LONDON (IT BOLTWISE) – In geschlossenen Kleingruppen passen Menschen ihre politischen Aussagen offenbar an die vorherrschende Haltung des Gesprächsumfelds an. Zwei Experimente mit insgesamt 360 Teilnehmenden nutzten KI-Agenten als „fiktive Kolleginnen und Kollegen“ und kamen zu messbaren Verschiebungen je nach Chat-Norm. Besonders konservative Gruppen führten im Mittel zu konservativeren Wortmeldungen, selbst wenn die Teilnehmenden ihre Grundhaltung zuvor bereits angegeben hatten. Die Ergebnisse zeigen damit, warum sichtbar wirkende Einigkeit in privaten Chats ein unvollständiges Bild der persönlichen Überzeugungen geben kann.

Wie KI-Chatrooms politische Ansichten im Kleingruppengespräch verschieben
Wie KI-Chatrooms politische Ansichten im Kleingruppengespräch verschieben (Foto: IT BOLTWISE)
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In großen sozialen Netzwerken ist politische Selbstinszenierung häufig ein Spiel gegen einen unsichtbaren Publikumseffekt: Wer zu kontrovers postet, riskiert Reaktionen, wer schweigt, entzieht sich dem Blick. Im Alltag läuft Kommunikation jedoch oft in kleineren, sozial gebundenen Räumen ab – vom Firmenchat bis zur Familiengruppe. Genau dort setzt die neue Studie an, die in Computers in Human Behavior: Artificial Humans veröffentlicht wurde: Sie untersucht, ob Menschen ihre geäußerten politischen Positionen an die Dominanz im Raum anpassen, auch wenn diese Anpassung von außen wie „Zustimmung“ wirken kann.

Die Forschenden bauen dabei auf der Grundidee sozialer Normen auf: In wiederkehrenden Beziehungen ist völlige Stille in hitzigen Debatten auffällig, abweichende Meinungen erzeugen Reibung. Frühere Arbeiten hatten bereits gezeigt, dass Menschen in Gesprächen regelrecht zwischen Perspektiven wechseln können – häufig als „politische Chamäleons“ beschrieben. Auch in kleineren Plattformkontexten wurde beobachtet, dass sich Tonalität und moralische Begründungsmuster je nach Publikum unterscheiden. Was in solchen Befunden aber fehlt, ist die kontrollierte Frage, wie stark die unmittelbare Gesprächsatmosphäre als solcher „Meinung“ im Ausdruck beeinflusst, wenn das Gegenüber als Normträger wahrgenommen wird.

Um diesen Effekt in kleinen Gruppen experimentell zu isolieren, verwenden Mitsui und Kawamura KI-Agenten, die wie Kolleginnen und Kollegen agieren. Das ist nicht nur methodische Spielerei: KI-Agenten lassen sich so programmieren, dass sie konsistent bestimmte Positionen einnehmen und über mehrere Runden interagieren. Als methodische Referenz dient dabei unter anderem ein Papier zu KI-Agenten, das die Simulation realistischer menschlicher Interaktionen beschreibt (a 2023 paper). In der ersten Studie wurden 180 Teilnehmende in zwei Chatvarianten randomisiert: ein Chat, der „liberal“ geprägt ist, und ein Chat, der „konservativ“ geprägt ist. Die Teilnehmenden sollten sich dabei vorstellen, sie seien gerade in ein neues Unternehmen eingestiegen und würden in einer lockeren Nachrichtengruppe mit drei KI-„Mitarbeitenden“ diskutieren.

Der Chat wurde bewusst wie ein typischer Messenger gestaltet, inklusive Tippindikatoren und verzögerten Antwortpausen, damit die Interaktion natürlich wirkt. Ein Thema wurde zufällig aus fünf Bereichen gezogen: Waffenbesitz, Einwanderung, Abtreibung, Impfpflichten für Kinder sowie geschlechtsspezifische Erziehung in der Grundschule. Ein KI-„Kollege“ brachte jeweils eine Position ein und forderte die Teilnehmenden auf, Stellung zu beziehen. Nach fünf Gesprächsrunden wertete ein Sprachmodell die Gesamtäußerungen mit einem Skalenwert von -2 (sehr liberal) bis +2 (sehr konservativ) aus. Die Studie überprüfte die Auswertung gegen menschliche Ratings durch die ersten Autor: innen und ließ sie zudem mit einem zweiten Modell (Gemini) replizieren; die Bewertungen zeigten dabei eine enge Übereinstimmung. Ergebnis: Die Teilnehmenden verschoben ihren ausgedrückten Standpunkt in Richtung der vorherrschenden Chat-Haltung. Im Mittel lagen die Ausdrücke in konservativen Chats bei 0,21, während liberale Chats bei -0,56 starteten bzw. resultierten – und über die Runden nahmen neutrale Positionen ab, während die Antworten stärker mit dem Ton der KI-Kolleginnen und Kollegen ausgerichtet wurden.

Die zweite Studie adressiert den zentralen Einwand, dass Menschen womöglich einfach ihre bereits vorhandenen Überzeugungen in den Chat „hineintragen“: Deshalb erfassten die Forschenden vor Beginn der Konversation die eigene politische Ideologie auf einer fünfstufigen Skala sowie die persönliche Zustimmung zu allen fünf Diskussionsthemen. Wiederum nahmen 180 Teilnehmende teil, die Chats waren erneut als liberal oder konservativ geprägt, und für die Generierung der KI-„Mitdiskutierenden“ wurde in dieser Runde eine neuere Modellversion eingesetzt. Selbst nach der statistischen Korrektur für die Ausgangsüberzeugung zeigte sich jedoch weiterhin ein Effekt der Chatumgebung. Konservativ zugewiesene Teilnehmende formulierten im Schnitt deutlich konservativere Standpunkte (adjusted average 0,12) als Teilnehmende im liberalen Chat (-0,38). Gleichzeitig bleibt die Ausgangsideologie erklärungsmächtig: Sie machte in den Daten 22% der Varianz aus, während der Chat-Kontext nur 4% beitrug. Damit spricht die Arbeit nicht für eine vollständige „Meinungsumwandlung“, sondern für eine messbare Mitbestimmung dessen, was am Ende gesagt wird, durch die unmittelbare Normatmosphäre im Gespräch.

Für die Einordnung ist zudem wichtig, wie die Studie ihre Grenzen beschreibt. Gemessen wurde, was Teilnehmende tatsächlich in das Chatfenster schrieben – das muss nicht identisch sein mit einer tiefen Veränderung privater Überzeugungen oder langfristiger Einstellungen. Außerdem bleibt das Zusammenspiel von Gruppennormen und inhaltlicher Überzeugungskraft der Nachrichten ungetrennt, weil beides in der Experimentallogik zusammenvariierte. Dennoch ist der praktische Schluss relevant: Wenn bereits kurze Interaktionen in geschlossenen Gruppen den Ausdruck politischer Positionen in Richtung einer dominanten Haltung verschieben, kann scheinbare Einigkeit in privaten Chats den tatsächlichen Meinungspluralismus verdecken. Das hat auch eine KI-Brillen-aufsetzen-Perspektive: KI-Chatbots können selbst persuasive Wirkung entfalten, und die Studie setzt diese Mechanik im Kleingruppenformat zumindest in eine stark kontrollierte Richtung.

Für Unternehmen und Produktteams, die KI in Kommunikations- oder Kollaborationsumgebungen integrieren, bedeutet das weniger „Angst vor KI“, sondern mehr Designpflicht: Ein Chat, der Nutzer durch Tonalität und wiederholte Zustimmungsroutinen in eine Normschleife drückt, kann unbeabsichtigt Ausdrucksverhalten verzerren. Zugleich zeigt die Arbeit eine Chance für Evaluation: Wo bisher nur große Social-Plattformen untersucht wurden, lässt sich mit KI-gestützten Simulationen systematisch testen, wie sich Kontexte auf Aussagen auswirken. Auch zukünftige Forschung wird genau hier ansetzen müssen – etwa indem sie subtilere politische Signale untersucht oder das Experiment auf andere geschlossene Netzwerke wie Hobbyforen oder Familiengruppen überträgt. Der Kern bleibt: In kleinen, sozial gebundenen Chats kann das, was Menschen sagen, stärker vom „Raum“ abhängen, als es in der Rückschau über die eigene Überzeugung oft vermutet wird.


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