BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Zalando hat seine Jahresprognose konkretisiert, rechnet aber 2026 beim Umsatz und beim Bruttowarenvolumen (GMV) nur mit Wachstum in der unteren Hälfte der bisherigen Spanne. Im zweiten Quartal fielen Erlöse, GMV und das bereinigte EBIT zwar besser aus als zuvor, lagen zugleich aber unter den Erwartungen. Die Aktie reagierte darauf mit einem deutlichen Rücksetzer Richtung Dax-Schlusskurs. Zusätzlich stand die Integration von About You im Fokus, während die BaFin Anfang Juli Angaben im Anhang beanstandete.

Zalando hat das wichtigste Signal für Anleger bereits mit dem Zahlenwerk geliefert: Das Management stellt für 2026 zwar weiter Wachstum in Aussicht, konkretisiert die Zielkorridore aber spürbar in Richtung „untere Hälfte“. Damit übersetzt der Online-Modehändler die Ergebnisse aus dem ersten Halbjahr in eine Prognose für den restlichen Jahresverlauf, ohne die Erwartungen grundsätzlich zu drehen. Im Kern geht es nicht um einen kompletten Richtungswechsel, sondern um eine Dämpfung des Tempos – und genau dieses Tempo-Problem trifft den Markt oft schneller als jede langfristige Zielarchitektur.
Im zweiten Quartal zeigte sich das Bild zweigeteilt. Auf der Ergebnis- und Integrationsseite kletterte der Erlös dank Zuwächsen im Geschäft mit Privat- und Geschäftskunden um ein Fünftel auf 3,4 Milliarden Euro. Das Bruttowarenvolumen (GMV) stieg ebenfalls um gut ein Fünftel auf 4,9 Milliarden Euro. Beim bereinigten EBIT wuchs das Unternehmen um 10 Prozent auf 205 Millionen Euro, die operative Marge stieg dabei um 0,5 Prozentpunkte auf 6,5 Prozent. Gleichzeitig liegt die Enttäuschung nach den Angaben aus dem Marktfeedback vor allem darin, dass das Wachstum des Bruttowarenwerts unter den Konsensschätzungen blieb – und genau dort sitzt bei vielen Bewertungsmodellen die Brücke zwischen Umsatzentwicklung, Skalierungseffekten und mittelfristiger Marge.
Die Börsenreaktion fiel entsprechend klar aus: Die Aktie gab zuletzt rund 16 Prozent auf 24,33 Euro nach und stand damit am Dax-Ende. Seit Jahresbeginn verzeichnet das Papier fast vier Prozent Verlust. Ausschlaggebend war nicht, dass Zalando gar keine Fortschritte zeigt, sondern dass die „Qualität“ der Entwicklung nicht genau in die Erwartungskurve der Analysten passte. So wurde seitens des Analysehauses Jefferies betont, dass das Bruttowarenwert-Wachstum kritisch sei, während eine Einschätzung eines US-Instituts zusätzlich auf das geringere Wachstum des Bruttowarenvolumens verwies. Für die Kapitalmarktlogik bedeutet das: Wenn Synergien und Umstrukturierung zwar Fortschritte machen, aber die operativen Hebel noch nicht im gewünschten Ausmaß ziehen, sinkt kurzfristig die Risikoprämie.
Technisch betrachtet steckt hinter der Prognoseanpassung eine fein abgestimmte Mischung aus Ergebnishebeln. Für 2026 nennt Zalando für das bereinigte EBIT nun 680 bis 720 Millionen Euro statt zuvor 660 bis 740 Millionen Euro, mit dem Hinweis, man sei „noch zuversichtlicher“, die Mitte der operativen Spanne zu erreichen. Die operative Planung stützt sich dabei auf Synergieeffekte, Vorteile aus der Logistik-Umstrukturierung im zweiten Halbjahr sowie Sparmaßnahmen und weiteres Wachstum im margenstarken Partner-, Software- und Retail-Media-Geschäft. In den mittelfristigen Zielen bis 2028 bleibt Zalando vergleichsweise ambitioniert: Es wird eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate (CAGR) von 8 bis 13 Prozent für Bruttowarenvolumen und Umsatz sowie eine bereinigte EBIT-Marge von 6 bis 8 Prozent genannt. Die Messlatte bleibt damit hoch – die aktuelle Quartalsphase wirkt jedoch wie ein Testlauf, ob die Integration von About You die Skalierung wirklich so schnell beschleunigt, wie der Markt es einpreist.
Ein weiterer Teil der Story liegt in der Integration von About You, die bereits in den Kundenzahlen sichtbar ist. Zalando berichtet, dass Synergien aus der Übernahme mehr als 10 Millionen Euro zum Ergebnis beitrugen. Die Zahl aktiver Kunden und Kundinnen stieg auf einen neuen Höchstwert von 62,5 Millionen. Für 2026 zielt das Unternehmen auf ein Synergievolumen von 40 Millionen Euro, später sollen diese Synergien bis 2028 auf 100 Millionen Euro pro Jahr anwachsen. Parallel dazu wird das operative Setup neu ausgerichtet: Zu Jahresbeginn kündigte Zalando die Schließung des Logistikzentrums in Erfurt mit 2.700 Beschäftigten an, Teil einer europäischen Logistikbereinigung im Kontext der About-You-Integration. Dass dabei nicht nur betriebswirtschaftliche, sondern auch politische Reibung entsteht, zeigt der Verweis auf Kritik aus der Thüringer Landespolitik – und genau solche Reibungen können in der Übergangsphase die Kostenkurve beeinflussen.
Regulatorisch sorgte die Übernahme zusätzlich für Aufmerksamkeit. Nach Angaben der BaFin soll es im Anhang des Konzernabschlusses im Zusammenhang mit erworbenen About-You-Anteilen von einem nahestehenden Unternehmen, das durch ein Zalando-Aufsichtsratsmitglied beherrscht werde, an Angaben gefehlt haben; die BaFin habe dies im Juli gerügt. Zalando bestätigte laut der Darstellung das Fehlen, verwies jedoch darauf, dass es sich um einen rein formalen und materiell unwesentlichen Aspekt des Konzernanhangs gehandelt habe. Für Stakeholder in Unternehmen mit komplexen Beteiligungsstrukturen ist das mehr als eine Randnotiz: Solche Prüf- und Offenlegungsfragen können die Aufmerksamkeit auf Governance-Themen lenken, gerade wenn der operative Fokus ohnehin auf Integration, Prozessharmonisierung und Margenhebel liegt.
Für die nächsten Quartale ergibt sich daraus eine klare Aufgabenliste. Zalando muss zeigen, dass die Logistik-Umstrukturierung nicht nur geplant ist, sondern sich messbar in Stabilität bei Wachstum, GMV-Qualität und EBIT-Marge übersetzt. Marktseitig wird dabei häufig auf die „Mitte der operativen Spanne“ geachtet – also darauf, ob das Unternehmen den selbst gesetzten Korridor zuverlässig trifft. Gleichzeitig bleiben die Synergiepfade aus About You der zentrale Glaubwürdigkeitsanker: Wenn sie wie angekündigt in den Ergebnismix laufen, kann sich die Aktie von der aktuellen Erwartungskorrektur lösen; bleibt die Umsetzung dagegen hinter dem Konsens, bleibt der Bewertungsabschlag bestehen. Für Anleger ist damit weniger die Frage entscheidend, ob Zalando wächst, sondern wie schnell und mit welcher Profitabilität pro zusätzlicher GMV-Einheit.
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