KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft warnt vor einer anhaltenden Unterbewertung des Yuan und beziffert die Folgen für Deutschland: Das preisbereinigte BIP könnte bis 2028 um bis zu 0,3 Prozent abweichen. Gleichzeitig steigt das Handelsbilanzdefizit mit China auf Größenordnungen von rund 90 Milliarden Euro. Im Kern geht es um verzerrte Wettbewerbsbedingungen, weil Peking den Wechselkurs staatlich steuert. Branchenexperten erwarten dabei nicht nur kurzfristige Belastungen, sondern auch strukturelle Anpassungs- und Absicherungsbedarfe in der europäischen Industrie.

Yuan-Unterbewertung bremst Deutschlands Wachstum bis 2028
Yuan-Unterbewertung bremst Deutschlands Wachstum bis 2028 (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Chinas Währungsmanagement bekommt in Deutschland eine neue, zahlenbasierte Dringlichkeit. Laut einer Simulation des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) könnte eine „fair“ bewertete Entwicklung des Yuan das deutsche preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt bis 2028 um bis zu 0,3 Prozent höher ausfallen lassen. Rechnet man die Effekte über die Jahre 2026 bis 2028 zusammen, entsteht eine Größenordnung von rund 43 Milliarden Euro, die als Wachstumsverlust interpretiert wird. Damit verschiebt sich die Frage vom politischen Streit zur wirtschaftlichen Wirkungskette: Wechselkurse beeinflussen Preise, Absatzchancen und Investitionsentscheidungen entlang kompletter Liefer- und Wertschöpfungsketten.

Technisch betrachtet ist der Mechanismus vergleichsweise klar, auch wenn er in der Praxis schwer zu quantifizieren ist: Wenn der Yuan gegenüber einem Marktkorridor dauerhaft zu niedrig gehalten wird, werden chinesische Exporte relativ günstiger, während Importe aus dem Ausland für Partnerländer teurer werden. Für Unternehmen wirkt das wie ein doppelter Preisschub—einerseits sinkt die Wettbewerbsfähigkeit importierter oder nachgelagerter Komponenten, andererseits wird die eigene Preisstrategie unter Druck gesetzt. Das IW beschreibt dafür ein staatlich gesteuertes Wechselkurssystem statt eines freien Marktmechanismus. Um solche Effekte zu simulieren, müssen Modelle Annahmen zu Wechselkursdurchläufen, Nachfrageelastizitäten und Handelsstrukturen treffen—und genau hier liegt der zentrale Unsicherheitsbereich.

Der Markt zeigt bereits, wie die Richtung dieser Wirkung sein kann. In der Studie wird dargestellt, dass die gezielte Unterbewertung des Yuan dazu führt, dass deutsche Exporte nach China deutlich nachgeben, während Importe chinesischer Güter spürbar zunehmen. So wächst das Handelsbilanzdefizit mit China bis 2025 auf rund 90 Milliarden Euro. Für die deutsche Wirtschaft—mit starker Industrieorientierung und komplexen Exportportfolios—ist das mehr als eine Bilanzkennzahl: Es beeinflusst Margen, Volumen und die Planung von Kapazitäten. Für IT- und Engineering-Organisationen bedeutet das zusätzlich, dass Strategiearbeit, Forecasting und Supply-Chain-Planung häufiger unter Währungs- und Preisschwankungen neu kalibriert werden müssen.

Im internationalen Kontext erinnert die Diskussion an frühere Muster, in denen Regierungen Wechselkurse zur Wettbewerbspositionierung nutzten oder zumindest stark beeinflussten. Als Vergleich wird in der Fachdebatte immer wieder auf die langjährige Debatte um die Stabilisierungspolitik Japans verwiesen, etwa in Phasen, in denen ein schwächerer Yen als exportstützend wahrgenommen wurde. Der Unterschied liegt dennoch in den politischen Rahmenbedingungen: Während Japan in einzelnen Episoden stärker durch geld- und finanzpolitische Impulse geprägt war, beschreibt das IW für China ein explizites Wechselkursmanagement mit dem Effekt einer dauerhaft günstigeren Exportbasis. Diese Differenz ist für Europas Positionierung wichtig, weil sie die Argumentationslinie von „konjunkturell bedingt“ hin zu „regelgebunden verzerrt“ verschiebt.

Auch die Einschätzung aus Expertenkreisen fällt deutlich aus. IW-Experte Jürgen Matthes ordnet das Problem als Beeinträchtigung fairen Handels ein: Für den freien Wettbewerb sei diese Konstellation „Gift“, weil China Waren günstiger verkaufe, als es in einem neutralen Wettbewerbsrahmen der Fall wäre, und dadurch Marktanteile erlangen könne, die sich bei fairen Bedingungen nicht im gleichen Ausmaß ergeben würden. Wichtig ist dabei: Die Studie zielt nicht nur auf eine moralische Bewertung, sondern auf konkrete ökonomische Nebenwirkungen—etwa auf die Frage, wie schnell sich Nachfrage nach einer Wechselkurskorrektur tatsächlich neu ausrichtet. Genau diese Geschwindigkeit ist entscheidend, wenn man kurzfristige Exportrückgänge gegen spätere Anpassungseffekte abwägt.

Entscheidend ist außerdem, wie das Szenario für China selbst interpretiert wird. Kurzfristig könnte eine stärkere Aufwertung den chinesischen Exporteuren zusetzen und das chinesische BIP zunächst bremsen—so die Logik der Simulation. Gleichzeitig erwartet das IW, dass sich die inländische Nachfrage rasch erholen könnte, weil weniger exportierte Waren auf dem heimischen Markt landen. Das könnte einen Nachfrageanstieg auslösen und damit mittelfristig preis- und mengenbezogene Effekte abfedern. Für deutsche Unternehmen bedeutet das: Wer nur die unmittelbare Handelsbilanz betrachtet, unterschätzt möglicherweise die Dynamik im Folgejahrzehnt. Umgekehrt steigt der Wert von belastbaren Szenariorechnungen, die nicht nur Währungsniveaus, sondern auch Preisweitergabe und Konsumreaktionen modellieren.

Aus Unternehmenssicht entsteht daraus eine klare Handlungslogik entlang von drei Ebenen. Erstens sollten Finanz- und Einkaufsabteilungen Wechselkursrisiken nicht mehr als Randvariable behandeln, sondern in Pricing, Kontraktgestaltung und Budgetierung integrieren—etwa durch Laufzeitstrukturen, Hedging-Strategien oder dynamische Indexierungen. Zweitens verschiebt sich die Priorität in der Produkt- und Prozessplanung: Wo preisliche Wettbewerbsfähigkeit über Wechselkursannahmen entscheidet, braucht es belastbare technische Pfade, die Kosten in Produktportfolios nachhaltig senken. Drittens wird Resilienz in den Lieferketten wichtiger, weil Währungs- und Handelsströme kurzfristig „drehen“ können. In diesem Zusammenhang wird auch die Bedeutung von Compliance und Handelsregulierung spürbar: Unternehmen sollten ihre Verfahren für Ursprungsnachweise, Zolldokumentation und potenzielle Ausgleichsmaßnahmen eng mit Legal- und Tax-Teams verzahnen.

Der Ausblick legt nahe, dass die Diskussion mittelfristig politisch und wirtschaftlich in einen neuen Anpassungsmodus mündet. Das IW erwartet, dass der Anstieg der Binnennachfrage den Exportüberschuss in wenigen Jahren weitgehend kompensieren könnte, sodass China bis 2028 nahezu zum Ausgangsniveau zurückkehren könnte—aber eben unter anderen Wettbewerbsbedingungen. Europa könnte darauf reagieren, etwa über Ausgleichszahlungen oder andere Instrumente, die fairen Wettbewerb unterstützen. Für die digitale Wirtschaft heißt das zugleich: Datengetriebene Modelle für Nachfrage-, Preis- und Kostenprognosen werden strategisch, weil sie schneller auf Wechselkurs- und Handelsänderungen reagieren können. Gleichzeitig bleibt die regulatorische Dimension im Fokus—WTO-Regelwerke, nationale Industriepolitik und mögliche Gegenmaßnahmen müssen im Einklang stehen, sonst entstehen weitere Unsicherheiten für Planung und Investitionen.


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