SINGAPUR / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Sicherheitsanalyse der Nanyang Technological University zeigt 84 Schwachstellen in den Kernnetzen von 4G- und 5G-Architekturen. Besonders kritisch ist eine Lücke, die Session-Hijacking erleichtern kann. Die Forscher berichten, dass bereits 83 der gemeldeten Lücken bestätigt wurden und 81 davon CVE-Kennungen erhalten haben. Genannt werden dabei mehrere in der Praxis verbreitete Open-Source-Kernnetz-Implementierungen wie Open5GS, free5GC und eUPF.

Mobilfunknetze gelten im Alltag als „zuverlässige Infrastruktur“, doch die aktuellen Ergebnisse aus einem Sicherheitsresearch-Projekt adressieren genau den Bereich, der für den Netzbetrieb unsichtbar bleibt: die Kernnetze von 4G und 5G. Die Nanyang Technological University in Singapur hat dafür eine umfassende Sicherheitsanalyse veröffentlicht und darin insgesamt 84 Schwachstellen in Kernnetzfunktionen identifiziert. Je nach Ausnutzbarkeit betreffen solche Lücken nicht nur die Verfügbarkeit einzelner Dienste, sondern können auch Vertraulichkeit und Integrität mobiler Kommunikation in Mitleidenschaft ziehen.
Was die Meldung besonders belastbar macht, ist der Status der gefundenen Probleme. Laut den Angaben der Forscher wurden von den 84 gemeldeten Schwachstellen bereits 83 offiziell bestätigt. Für 81 davon wurden zudem konkrete CVE-Kennungen vergeben, sodass sich Betreiber und Hersteller systematisch mit Risiko, Patch-Status und Priorisierung auseinandersetzen können. Damit entsteht das Bild einer nicht rein theoretischen Schwachstellenlage: Die Untersuchung ordnet die Befunde als technische Defizite ein, die tief genug in die aktuelle Netzarchitektur hineinreichen, um echte Angriffsflächen zu schaffen.
Inhaltlich wird eine zentrale Designannahme als Ursache hervorgehoben: das implizite Vertrauen zwischen den verschiedenen Funktionen innerhalb des Kernnetzes. In der beschriebenen Ausgestaltung gehen viele Komponenten davon aus, dass Anfragen, die „im geschlossenen Kernnetz“ ankommen, grundsätzlich legitim sind. Genau diese Annahme reduziert die Wirksamkeit von Sicherheitsmechanismen über Funktionsgrenzen hinweg. Gelangt ein Angreifer zunächst in einen Teil der Infrastruktur, kann er das Vertrauensmodell ausnutzen, um tiefer in die Kette der Kernnetzfunktionen einzudringen und dort weitere Operationen zu beeinflussen.
Die Auswirkungen lassen sich dabei in zwei Klassen denken, die in Mobilfunkumgebungen typischerweise eng zusammenhängen: Denial-of-Service und Manipulation bestehender Sitzungen. Die Studie nennt Denial-of-Service-Angriffe (DoS) als ein zentrales Risiko. Wenn Angreifer Schwächen in der Kommunikation oder in der Behandlung von Signalisierungs- und Steuerungsdaten ausnutzen, können sie Kernnetzfunktionen gezielt stören oder überlasten. Das kann in der Praxis zu Funktionsausfällen, Störungen in der Mobilfunkbereitstellung oder zu instabilen Dienstergebnissen führen – also zu Symptomen, die Nutzer als „Netzprobleme“ wahrnehmen, während die Ursache technisch im Core steckt.
Daneben rückt eine spezifische Schwachstelle besonders stark in den Fokus: Sie soll Angriffe mittels Session-Hijacking ermöglichen. Dabei übernehmen unbefugte Dritte aktive Kommunikationssitzungen oder können sie zumindest so beeinflussen, dass laufende Verbindungen manipuliert werden. Aus Sicherheits- und Datenschutzsicht ist das brisant, weil laufende Übertragungen dadurch potenziell abgegriffen oder umgeleitet werden können. Technisch bedeutet das meist nicht „eine komplette Nutzerdaten-Panik“, sondern präzise Kontrolle über Zustände im Protokoll- und Sitzungsmanagement – also über den Teil, der bestimmt, welche Daten zu welchem Kontext gehören und wie Anforderungen verarbeitet werden.
Für die Netzwerkpraxis ist zudem entscheidend, welche konkreten Implementierungen in den Tests als anfällig bewertet wurden. Die Forscher nennen Open5GS, OpenAirInterface, free5GC sowie SD-Core und eUPF. Diese Systeme spielen eine zentrale Rolle bei der Bereitstellung und Steuerung von Mobilfunkdiensten und werden in unterschiedlichen Szenarien der Netzwerkgemeinschaft genutzt. Gerade weil solche Open-Source-Komponenten häufig als Grundlage für Prototypen, Laborumgebungen und teilweise auch Produktiv-Deployments dienen, zeigt die Meldung, wie wichtig ein durchgängiger Sicherheitsprozess entlang des gesamten Stacks ist – von der Datenebene über Steuerungsschnittstellen bis zur Authentisierung zwischen Netzwerkfunktionen.
Für Unternehmen und Betreiber ergibt sich daraus ein klarer Handlungsrahmen: Kernnetz-Sicherheit ist nicht nur ein Thema der „Big Vendor“-Welt, sondern auch eine Frage der Implementierungsdetails bei modularen Core-Stacks. Wer mobile Dienste betreibt, sollte den Patch- und Validierungsstatus zu den betroffenen CVEs aktiv nachhalten und dabei besonders die Vertrauensannahmen zwischen Kernnetzfunktionen prüfen. Gleichzeitig gehört zu einem realistischen Sicherheitsansatz, Auswirkungen über Verfügbarkeit hinaus zu betrachten: Wenn Session-Hijacking möglich wird, reichen reine Betriebsmonitorings oft nicht aus; dann muss auch das Zusammenspiel aus Protokoll-Validierung, Zugriffskontrolle und Session-Handling belastbar sein. Die Studie unterstreicht damit vor allem eine Richtung: Sicherheitsmodelle im Kernnetz brauchen eine stärkere, explizite Absicherung statt stillschweigender Annahmen über „innen vs. außen“.
Die strukturelle Debatte dahinter ist nicht neu, aber die konkrete Schwachstellenzahl macht sie diesmal greifbarer. Mobilfunkstandards entwickeln sich über Generationen hinweg, doch viele Konzepte bleiben so lange stabil, wie die Implementierungen in einer vertrauensbasierten Betriebskette funktionieren. Wenn neue Angriffsmethoden zeigen, dass diese Kette nicht robust genug ist, kippt die Bewertung von „wer ist schon drinnen?“ hin zu „wie viele Teilzugriffe genügen, um Kontrolle zu gewinnen?“. Genau hier setzt die Studie an und liefert damit auch für die nächsten Hardening- und Architekturmaßnahmen eine messbare Grundlage – nicht als abstrakte Empfehlung, sondern als Liste bestätigter Schwachstellen, die sich in konkreten Systemen adressieren lassen.
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