RAMALLAH / LONDON (IT BOLTWISE) – In der Westbank behindert ein Überangebot an israelischen Schekel-Banknoten den Zahlungsverkehr und zwingt Banken, Bargeld zunehmend abzulehnen. Für Händler und Behörden wird es dadurch teurer, Lieferanten elektronisch zu bezahlen – teils bis hin zur vorübergehenden Schließung von Tankstellen. Die Ursache liegt nicht in einer allgemeinen Geldknappheit, sondern in einer politischen und operativen Kollision zwischen Bank of Israel und palästinensischer Geldaufsicht. Das Ergebnis: Cash-Überhang bindet Liquidität, reduziert Bankgewinne und erhöht das Risiko, dass wichtige Importe ins Stocken geraten.

Im Westjordanland kippt ein scheinbar paradoxes Problem in den Alltag: Nicht Bargeldmangel, sondern Bargeldüberschuss. Während in vielen Volkswirtschaften Zentralbanken dafür sorgen, dass Banknoten planmäßig in den Umlauf zurückgeführt oder gegen elektronische Guthaben getauscht werden, staut sich die Liquidität in den Geldhäusern. Das betrifft sowohl die Geschäftslogik vor Ort als auch die Versorgungsketten, denn Zahlungen für importierte Energieträger, Wasser und Lebensmittel hängen am reibungslosen Transfer von Geldern. In der Praxis führen solche Engpässe zu konkreten Entscheidungen wie der Zurückweisung von Banknoten am Schalter – statt sie als Einlagen weiterzuverarbeiten.
Technisch betrachtet ist das klassische Settlement-Problem keine Frage der rechnerischen Leistungsfähigkeit, sondern der verfügbaren „Abwicklungswege“ zwischen Bargeld und digitalen Buchungen. Zentralbanken akzeptieren normalerweise Bargeld von Geschäftsbanken und schreiben anschließend elektronische Guthaben gut, wodurch Banken wiederum Zahlungen ausführen können. Im besetzten Westjordanland existiert diese Normalroute jedoch nur eingeschränkt, weil Israel die Rücknahme physischer Schekel-Banknoten und Münzen begrenzt. Wenn Bankfilialen die Überschüsse nicht umwandeln können, fehlt ihnen die Liquidität für Überweisungen im üblichen elektronischen Zahlungsverkehr. Dadurch geraten selbst alltägliche Prozesse unter Druck: Unternehmen können ihre Lieferanten nicht wie gewohnt in Rechnungs- und Zahlungszyklen bedienen.
Der Markt- und Konfliktkontext liefert die Erklärung, warum sich die Stauwirkung gerade dort so stark zeigt. In den Jahrzehnten seit den 1990er-Jahren setzt die Westbank überwiegend auf den israelischen Schekel als Währung; der Handel und die Zahlungsabwicklung laufen stark über Vereinbarungen, bei denen Israel Rollen in Zoll- und Steuerprozessen übernimmt. Gleichzeitig strömt mehr physisches Geld hinein als hinaus kann: Arbeitgeber in Israel und in Siedlungen zahlen palästinensische Arbeitskräfte häufig in bar, und viele Konsumausgaben wie etwa Kraftstoff oder bestimmte Alltagswaren werden im Westjordanland mit Banknoten beglichen. Wenn die Rückflüsse an die Geldbasis aber gedeckelt werden, wächst der Bestand in den Tresoren – ohne dass daraus zuverlässig Kredite, Investitionen oder digitale Zahlungen entstehen.
Für die politischen Entscheidungsträger entsteht daraus eine zweite Schicht: Jede Maßnahme wirkt wie ein Hebel auf die wirtschaftliche Stabilität. Palästinensische Stellen machen geltend, dass die Obergrenze für die Rücknahme von Schekel nicht mit dem Wachstum des Bargeldflusses Schritt hält. Aus Sicht israelischer Behörden spielten zudem Sicherheits- und Geldwäschebedenken in früheren Jahren eine Rolle, als es darum ging, wie viel Bargeld zurückgenommen wird. Berichte weisen darauf hin, dass Israel seit Beginn des Kriegs in Gaza in mehreren Schritten die wirtschaftliche Lage zusätzlich belastet hat – etwa durch die Einschränkung von Arbeitsgenehmigungen und durch das Zurückhalten von Steuer- und Zollgeldern, die eigentlich für den palästinensischen öffentlichen Sektor vorgesehen sind. Diese Kombination erhöht den Bargeldanteil im System, während die Fähigkeit der Banken zur Umwandlung sinkt.
Auch auf Unternehmensebene wird der Effekt messbar. Wenn Bankbilanzen zu großen Teilen in physischen Banknoten gebunden sind, können Banken weniger Mittel elektronisch bereitstellen. Dadurch steigen nicht nur Gebühren und Transaktionskosten, Unternehmen suchen auch nach Ausweichstrategien: Manche greifen auf Kredite zurück, wechseln vorübergehend in andere Währungen oder versuchen Zahlungen anders zu strukturieren. Als Beispiel werden bargeldgetriebene Geschäfte wie Tankstellen, Convenience-Stores oder ähnliche Betriebe genannt, deren monatliche Einnahmen in Schekel in Größenordnungen anwachsen, die sie bei vollen Banken nicht mehr problemlos deponieren können. Wenn die elektronische Zahlung an Importeure und Lieferanten ausbleibt, geraten wiederum Kraftstoff-, Wasser- und Stromlieferungen unter Zeitdruck.
Ein weiterer Hebel liegt in der Profitabilität der Banken. Weil Banken Bargeldüberschüsse nicht im gleichen Ausmaß in elektronisch steuerbare Liquidität überführen können, sinkt die Fähigkeit, Kredite zu vergeben – ein zentrales Ertragsmodell vieler Geschäftsbanken. Eine Untersuchung des Internationalen Währungsfonds (IWF) aus dem Jahr 2022 schätzt, dass zu viel unverarbeitetes Bargeld die Gewinne palästinensischer Banken um etwa 20% gedrückt hat; angesichts der seither verschärften Lage gilt diese Zahl nach Einschätzung von Branchenberatern heute eher als Untergrenze. Neben dem direkten Ergebnisdruck verschärft das auch Risikomanagementfragen, denn zusätzliche Kosten für Lagerung und Versicherung von Bargeld können die Margen weiter belasten. Für betriebswirtschaftliche Entscheidungen wird damit aus einer Liquiditätsfrage eine strategische Frage nach Zahlungswegen.
Im Vergleich zu anderen Umgebungen zeigt sich zudem, wie stark institutionelle Rahmenbedingungen die „Cash-to-Digital“-Kette steuern. In Ländern, in denen Zahlungen über Kartennetze, Instant-Payments oder sogar staatliche digitale Währungsprogramme (CBDCs) ausgebaut sind, lässt sich Bargeldfluss leichter durch alternative Infrastrukturen abfedern. In der Westbank ist dagegen die operative Kette zwischen Zentralbank, Geschäftsbanken und Bargeldrücknahme eng gekoppelt an politische Vereinbarungen und Sicherheitslogiken. Zahlungsanbieter und Fintechs könnten zwar perspektivisch digitale Kanäle ergänzen, doch selbst dann bleibt die Abhängigkeit von der lokalen Bankinfrastruktur bestehen, solange große Teile der Wertschöpfung über Bargeld vereinnahmt werden. Genau deshalb wird die Diskussion auch in der breiteren Debatte um wirtschaftliche Resilienz lauter.
Für die Zukunft zeichnet sich weniger eine „Währungsfrage“ als eine Infrastruktur- und Governance-Frage ab. Wenn die Obergrenze für die Rücknahme von Schekel nicht an den tatsächlichen Bargeldstrom angepasst wird, verlagern sich Engpässe nur: Händler stauen Geld, Banken zahlen für Tresore und Versicherungen, und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass alltägliche Transaktionen verzögert oder lokal eingeschränkt werden. Kurzfristig sind kurzfristige technische Maßnahmen denkbar, etwa höhere Kontingente oder klarere, prozessuale Regeln für die Umwandlung von Bargeld in elektronische Guthaben. Langfristig wird aber entscheidend sein, wie stark alternative Zahlungswege wachsen und wie verlässlich die Abwicklung bleibt, gerade unter politischen Spannungen. Ohne eine strukturelle Lösung droht, dass sich der Cash-Überhang in immer mehr Bereiche der Versorgungskette „durchzieht“.
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