BAD DÜRKHEIM / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Facharzt für Psychiatrie empfiehlt beim Wiedereinstieg nach längerer Abwesenheit eine schrittweise Anpassung von Schlaf- und Wachrhythmus, um den sogenannten Praxisschock zu reduzieren. Vor dem ersten Arbeitstag soll zudem ein informelles Telefonat mit Kollegen Ängste abbauen und soziale Hürden senken. In der Startphase rät er, den Kalender bewusst von großen Meetings freizuhalten, damit Zeit für Einarbeitung bleibt. Besonders wichtig ist, die Erwartung an sofortige 100-prozentige Leistung zu vermeiden und Belastbarkeit zuerst wieder aufzubauen.

Der Schritt zurück in den Job nach einer längeren Auszeit ist für viele Beschäftigte mehr als nur eine organisatorische Frage. Unabhängig davon, ob die Abwesenheit krankheitsbedingt war oder durch Elternzeit beziehungsweise ein Sabbatical entstand, müssen sich Körper und Psyche wieder an konkrete Arbeitsabläufe gewöhnen. In den aktuellen Empfehlungen von Alex Dugnist, Facharzt für Psychiatrie und leitender Oberarzt an der Median Rhein-Haardt-Klinik Bad Dürkheim, steht deshalb weniger die perfekte Rückkehr als die langfristig stabile Anpassung im Vordergrund. Gerade weil die neue Routine zunächst unruhig wirken kann, lohnt sich eine gezielte Vorbereitung, bevor die ersten Erwartungen aus dem Team oder von außen anrollen.
Technisch betrachtet folgt der Wiedereinstieg einem Wechsel aus zwei Zuständen: Vor der Rückkehr läuft der Alltag häufig nach einem anderen Takt, nach dem Wiedereinstieg greift der Tagesbetrieb mit festen Startzeiten, Kommunikationsrhythmen und wiederkehrenden Anforderungen. Dugnist setzt deshalb früh an und empfiehlt, den eigenen Tagesrhythmus bereits einige Tage vor dem ersten Arbeitstag schrittweise zu verstellen. Besonders relevant seien Schlaf- und Wachzeiten, weil sich der Organismus so früher auf die bevorstehende Belastung einstellen kann. Parallel dazu nimmt er die soziale Dimension ernst: Ein informelles Telefonat mit Kollegen vor der Rückkehr soll helfen, Barrieren abzubauen und Veränderungen im Team oder im Arbeitsumfeld auf informeller Ebene vorab zu klären.
Diese sanfte Kontaktaufnahme zielt dabei weniger auf Details einzelner Projekte, sondern auf das Reduzieren von Unsicherheiten. Wer nach einer Abwesenheit wieder in die Gruppe zurückkehrt, spürt oft einen subtilen Erwartungsdruck, selbst wenn niemand ausdrücklich Forderungen äußert. Im Ansatz von Dugnist soll genau hier ein Puffer entstehen: Durch ein kurzes Gespräch vor dem offiziellen Leistungsdruck können sich Rückkehrer mental auf die neue Dynamik einstellen und mögliche Ängste vor der Interaktion senken. Im Ergebnis wird die erste Phase nicht als Sprung in kaltes Wasser erlebt, sondern als kontrollierter Übergang, in dem man sich wieder ans Tempo gewöhnt.
Für die konkrete Arbeitswoche sieht die Strategie eine bewusste Steuerung der Arbeitslast vor. Dugnist rät, den Terminkalender in den ersten Tagen konsequent von großen Meetings und komplexen Abstimmungsrunden freizuhalten. Diese Phase soll primär der individuellen Einarbeitung und dem Sichtungsprozess von liegengebliebenen Vorgängen dienen, damit aus dem Wiedereinstieg kein permanenter Wechsel von Kontexten wird. Denn wer Aufgaben und Informationen gleichzeitig aus einer Vielzahl von Quellen aufnehmen muss, produziert zwangsläufig mehr kognitive Last. Umso wichtiger ist es, die täglichen Schwerpunkte so zu setzen, dass sie realistisch zu der zunächst wiederherzustellenden Leistungsfähigkeit passen. Damit gewinnt man in der Startphase vor allem eines zurück: Kontrolle über den eigenen Tagesablauf, statt sofort von externen Anforderungen überrollt zu werden.
Ein weiterer Kernpunkt der Empfehlungen betrifft die mentale Zieldefinition. Dugnist beschreibt die verbreitete Denkfalle, unmittelbar ab dem ersten Tag wieder 100 % Leistung bringen zu müssen. Diese 100-Prozent-Erwartung wirkt auf viele Rückkehrer gleichzeitig wie ein innerer Leistungscheck und wie ein stiller Vergleich mit dem Zustand vor der Auszeit. In der Praxis kann genau diese Haltung in eine Überforderung kippen, weil sie die Erholungs- und Anpassungsphase überspringt. Dass neben der Steuerung externer Anforderungen auch die eigene Ausgeglichenheit entscheidend ist, unterstreicht er als Voraussetzung für eine langfristig erfolgreiche Rückkehr.
Statt sofortiger Vollauslastung empfiehlt Dugnist deshalb, den Wiedereinstieg als Prozess zu betrachten, in dem die volle Leistungsfähigkeit Schritt für Schritt wieder aufgebaut wird. Der wichtige Nebensatz dabei: Eine temporär reduzierte Belastbarkeit sei kein Zeichen von Schwäche. Vielmehr braucht es häufig eine Phase, in der das System erst wieder stabilisiert wird, bevor intensivere Aufgaben zuverlässig funktionieren. Gleichzeitig werden damit auch Unternehmen und Vorgesetzte in die Pflicht genommen: Wenn der nötige Spielraum nicht eingeplant wird, steigt das Risiko, dass Mitarbeitende die eigene Gesundheit unter Druck setzen. Der Ansatz adressiert somit nicht nur die individuelle Planung, sondern auch die Frage, wie Teams Wiedereinsteiger im Arbeitsalltag wirklich unterstützen.
Für die Umsetzung in der Organisation bedeutet das konkret, dass der Kalender als Steuerungsinstrument verstanden werden sollte. Die Empfehlung, am Anfang großformatige Meetings zu vermeiden, lässt sich in vielen Betrieben ohne große Umstrukturierungen abbilden: Aufgaben können beispielsweise zunächst in klaren, zeitlich begrenzten Blöcken gesichtet und priorisiert werden, bevor man in Abstimmungsrunden wechselt. Ebenso kann ein wiederkehrendes, kurzes Abstimmen helfen, ohne die gesamte Woche mit parallelen Kontexten zu überfrachten. Damit wird auch für Führungskräfte besser nachvollziehbar, warum „schnelle Rückkehr“ nicht automatisch „sofortige Höchstleistung“ bedeutet. Gerade dort, wo Leistungskennzahlen stark auf Output abstellen, lohnt es sich, temporäre Ramp-up-Zeiträume als Teil des normalen Prozesses zu definieren.
Unterm Strich steht in den Empfehlungen eine Psychologie der Stabilisierung im Vordergrund: erst Rhythmus und soziale Anbindung, dann kontrolliertes Zeitmanagement, schließlich der Verzicht auf unrealistische Sofort-Erwartungen. Der Rat, die 100%-Idee zu ersetzen, wirkt dabei wie ein Sicherheitsgeländer gegen Selbstüberforderung. Für Mitarbeitende heißt das, den Wiedereinstieg nicht als Prüfung zu interpretieren, sondern als Anpassungsphase mit messbaren Fortschritten. Für Unternehmen heißt es, diese Phase nicht zu verkürzen, sondern bewusst zu gestalten, damit aus einem gesunden Re-Entry auch dauerhaft tragfähige Arbeitsfähigkeit entsteht.
Wenn du den Wiedereinstieg planst, hilft es häufig, die ersten Tage ähnlich zu behandeln wie ein technisches Rollout: nicht alles auf einmal, sondern sauber priorisieren, Risiken reduzieren und Feedback-Schleifen zulassen. So kann man bereits in der Startwoche spürbar entlasten, ohne die eigene Verantwortung abzulegen. Die zentrale Botschaft von Alex Dugnist bleibt dabei klar: Der Wechsel zurück ins Berufsleben ist kein Schalter, sondern ein Ramp-up – und der lässt sich gesund gestalten.
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