LONDON (IT BOLTWISE) – Eine aktuelle Studie argumentiert, dass intensiv-kontrollverlustiges Tagträumen psychologisch nicht plötzlich „neu“ entstanden ist. Statt eines reinen Internet-Phänomens finden sich laut Forschern ähnliche Muster bereits in literarischen Darstellungen vom 17. bis ins 21. Jahrhundert. Die Arbeit ordnet immersive Fantasie auf einem Kontinuum ein – von kreativer Bewältigung bis hin zu deutlicher Beeinträchtigung. Damit liefert sie neue Perspektiven auf Diagnosegrenzen, Forschungsbedarf und die Frage, wann inneres Erleben klinisch relevant wird.

Klassische Literatur zeigt: Maladaptives Tagträumen war kein moderner Trend
Klassische Literatur zeigt: Maladaptives Tagträumen war kein moderner Trend (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer heute in der Psychologie von „maladaptivem Tagträumen“ spricht, verbindet damit oft den Eindruck einer modernen, neu benannten Problemlage. Genau diesen Eindruck stellt eine Studie nun infrage: Forschende berichten, dass intensive, emotional und sensorisch absorbierende Fantasien über Jahrhunderte hinweg in Romanen und anderen literarischen Formen beschrieben werden. Damit verschiebt sich der Fokus von einer vermeintlich zeitgebundenen Mode hin zu einer längeren historischen Kontinuität. Für Fachleute ist das nicht nur kulturgeschichtlich interessant, sondern berührt auch die methodische Kernfrage, wie stark klinische Kategorien an Beobachtungen aus dem „realen“ Erleben gebunden sind.

Grundlage der Einordnung ist die Unterscheidung zwischen gewöhnlichem Tagträumen, das viele Menschen zur Planung, Problemvorwegnahme und emotionalen Regulation nutzen, und einer stärkeren, „immersiven“ Variante. Immersives Tagträumen meint dabei sehr lebhafte mentale Szenarien, die Aufmerksamkeit vollständig binden können; häufig werden zusätzlich körperliche Ausdrucksformen oder Rituale beschrieben, etwa Gehen, Mimik oder das Einbinden von Musik als Trigger. In der klinischen Perspektive wird problematisch, wenn diese Fantasie eine Art Zwang wird, der soziale Verpflichtungen verdrängt und emotionalen Stress verstärkt. Genau an dieser Schwelle entzündet sich seit der neueren Etablierung des Konstrukts auch die Debatte um Validität und Pathologisierung.

Die Autoren der Untersuchung, Eli Somer und Ashwini S. Iyer, starten aus einer ungewöhnlichen Beobachtung: Auch wenn maladaptives Tagträumen erst in der modernen Forschung systematisch auftaucht, wirken die dahinterliegenden Erfahrungen nicht wie ein neues menschliches Phänomen. Sie wollten diese Spannung nicht über rein klinische Fallberichte auflösen, sondern über literarische Belege. Dafür wählten sie 20 Werke aus dem Zeitraum vom 17. bis ins 21. Jahrhundert und prüften sie über digitale Bibliotheken wie Project Gutenberg auf passende Textmuster. Zu den verwendeten Suchbegriffen gehörten unter anderem „escapism“, „fantasy“ und „daydream“. Wichtig ist dabei: Es handelt sich um eine qualitative literaturanalytische Studie, keine statistische Schätzung von Effekten.

Technisch-methodisch interessant ist, wie die Literatur mit heutiger Diagnostik in Beziehung gesetzt wird. Die Forschenden identifizierten wiederkehrende Beschreibungen, die die Innenperspektive der Figuren so detailreich wiedergeben, dass eine psychologische Analyse möglich erscheint. Anschließend ordneten sie die Figuren mit einer modernen Bewertungssystematik ein, nämlich der Maladaptive Daydreaming Scale. Diese skaliert vier Komponenten, die insbesondere für die Einordnung relevant sind: Störung des Alltags, ein intensives Craving nach dem Tagträumen, körperliche Bewegungen während der Fantasie sowie Musik als Auslöser. Damit orientiert sich die Arbeit an messnahen Kriterien, auch wenn sie keine Diagnosen im medizinischen Sinne stellen will.

Im Ergebnis finden die Autoren Muster, die an zeitgenössische Beschreibungen anknüpfen. Sie berichten, dass in der Stichprobe zehn Werke männliche und zehn weibliche Hauptfiguren enthalten und dass 18 der 20 Geschichten Figuren im Jugend- oder mittleren Lebensalter fokussieren. Besonders häufig wird die Entstehung intensiven Tagträumens mit schwierigen Lebensumständen verknüpft, etwa Einsamkeit, Armut, sozialen Restriktionen, Trauma, Identitätskonflikten, romantischer Sehnsucht oder Ambitionen. Inhaltlich reicht das Spektrum von Figuren, die die Fantasie zur kreativen Bewältigung nutzen, bis zu Fällen, in denen sich die Fantasie stärker von der Realität löst und Beziehungen oder berufliche Ziele nachhaltig unter Druck setzt.

Diese Dualität bildet zugleich den „Markt“- und Wettbewerbsaspekt der Forschung ab: Während viele Kliniker Kategorien in großen Diagnosewerken verorten, etwa im Sinne strukturierter Klassifikationssysteme wie DSM-5 oder ICD-11, entsteht hier ein ergänzender Zugriff über historisch-literarische Phänomenologie. Genau darin liegt die Konkurrenz zur reinen „Klinikbrille“: Nicht die Diagnose steht im Zentrum, sondern die Phänomen-ähnlichkeit. Somer betont, dass das Problem nicht darin liege, ob jemand lebhaft tagträumt, sondern ob das Fantasieleben die Lebensorganisation dominiert. In einer sinngemäßen Zuspitzung beschreibt er zudem, dass positive und adaptive Darstellungen fast immer Selbstkontrolle enthalten, während schädliche Verläufe häufig mit einem Kontrollverlust und einer Verschiebung der Prioritäten einhergehen.

Die Studie illustriert das mit bekannten Beispielen: Bei Jay Gatsby wird eine stark idealisierte, im Kern falsche Selbstinszenierung auf Basis kindlicher Fantasien aufgebaut, was schließlich in tragische Konsequenzen führt. Ähnlich problematisch erscheint bei Emma Bovary das obsessive Tagträumen über Leidenschaft und „High Society“, das sie in eine spiralige Überschuldung und am Ende in eine Selbstzerstörung treibt. Gleichzeitig zeigen andere Figuren, dass imaginative Prozesse auch regulierend wirken können: Jane Eyre oder Clarissa Dalloway verankern sich laut Somer aktiv im Realen, indem sie abschweifende Gedanken bemerken und durch Reflexion, alltägliche Sinneseindrücke oder ein Gefühl der Pflicht zurückholen. Dieses „Wieder-einrasten“ kommt modernen Konzepten nahe, etwa Metakognition, Grounding und Achtsamkeitsstrategien.

Für die psychologische Praxis und auch für Unternehmen, die mit Gesundheitsdaten oder mentalem Workforce-Management arbeiten, ergibt sich daraus ein klarer Implikationspfad. Systeme, die psychische Belastungen nur über starre Labels erfassen, laufen Gefahr, graue Zonen zu übersehen: Tagträumen kann Ressource sein, aber auch dysregulierendes Muster. Gerade in der modernen Diagnostik und im betrieblichen Kontext ist daher die präzise Unterscheidung entscheidend, ob eine Person Fantasie zur Emotionsregulation nutzt oder ob das Erleben zu zwanghaftem Ausweichen wird, das Funktionsfähigkeit und soziale Anbindung beeinträchtigt. Die Studie liefert hierfür einen stärker kontextualisierten Blick auf Risikofaktoren, ohne klinische Evidenz zu ersetzen.

Gleichzeitig bleiben Limitationen bestehen, die man in jeder belastbaren Forschungsarchitektur einplanen muss. Die Forschenden warnen vor einer Übertragung der Befunde aus der Literatur auf medizinische Aussagen: Figuren lassen sich nicht diagnostisch „festlegen“, und literarische Texte sind durch künstlerische Absichten, kulturelle Konventionen und dramatische Erzählmechaniken geformt. Zudem ist das Vorgehen interpretativ, weil das Lesen durch eine moderne psychologische Linse geschieht. Gerade deshalb fordern die Autoren als nächsten Schritt eine stärkere empirische Absicherung: klinische Studien, Brain-Imaging-Forschung, epidemiologische Untersuchungen, kulturübergreifende Validierungen, Treatment-Trials sowie bessere diagnostische Werkzeuge.

In der Summe lässt sich die Veröffentlichung als Brücke zwischen klinischer Wissenschaft und den Geisteswissenschaften lesen. Somer formuliert sinngemäß, dass Psychologie Konzepte, Messbarkeit und empirische Disziplin bereitstellt, während Literatur Tiefe, Kontext und eine „menschliche Stimme“ liefert. Für die Zukunft heißt das: Langfristig könnte eine Phänomen-gestützte Herangehensweise helfen, Sprache und Beobachtung so zu schärfen, dass Betroffene sich weniger als „anders“ erleben. Für die Forschung bedeutet es zudem, dass die historische Kontinuität nicht nur ein kulturelles Argument ist, sondern ein Startpunkt für bessere Operationalisierungen. Wenn sich die klinischen Kriterien weiter verfeinern, könnte das Verständnis von maladaptivem Tagträumen präziser werden – mit dem Ziel, gesunde Imagination zu schützen und schädliche Muster früher und differenzierter zu erkennen.


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