NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Alexander Zverev rettet sich bei den US Open nach fünf Sätzen in die dritte Runde und spielt dabei erneut lange unter Flutlicht. Der Hamburger braucht 4:33 Stunden und macht nach insgesamt schwankender Leistung den entscheidenden Schritt gegen Quentin Halys. In einem kuriosen Moment lässt er sich zum Satzwechsel frische Schuhe geben, weil die alten komplett durchnässt sind. Danach steigt die Entschlossenheit spürbar, und er sichert sich den Sieg, obwohl er selbst zugibt, aktuell nicht in Titelform zu sein.

Mitten in der Nightsession, als die letzten Schlagzeilen längst durch sind und die Wege in Richtung Umkleide länger wirken als zuvor, hat Alexander Zverev den nächsten Schritt in New York geschafft. Gegen Quentin Halys gewinnt der an Nummer eins gesetzte Hamburger erneut erst weit nach Mitternacht – und er tut das nicht mit der Souveränität, die man von einem Favoriten erwartet, sondern mit der Sorte von Zähigkeit, die im Grand-Slam-Turnierbetrieb oft den Unterschied zwischen „drin“ und „raus“ macht. Um 2.15 Uhr jubelt der 29-Jährige über seinen zweiten Zittersieg bei diesen US Open, nachdem er sich über die gesamte Partie immer wieder neu sortieren musste.
Die Voraussetzungen waren dabei nicht gerade freundlich. Bereits vor dem ersten Ball lagen laut Spielbericht 27 Grad und eine hohe Luftfeuchtigkeit in der Luft, und Zverev zeigte wie schon beim Auftaktsieg gegen Lorenzo Sonego zunächst keine Leistung, die das Publikum im Arthur Ashe Stadium sofort auf „zweite Hälfte des Turniers“ schalten ließ. Erst nach 4:33 Stunden dreht sich das Match dann wirklich zu seinen Gunsten: Der Spielstand wechselt mehrfach, der Sieg fällt über fünf Sätze – 6:4, 4:6, 7:6 (7:3), 6:7 (3:7), 6:3. Was statistisch nach einer Korrektur klingt, beschreibt in der Praxis vor allem eins: Der Weltranglistenerste spielt nicht durchgehend „sauber“, sondern arbeitet sich über Varianten, Tempowechsel und mentale Stabilität nach vorne.
Auffällig ist zudem, wie wenig Raum das Turnier Zverev am Anfang lässt, wenn die eigene Form nicht sofort greift. Dass ein Topfavorit in den ersten beiden Runden eines Grand Slams jeweils fünf Sätze benötigt, kommt in der 58-jährigen Geschichte des Profitennis offenbar noch nie vor. Zverev bringt es deshalb auch ohne Ausreden auf den Punkt: Er habe zwar Grund zur Freude, weil er in der dritten Runde steht, doch wenn er „so weiter spiele“, werde er das Turnier nicht gewinnen. In den Katakomben des Stadions, bevor er möglichst schnell ins Bett wollte, sprach er damit eher über Trainingsalltag und körperliche Basis als über eine plötzlich entstehende Meisterschafts-Magie.
Technisch erklärt sich das Bild aus einer Mischung heraus: gegen Halys häufen sich Fehler, Breakchancen bleiben ungenutzt, und der französische Außenseiter kann phasenweise dort punkten, wo Zverev eigentlich Druck aufbauen müsste. Besonders im dritten Satz passiert dann etwas, das das Match in eine andere Richtung lenkt. Beim Stand von 2:4 und Breakball verlangt Zverev nach frischen Schuhen, weil die alten offenbar komplett durchnässt sind. Der Schiedsrichter Robert Balmforth erlaubt den Tausch zum ungewöhnlichen Zeitpunkt – mit der Begründung, dass Zverev „nasse Fußabdrücke“ hinterlasse. Direkt danach gelingt das entscheidende Break, der Satz kippt und damit auch das Momentum, das Zverev im Rest der Partie wieder einholt.
Auch die körperliche Ebene spielt mit hinein, allerdings nicht als dramatische Verletzungsstory. Zverev hatte sich in Trainingseinheiten vor dem Spiel phasenweise Handgelenk und Oberschenkel „mit schmerzverzerrtem Gesicht“ gehalten – im Wettkampf wirkt davon zumindest äußerlich wenig. Trotzdem bleibt die Partie im Kern ein Test für Nerven und Routine: Im weiteren Verlauf lamentiert Zverev wiederholt über seinen Anhang auf der Tribüne, weil Vater und Trainer Alexander Zverev Senior in der ersten Reihe sitzen. Nach dem Schuhtausch und einem Wechsel in der Entschlossenheit sieht man schließlich häufiger das, was Favoriten auszeichnet: stärkere Returns, mehr Konsequenz in den Situationen, in denen der Gegner anfällig wirkt. Im Tie-Break zeigt Zverev seine Nervensstärke so, wie man sie aus früheren Auftritten kennt; zugleich bestätigt der vierte Satz, dass Halys nie vollständig aus dem Spiel ist.
Die Entscheidung fällt schließlich, als Halys seinen Aufschlag zum 3:2 für Zverev abgeben muss. Zverev beschwert sich dabei beim Schiedsrichter, dass sein Schlag zu langsam von der Bespannung zurückkomme – eine typische Dynamik im Tennis, in der Details am Netz oder am Spielgerät nicht nur Technik, sondern auch Zeitgefühl betreffen. Danach bleibt Zverev ruhig genug, um den Gegner nicht mehr zurück in die Partie zu lassen. Der Sieg ist damit nicht nur eine Verlängerung des Turnierplans, sondern auch eine Antwort auf den eigenen Anspruch: Er hat zum richtigen Zeitpunkt die Kontrolle über die entscheidenden Phasen zurückgeholt.
Für die nächste Runde wird es nicht einfacher, aber die Ausgangslage wirkt aus Sicht des Turnierverlaufs zumindest vorteilhaft. Dort trifft Zverev auf Alejandro Tabilo, der wiederum Yannick Hanfmann zum Auftakt in vier Sätzen bezwungen hat. Außerdem ist Zverev der letzte verbliebene von acht deutschen Tennisprofis: Jan-Lennard Struff, Tatjana Maria und Eva Lys sind ausgeschieden. Parallel dazu verschiebt sich der weitere Turnierbaum, weil in der Hälfte der Auslosung der French-Open-Sieger Felix Auger-Aliassime und Alex de Minaur bereits früh scheitern und damit potenziell hochkarätige Gegenspieler wegfallen. Und weil Jannik Sinner fehlt – der Weltranglistenerste kommt wegen einer Verletzung nicht zum Einsatz – verliert das Turnier zusätzlich einen der konstantesten Maßstäbe der Saison. Auch Novak Djokovic scheitert laut Bericht bereits vorzeitig, was den Druck auf die verbleibenden Favoriten erhöht.
Was bedeutet das alles für den Turnierbetrieb und für die Wahrnehmung von Zverevs „Titelchance“? Wenn ein Favorit in knappen Partien immer wieder in die Verlängerung muss, entsteht automatisch die Frage, ob die Formkurve nur verzögert anläuft oder ob die Gegenspieler bei Grand Slams schlicht weniger Raum lassen, als es die Setzliste verspricht. Zverev selbst spricht offen davon, derzeit nicht in Titelform zu sein – gleichzeitig liefert er aber genau das, was man in solchen Momenten braucht: Anpassung unter Druck, die Fähigkeit, Momentum zurückzuholen, und eine Reaktion auf reale Gegebenheiten wie durchweichte Schuhe oder ein sich veränderndes Rhythmusgefühl im Satzverlauf. Das passt zu einem Turnier, in dem nicht nur Talent zählt, sondern die Kombination aus körperlicher Bereitschaft, taktischem Durchhalten und dem Mut, an kritischen Stellen Entscheidungen zu treffen.
Bis zur dritten Runde bleibt deshalb weniger Zeit für Selbstberuhigung als für Umsetzung. Zverev muss die Schwankungen in der Fehlerquote reduzieren, Breakchancen konsequenter in Punkte umwandeln und seine Starts in Sätze so gestalten, dass der Gegner weniger Zeit zum Einfinden bekommt. Gleichzeitig zeigt diese Partie, dass selbst ein „nicht perfekter“ Zverev im Ernstfall den Schalter umlegen kann. Genau darauf wird es gegen Tabilo ankommen: nicht auf eine einzelne technische Stellschraube, sondern darauf, ob sich die mentalen Muster aus diesem Match – inklusive des entscheidenden Moments mit den Schuhen – in eine weniger nervenzehrende Serie übersetzen lassen.
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