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LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Längsschnittstudie in Norwegen verbindet psychische Belastungen in der Jugend mit dem Wahlverhalten im frühen Erwachsenenalter. Forschende unterscheiden dabei interne Probleme wie Depression und Angst von externen Problemen wie regelverletzendem Verhalten. Wer in der Jugend dauerhaft stark belastet war, zeigte später häufig weniger Vertrauen in Politik und andere Menschen. Die Ergebnisse liefern damit einen neuen Blick auf die Wechselwirkung von psychischem Erleben und politischer Orientierung über Jahrzehnte hinweg.

Wie psychische Entwicklung in der Jugend Wahlverhalten im Erwachsenenalter prägt
Wie psychische Entwicklung in der Jugend Wahlverhalten im Erwachsenenalter prägt (Foto: IT BOLTWISE)
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Dass sich Biografie und Politik gegenseitig beeinflussen, ist in der Forschung kein Geheimnis. Neu ist jedoch der konkrete Zeithorizont, den eine Längsschnittstudie aus Norwegen liefert: Psychische Entwicklung in der Adoleszenz lässt sich mit politischen Präferenzen fast drei Jahrzehnte später in Verbindung bringen. Im Kern geht es um die Frage, ob anhaltende Belastungen, die bereits in jungen Jahren beginnen, später nicht nur das Wohlbefinden prägen, sondern auch Einstellungen zu Wahlen, staatlichen Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen.

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Political Psychology veröffentlicht und von Sam Fluit (Universität Oslo) zusammen mit weiteren Forschenden durchgeführt. Methodisch werteten sie Daten von 2.215 Personen aus, die über fünf Zeitpunkte hinweg über 28 Jahre hinweg begleitet wurden. Startpunkt war die frühe 1990er-Zeit, als die Teilnehmenden etwa 15 Jahre alt waren; das Ende der Befragung lag 2020, als die Probanden sich in ihren frühen Vierzigern befanden. In den einzelnen Wellen berichteten die Teilnehmenden jeweils Häufigkeit und Schwere psychischer Symptome.

Entscheidend für die Auswertung war die Unterscheidung zwischen zwei großen Symptommustern. Internalisierende Probleme beschreiben nach außen wenig sichtbare, nach innen gerichtete Belastungen wie depressive Verstimmung, allgemeine Angst und Zukunftsängste. Externalisierende Probleme spiegeln demgegenüber maladaptive Handlungen nach außen wider: In der Jugend etwa Vandalismus, Schulschwänzen oder körperliche Auseinandersetzungen; im Erwachsenenalter dann häufiger Muster, die in Richtung Substanzmissbrauch, riskantes Fahren unter Alkoholeinfluss oder Aggression am Arbeitsplatz zeigen können. Für beide Kategorien bildeten die Forschenden Gruppen, deren Symptomverläufe im Zeitverlauf ähnlich waren.

Bei den internalisierenden Problemen identifizierten sie drei Lebenspfade: Die Mehrheit blieb dauerhaft bei einem niedrigen und stabilen Symptomniveau. Eine zweite Gruppe begann mit erhöhten Werten in der Adoleszenz, die später abnahmen. Daneben gab es eine kleinere Teilgruppe, deren erhöhtes Niveau mit der Zeit sogar anstieg. Für die externalisierenden Probleme ergaben sich zwei Pfade: Der weitaus größte Teil zeigte anfangs erhöhte Verhaltensauffälligkeiten, die im Verlauf nachließen. Eine kleinere Gruppe blieb dagegen durchgängig auf erhöhtem Niveau. Genau diese Pfadunterschiede wurden anschließend mit politischen Outcomes im mittleren Erwachsenenalter verknüpft.

Der Zusammenhang zeigt sich zunächst bei der Wahlbeteiligung. Höhere Ausprägungen internalisierender oder externalisierender Probleme gingen laut Analyse mit geringerer Wahrscheinlichkeit einher, überhaupt zu wählen. Innerhalb der internalisierenden Gruppen deutet insbesondere der Verlauf auf Unterschiede hin: Wer in der Jugend zwar hohe Werte hatte, später aber eine deutliche Entlastung erlebte, beteiligte sich in der letzten nationalen Wahl seltener als Personen mit einem dauerhaft niedrigen, stabilen Muster. Bei den externalisierenden Gruppen war die Richtung ähnlich: Persistierend erhöhte Probleme standen mit geringerer Wahlbeteiligung in Verbindung als ein Rückgang der Auffälligkeiten.

Auch das Vertrauen in Politik und soziale Beziehungen blieb nicht unberührt. Teilnehmende aus den Gruppen mit erhöhtem internalisierendem Profil und aus der stabil externalisierenden Gruppe berichteten im mittleren Alter weniger Vertrauen in politische Institutionen. Zudem stimmten sie seltener der Aussage zu, dass man anderen Menschen grundsätzlich vertrauen könne. Interessant ist dann die weitere Differenzierung nach politischer Ausrichtung: Internalisierende Probleme korrelierten eher mit einem linksgerichteten Profil, unabhängig davon, ob die Symptome im Erwachsenenalter weiter zunahmen oder sich wieder abschwächten. Personen aus dieser Gruppe waren weniger wahrscheinlich, für etablierte bürgerliche bzw. zentrumsrechte Parteien zu stimmen; besonders auffällig war, dass diejenigen mit abnehmenden internalisierenden Symptomen häufiger zu weit links positionierten Parteien tendierten.

Externalisierende Probleme führten dagegen in ein anderes Muster. Wer in der Jugend persistierend erhöhte externalisierende Probleme zeigte, entwickelte laut Studie ein eher rechtsgerichtetes politisches Profil. Diese Gruppe war häufiger gegen soziale Gleichheit eingestellt und unterstützte konservativere Politikansätze, etwa strengere Strafen für Kriminalität. Außerdem nannten sie ein höheres Maß wahrgenommener Bedrohung durch Immigrantinnen und Einwanderer. Beim Blick auf die tatsächliche Stimmabgabe berichten die Autoren außerdem von einer höheren Wahrscheinlichkeit, populistisch-rechtsgerichtete Parteien zu wählen, während die Chance, für Mitte-links-Optionen zu stimmen, geringer ausfiel als bei Gleichaltrigen mit einem Rückgang der externalisierenden Problemlage.

Zur Einordnung liefern die Forschenden Plausibilitätsüberlegungen, die ohne Kausalitätsanspruch auskommen müssen. Sie argumentieren, dass Menschen, die mit Depression und Angst kämpfen, sich eher zu egalitären politischen Programmen hingezogen fühlen könnten; linke Ideologien fokussieren oft auf strukturelle Ungleichheiten und könnten deshalb besser zu einem Bedürfnis nach politischer Einbindung, sozialer Unterstützung und Gemeinschaft passen. Bei persistierenden externalisierenden Mustern sei dagegen denkbar, dass ein adversariales Weltbild, das durch Antagonismus und Opposition geprägt ist, eher zu ausschließenden politischen Angeboten führt, die gegen das etablierte System positionieren. Gleichzeitig betonen die Autoren die Grenzen der Aussagekraft: Beobachtungsdaten beweisen keine direkte Ursache, und psychische Belastung sowie politische Einstellungen könnten sich in einer Rückkopplung über die Zeit gegenseitig beeinflussen. Auch politische Einstellungen wurden nur in der Endbefragung im mittleren Alter erhoben; damit fehlt die Möglichkeit, zeitgleich verschobene Meinungen unmittelbar mit den jeweiligen Symptomwellen zu synchronisieren. Zudem stammt die Datengrundlage aus einem Land mit starkem Sozialstaat und einer Mehrparteienlandschaft wie in Norwegen, sodass sich Effekte in Systemen mit weniger sozialer Absicherung oder in Wahlmodellen mit nur wenigen dominierenden Parteien anders zeigen könnten.

Für die Praxis ist die wichtigste Botschaft weniger „Prognose“ als vielmehr „Blickschärfung“. Wenn sich politische Präferenzen über Jahrzehnte hinweg mit psychischen Entwicklungspfaden koppeln, wird deutlich, dass gesellschaftliche Stabilität nicht allein aus Wahlarithmetik besteht, sondern auch aus langfristigen Verläufen von Gesundheit, Bewältigung und sozialer Einbettung. Für weitere Forschung schlägt die Studie vor, Mechanismen gezielt zu messen – etwa wie Bildungserfolg oder wirtschaftliche Belastungen als Bindeglied zwischen frühen psychologischen Erfahrungen und späteren Entscheidungen wirken können. Bis dahin sollten solche Ergebnisse vor allem als Ausgangspunkt dienen, um die Wechselwirkung zwischen mentaler Gesundheit und politischem Verhalten differenzierter zu verstehen, statt sie als einfache Ursache-Wirkungs-Geschichte zu lesen.

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