Genau an dieser Zwischenzone setzt die neue Studie an: Wenn es in Freundschaften gelegentlich um Werthintergründe der Partnersuche geht, stellt sich die Frage, wie dieses Interesse überhaupt sichtbar wird. Ein naheliegender Kandidat ist der Umgang mit gemeinsamen Kosten. Denn im sozialen Austausch können Handlungen, die Ressourcen betreffen, nicht nur praktisch sein, sondern auch als Signal funktionieren – besonders in Situationen, in denen Partnerwahlnormen historisch unterschiedlich verteilt waren.
Technisch betrachtet ist der zentrale Test nicht „Gefühl“ an sich, sondern das Verhalten, das in der Wahrnehmung mit Gefühl verknüpft wird: finanzielle Provision, operationalisiert als Übernahme eines größeren Anteils bei gemeinsamen Rechnungen. Die Autorinnen und Autoren verknüpfen dieses Vorgehen mit zwei konkurrierenden Erklärungsrichtungen. Erstens: Finanzielle Großzügigkeit könnte als Courtship-Signal dienen, also als Hinweis auf romantisches oder sexuelles Interesse. Zweitens: Die Zahlung könnte schlicht die Wertschätzung oder den wahrgenommenen „Qualitätsgrad“ der Freundschaft abbilden, ohne dass sie vorrangig als Werbungsmechanismus gedacht ist. Damit wird Verhalten messbar gemacht, ohne auf direkte Absichtserklärungen angewiesen zu sein.
Methodisch basiert die Untersuchung auf 581 Studierenden einer Universität im Südwesten der USA. Erhoben wurde in drei Wellen über das Studienjahr 2024/2025 hinweg, jeweils per anonymem Online-Fragebogen. Personen, die die Datenqualitätsprüfungen nicht bestanden oder sich als asexuell bzw. homosexuell einordneten, wurden aus den Analysen ausgeschlossen, weil der Fokus auf heterosexuellen Dynamiken in Cross-Sex-Freundschaften lag. Der finale Datensatz bestand überwiegend aus Frauen mit einem Durchschnittsalter von 21,3 Jahren. Die Teilnehmenden beschrieben dabei nicht irgendeine Freundschaft abstrakt, sondern die „nächstliegende“ und „zweitnächstliegende“ Cross-Sex-Beziehung, ohne aktuelle Partnerinnen oder Familienmitglieder einzubeziehen.
Die Befragten sollten mehrere Dimensionen parallel einschätzen: ihren eigenen romantischen und sexuellen Grad der Interessiertheit gegenüber jeder genannten Person, die Einschätzung, wie stark diese Person ihrer Meinung nach ihrerseits an ihnen interessiert sei, sowie eine Bill-Paying-Komponente auf einer Skala von 1 bis 7, wobei höhere Werte bedeuten, dass die befragte Person mehr bezahlt. Zusätzlich wurde über acht Items die Freundschaftsqualität erfasst, etwa ob die Beziehung emotional nah, unterstützend, wertvoll oder schwer ersetzbar wirkt. Besonders relevant ist das Studiendesign, weil es zwischen „zwischen-personalen“ Unterschieden und „innerhalb-personalen“ Effekten unterscheiden kann: Also ob manche Männer generell mehr ausgeben, oder ob derselbe Mann für genau jene Freundin mehr zahlt, zu der seine Anziehung am stärksten ist.
In den Ergebnissen zeigt sich ein geschlechtsspezifisches Muster: Männer gaben an, bei weiblichen Freundinnen einen größeren Teil der Rechnung zu übernehmen, während Frauen wiederum berichteten, dass ihre männlichen Freunde eher mehr zahlten. Diese Replikation knüpft an frühere Befunde an, wonach Provisionen in heterogenen Cross-Sex-Konstellationen häufiger von Männern gegenüber Frauen beobachtet werden. Entscheidend ist aber, wovon diese Verhaltensneigung abhängt: Männer, die insgesamt stärker romantisch/sexuell interessiert sind, berichteten auch von höherem Ausgeben. Bei Frauen dagegen zeigte sich kein entsprechender Prädiktor – im Gegenteil: Frauen, die sich stärker von ihren männlichen Freunden angezogen fühlten, gaben an, selbst weniger zu zahlen. Das spricht dafür, dass die Logik des „Signals“ in der Wahrnehmung nicht symmetrisch verlaufen muss.
Auch die Freundschaftsqualität als Alternative wurde getestet. Wenn die Zahlung primär die Bedeutung einer Beziehung widerspiegeln würde, müssten Teilnehmende mit „besserer“ oder „wertvollerer“ Freundschaft häufiger mehr übernehmen. Genau das fand sich jedoch nicht: Unterstützungsgrad, Spaßfaktor, emotionale Nähe, wahrgenommener Wert oder die Austauschbarkeit sagten die Höhe des Ausgabeverhaltens nicht verlässlich vorher. Gleichzeitig liefert die Studie Hinweise darauf, wie Frauen das Verhalten interpretieren: Frauen, deren männliche Freunde mehr für die Rechnung übernahmen, nahmen diese Männer als stärker an einer romantisch-sexuellen Annäherung interessiert wahr. Männer zeigten diesen Effekt nicht in gleicher Weise, wenn Frauen mehr zahlten – ein Hinweis darauf, dass Wahrnehmungsmechanismen und soziale Erwartungshaltungen die Interpretation stark prägen können. Als „kompetitiven“ Rahmen kann man hier die klassische Ressourcen-Signal-Theorie gegenüber einer reinen Wertqualitäts-Hypothese stellen: Die Daten unterstützen erstere eher als letztere.
Gleichzeitig müssen die Limitationen in den Vordergrund. Die Studie ist querschnittlich und arbeitet mit Selbstberichten. Das heißt: Sie kann nicht beweisen, dass Männer tatsächlich absichtlich mehr zahlen, um Interesse zu signalisieren, und sie kann auch nicht eindeutig belegen, dass Frauen genau deshalb in diese Richtung interpretieren. Selbst wenn ein Zusammenhang sichtbar ist, bleibt offen, ob andere Variablen (z. B. Stimmung, Kontext wie Dating-Status im Umfeld, frühere Verabredungsdynamiken oder eigene Normen) zwischen Interessen und Verhalten vermitteln. Hinzu kommt: Die Teilnehmenden sind junge Erwachsene aus einem universitären Setting. Damit ist die Übertragbarkeit auf ältere Menschen oder andere kulturelle Kontexte nicht automatisch gegeben.
Für den Markt- und Praxisbezug – etwa für Dating-Apps, Beratungsformate oder auch Unternehmen, die in HR-Kontexten mit Beziehungs- und Teamdynamiken arbeiten – ergibt sich daraus dennoch ein klarer Impuls: Kommunikation in Beziehungen ist nicht nur verbal, sondern häufig verkörpert, und gerade finanzielle Gesten können als mehrdeutige Signale „mitgelesen“ werden. Technisch ähnlich wie in der Produktanalyse, bei der Proxy-Metriken auf echte Nutzerintentionen abgebildet werden, testet die Studie einen Proxy für Werbeinteresse. Der Unterschied ist nur, dass hier kein Experiment, sondern eine Beobachtungslogik mit Fragebogen-Messungen genutzt wird. Für Unternehmen und Entwickler von Social-UX bedeutet das: Mechanismen wie „wer zahlt“ sollten nicht als eindeutiges Signal modelliert werden, sondern als Kontextsignal, das je nach Person und Wahrnehmungsrahmen unterschiedliche Bedeutungen annehmen kann.
In die Zukunft führt besonders die Frage nach Dynamiken über die Zeit: Wenn künftige Studien Längsschnittdaten oder Verhaltensdaten in realen Interaktionsszenarien ergänzen, könnte man besser prüfen, ob Provisionen tatsächlich als zielgerichtetes Werbesignal eingesetzt werden oder ob sie nur ein Nebenprodukt von Attraktionsgefühlen sind. Ebenso spannend ist ein stärkerer Kulturvergleich: In Gesellschaften mit anderen Normen zu Dating-Kosten und Gleichberechtigungsannahmen könnten sich die Signalstrukturen verschieben. Die Autoren fassen ihre Arbeit unter dem Titel „Courtship in cross-sex friendship: novel tests of male financial provisioning as a signal and cue of mating interest“ zusammen und argumentieren, dass diese Art finanzieller Großzügigkeit in bestimmten Freundschaften ein Erkennungs- und Interpretationskanal sein kann. Damit wird die Grenze zwischen Freundschaft und Werbephase nicht aufgehoben – aber sie wird statistisch und sozialpsychologisch besser sichtbar gemacht.
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