NIEDERLANDE / LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitstests an 133 Smartphones zeigen ein alarmierendes Muster: Fast 70 Prozent lassen sich mit einem simplen Foto entsperren. Besonders brisant ist die Lage bei teils teuren High-End-Geräten, während nur Apple und Google durchgehend robuste Gesichtserkennung liefern. Parallel steigen laut Datenschutzdaten sowohl Kontoübernahmen als auch KI-gestütztes Phishing. Der Artikel ordnet die technischen Ursachen ein und zeigt, welche Schutzmaßnahmen Unternehmen und Nutzer jetzt priorisieren sollten.

70 Prozent der Smartphones knacken Face Unlock per Foto
70 Prozent der Smartphones knacken Face Unlock per Foto (Foto: IT BOLTWISE)
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Ein einfacher Auslöser reicht offenbar für großen Schaden: In einem Test mit 133 Mobilgeräten konnten fast 70 Prozent per Foto entsperrt werden. Das betrifft nicht nur Einsteigerklassen, sondern auch Premium-Smartphones. Insgesamt fielen 92 Modelle durch den Sicherheitscheck, die Durchfallquote lag 2023 noch bei 43 Prozent. Für IT- und Security-Verantwortliche ist das vor allem deshalb relevant, weil Face Unlock im Alltag als „Bequemlichkeits-Feature“ gilt, aber denselben Bedrohungen ausgesetzt ist wie andere Authentisierungsmethoden: Präsentationsangriffe (Spoofing) und Social-Engineering kombiniert mit unzureichend gehärteter Biometrie.

Technisch ist der Kern des Problems häufig weniger „fehlende Magie“ als eine konkrete Implementierungsfrage: Viele Systeme scannen die Gesichtsinformation ohne ausreichend robuste Liveness-Erkennung. Wenn die Hardware- und Software-Kette nicht zuverlässig unterscheidet, ob Daten von einer lebenden Person stammen, genügt im Grenzfall ein gedrucktes oder angezeigt abfotografiertes Abbild. Genau hier verläuft die Sicherheitslinie offenbar stark unterschiedlich zwischen Herstellern. Laut den Ergebnissen lieferte nur Apple durchgehend sichere Gesichtserkennung und auch Google schneidet stabil ab. Damit entsteht ein klares Muster: Es geht nicht nur um Kameraspezifikationen, sondern um das gesamte Biometrie-Processing inklusive Sensorik, Signalprüfung und Auslöselogik.

Marktseitig zeichnet sich zudem ein Wettbewerb über Qualitätsstufen ab, nicht nur über Feature-Listen. Besonders viele Versager wurden bei Motorola gezählt (19 Modelle), gefolgt von Oppo (18) und Redmi (16). Dass diese Schwächen auch bei Geräten im gehobenen Preissegment auftauchen, verschärft das Risiko, weil Angreifer gezielt dort ansetzen, wo Nutzer eher Vertrauen in integrierte Sicherheitsfunktionen legen. Vergleichbare Sicherheitsansätze sind in der Branche kein Neuland: Schon bei früheren Biometrie-Kategorien zeigte sich, dass reine Mustererkennung ohne Liveness- und Kontextprüfungen manipulierbar bleibt. Neu ist dagegen die Geschwindigkeit, mit der sich solche Schwachstellen in Angriffspraktiken verwandeln.

Die Studie passt in ein größeres Bild steigender Cyberkriminalität. Die niederländische Datenschutzbehörde berichtet für das vergangene Jahr von insgesamt 39.407 Meldungen zu Datenschutzverstößen; das entspricht einem Plus von 4, 1 Prozent. Noch deutlicher fällt der Anstieg bei Angriffen aus: plus 58 Prozent auf 2.428 Fälle. Kontoübernahmen haben sich dabei auf 1.742 Fälle verdreifacht. Für die Angreifer ist das eine Operation in zwei Stufen: erst Zugriff auf Konten via Social Engineering, dann das Umgehen der lokalen Sperrmechanismen, etwa durch unzureichend geschützte Biometrie. Genau an dieser Schnittstelle wirkt Künstliche Intelligenz als Skalierer, weil sie Phishing-Nachrichten personalisiert, grammatikalisch auffällig macht und damit die Trefferquote senkt.

Im Zusammenspiel mit KI-gestütztem Phishing sinkt die Einstiegshürde massiv. Angreifer erstellen personalisierte Nachrichten ohne typische Rechtschreibfehler; zusätzlich existieren fertige „Phishing-Kits“, die den Aufwand für Kampagnen reduzieren. Das wird durch weitere Bedrohungswege flankiert: Der RedWing-Android-Banking-Trojaner wird Berichten zufolge als Abo-Modell über Telegram angeboten. Er setzt auf gefälschte Login-Oberflächen, fängt SMS-Codes ab und kann infizierte Geräte fernsteuern. Parallel geht Google juristisch gegen eine Gruppe vor, die mit generativer KI über 9.000 Fake-Websites und rund eine Million betrügerische URLs operiert haben soll. Zusammengenommen erhöht das den Druck, Authentisierung und Zugriffskontrollen nicht isoliert zu betrachten.

Für die Praxis heißt das: Passwörter, Biometrie und App-Installationspfade müssen als zusammenhängendes Sicherheitsmodell gedacht werden. Nutzerseitig wird in dem Kontext der OWASP Mobile Application Security Verification Standard (MASVS) als Leitplanke erwähnt, etwa mit Fokus auf Backups und Verschlüsselung sowie dem konsequenten Vermeiden von App-Installationen aus Drittanbieter-Quellen. Google reagiert zusätzlich mit einer 24-stündigen Wartezeit für sideloaded Apps – ein Schritt, der Zeit für Erkennung und Reaktion schafft, bevor Schadsoftware unbemerkt in den Alltag integriert wird. Auf Unternehmensebene sollte man darüber hinaus verstärkt Passkeys und stärker phasenbasierte Authentisierung evaluieren, weil sie gegen viele klassischen Social-Engineering- und Replay-Szenarien besser abschirmen.

Regulatorisch und datenschutzpraktisch bleibt das Thema heikel, weil biometrische Daten besonders schützenswert sind und Fehlentscheidungen nicht „einfach zurückgesetzt“ werden können wie ein Passwort. Der Hinweis aus der Praxis: Die niederländische Cyber Security Council warnt zudem vor strukturellen Risiken durch die Konzentration zentraler Internet-Infrastruktur rund um Amsterdam und eine Abhängigkeit von wenigen Anbietern. Für die Politik folgt daraus ein klares Handlungsfeld, während für Hersteller die Erwartung ebenso deutlich ist: Sandra Molenaar, Direktorin der Consumentenbond, fordert Konsequenzen und stellt in den Raum, dass Hersteller entweder hochwertige Gesichtserkennung integrieren oder die Funktion ganz weglassen müssen. Für die nähere Zukunft ist daher mit höheren Anforderungen an Liveness-Checks, strengere Zertifizierung sowie mehr Druck auf passwortfreie, manipulationsresistentere Authentisierung zu rechnen.


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