BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine vom IW-Institut gestützte Simulation kommt zu dem Ergebnis, dass ein fair bewerteter Yuan das deutsche Wachstum bis 2028 spürbar erhöhen könnte. Grundlage ist eine hypothetische Aufwertung des Yuan um 40 Prozent, die in den Berechnungen die preisbereinigten Effekte im Milliardenbereich sichtbar macht. Gleichzeitig beschreibt die Studie Chinas staatlich gesteuertes Währungsmanagement als zentralen Treiber der Verzerrung im Handel. Europa müsste laut Experten gegen ungleiche Wettbewerbsbedingungen mit passenden Ausgleichsmaßnahmen reagieren.

Die Debatte um die chinesische Währung gewinnt im politischen und wirtschaftlichen Alltag wieder an Schärfe, weil sie nicht mehr nur als außenpolitisches Argument, sondern als messbarer Wachstumsfaktor diskutiert wird. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die vom Auswärtigen Amt gefördert wurde, verknüpft den Wechselkurs des Yuan mit der Frage, wie stark Deutschland bei „fairen“ Bedingungen wachsen könnte. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Peking den Wechselkurs nicht frei entstehen lässt, sondern über ein staatlich gesteuertes Währungsmanagement stabilisiert. Für die deutsche Industrie und den Mittelstand ist das relevant, weil preisliche Wettbewerbsfähigkeit unmittelbar auf Exportchancen und Margen einzahlt.
Technisch betrachtet zeigt die IW-Methodik weniger einen einzelnen Handelsindikator, sondern eine makroökonomische Simulation über mehrere Jahre. Demnach könnte das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland bei einer fairen Bewertung des Yuan im Jahr 2028 um bis zu 0,3 Prozent höher ausfallen. Über den Zeitraum 2026 bis 2028 summiert sich das Ergebnis laut Studie auf rund 43 Milliarden Euro. Für die Simulation wird der Yuan demnach um 40 Prozent aufgewertet, was dem Papier zufolge in etwa einer „fairen Bewertung“ entspricht. Entscheidend ist dabei, dass der Wechselkurs nicht als isolierte Kennzahl behandelt wird, sondern als Faktor, der Preise, Nachfrage und Handelsströme gemeinsam verschiebt.
Der Mechanismus dahinter ist in der Studie plausibel entlang der Preisbildung im internationalen Handel erklärt: Eine gezielte Unterbewertung verbilligt chinesische Exporte und macht Importe aus dem Ausland für Partnerländer teurer. Das wirkt doppelt, weil sich dadurch sowohl die Wettbewerbsposition der heimischen Anbieter gegenüber chinesischer Konkurrenz verändert als auch die Kaufbereitschaft für importierte Vorprodukte und Konsumgüter. In den Daten, die die Studie nennt, spiegelt sich das in einem deutlichen Rückgang deutscher Ausfuhren nach China und in stark steigenden Einfuhren chinesischer Güter. Das Handelsbilanzdefizit mit China habe sich 2025 auf rund 90 Milliarden Euro erhöht. Damit wird der Wechselkurs zur strukturellen Ursache für Handelsungleichgewichte, nicht nur zur kurzfristigen Schwankung.
Ein wichtiger historischer Kontext ist, dass die Diskussion um Wechselkurs- und Wettbewerbsverzerrungen schon länger Teil internationaler Handelspolitik ist. In den vergangenen Jahren haben sowohl die Europäische Union als auch die USA in unterschiedlichen Konstellationen auf mögliche Preis- und Subventionsmechanismen reagiert, etwa über Zollinstrumente, Untersuchungen oder Verhandlungen im Rahmen multilateraler Institutionen. Auch wenn die Instrumente wechseln, bleibt das Grundmuster ähnlich: Sobald ein Markt „ungleiche Bedingungen“ signalisiert, rücken Durchsetzung und Gegenmaßnahmen in den Mittelpunkt. Im aktuellen Fall wird die Forderung nach Ausgleich dadurch gestützt, dass die Simulation nicht nur für Deutschland Vorteile beschreibt, sondern auch eine Dynamik für China selbst skizziert.
So argumentiert das IW, dass eine faire Bewertung des Yuan nicht ausschließlich negative Folgen für China hätte. Kurzfristig könnte das chinesische BIP wegen eines Rückgangs der Exporte unter Druck geraten; die Berechnung geht jedoch davon aus, dass sich binnen kurzer Zeit eine Gegenbewegung einstellt. Der Grund liegt laut Studie in einem Anstieg der inländischen Nachfrage: Wenn Exporte preislich unattraktiver werden, verbleiben mehr Waren auf dem heimischen Markt, was tendenziell sinkende Preise auslösen kann. Genau diese Kombination aus geänderten Relationen zwischen Außen- und Binnenabsatz soll den Exportüberschuss nach wenigen Jahren teilweise kompensieren. Bis 2028 erreiche die chinesische Wirtschaft demnach fast wieder das Niveau des Ausgangsszenarios, also mit weniger verzerrender Wechselkurswirkung.
Aus Markt- und Wettbewerbslogik heraus wird die Problematik auch durch die Bewertung des IW-Experten Jürgen Matthes zugespitzt. In seiner Einschätzung wirkt das Währungsmanagement wie ein System, das den Handel grundlegend „verzerrt“, weil China Waren so günstiger anbietet, dass Markterfolge nicht allein aus Produktivität oder Wettbewerbsvorteilen entstehen. Matthes formuliert sinngemäß, dass Europa mit Ausgleichszöllen oder ähnlichen Maßnahmen für gleiche Bedingungen sorgen sollte, damit Unternehmen auf beiden Seiten des Marktes nicht gegen unterschiedliche Preisrealitäten antreten. Für Unternehmen in Deutschland bedeutet das: Die Frage ist weniger, ob Wechselkurse kurzfristig schwanken, sondern ob Rahmenbedingungen dauerhaft asymmetrisch sind und damit Planbarkeit, Investitionen und strategische Positionierung beeinflussen.
Regulatorisch und sicherheitspolitisch ist der Umgang mit solchen Themen inzwischen eng mit Wirtschaftssicherheit verknüpft. Zwar geht es primär um makroökonomische Effekte, doch die Konsequenzen schlagen auf Lieferketten, Abhängigkeiten und Resilienz durch. Wenn Handelsströme systematisch verschoben werden, steigt langfristig das Risiko, dass sich Produktionsschwerpunkte verlagern müssen oder dass wertschöpfungsintensive Bereiche ins Hintertreffen geraten. Gleichzeitig stellt die europäische Politik die Frage, wie sich Maßnahmen so gestalten lassen, dass sie WTO-kompatibel sind, rechtlich belastbar bleiben und nicht allein mit Symbolik reagieren. Für Datenschutz und Compliance ist das zwar nicht unmittelbar „datenrechtlich“, aber für Unternehmensdaten und Lieferketten-Treueprozesse relevant: Entscheidend sind auditierbare Entscheidungswege, klare Kriterien und nachvollziehbare Begründungen für Eingriffe in den Wettbewerb.
Der zukünftige Ausblick hängt damit an zwei Hebeln: Erstens, ob der Yuan schrittweise in Richtung Marktmechanismen bewegt wird, ohne dass China gleichzeitig andere Kompensationen einführt; zweitens, wie die EU und ihre Mitgliedsländer auf mögliche Verzerrungen reagieren. Aus Sicht der Unternehmen ist die praktische Implikation, dass Wechselkursrisiken künftig stärker in Szenarien- und Investitionsmodelle gehören sollten. Wer Produktionsplanung, Preisverhandlungen oder Beschaffungsstrategien betrachtet, sollte die Bandbreiten einer möglichen Aufwertung und die daraus folgenden Nachfrageeffekte durchspielen. Wenn sich die in der Simulation beschriebenen Preis- und Nachfragedynamiken realisieren, kann das nicht nur das Exportgeschäft, sondern auch die Binnenkonjunktur stützen. Unabhängig vom Ausgang bleibt die Kernbotschaft: Fairere Wechselkursbedingungen würden den Marktzugang für deutsche Anbieter tendenziell verbessern und die strukturellen Ungleichgewichte im Handel mittelfristig reduzieren.
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