STOCKHOLM / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie des Karolinska Institutet stellt bisherige Ernährungsrichtlinien für die Gehirngesundheit infrage. Für Träger des Alzheimer-Risikogens APOE4 könnte der moderate Konsum von unverarbeitetem Fleisch den kognitiven Abbau verlangsamen. Diese Erkenntnisse könnten die Ernährungsberatung für fast ein Viertel der Weltbevölkerung beeinflussen.

Die jüngsten Forschungsergebnisse des Karolinska Institutet in Schweden werfen ein neues Licht auf die Rolle des Fleischkonsums bei der Prävention von Demenz, insbesondere für Menschen mit der genetischen Variante APOE4. Diese Genvariante gilt als der stärkste bekannte genetische Risikofaktor für Alzheimer. Die Studie legt nahe, dass ein moderater Konsum von unverarbeitetem Fleisch den kognitiven Abbau bei diesen Personen verlangsamen könnte.
Traditionell wurde angenommen, dass eine pflanzenbasierte Ernährung das Gehirn am besten schützt. Doch die Langzeitstudie, die über 15 Jahre hinweg die Daten von mehr als 2.100 älteren Erwachsenen analysierte, zeigt ein differenzierteres Bild. Bei APOE4-Trägern, die wenig Fleisch konsumierten, schritt der kognitive Abbau doppelt so schnell voran wie bei jenen, die regelmäßig Fleisch aßen. Interessanterweise glich sich das Demenzrisiko dieser Fleischesser dem von Personen ohne das Risikogen an.
Die Qualität des Fleisches spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die positiven Effekte wurden nur bei unverarbeitetem Fleisch wie frischem Rind, Schwein oder Geflügel beobachtet. Verarbeitete Fleischprodukte wie Wurst oder Salami hingegen stehen weiterhin im Verdacht, das Demenzrisiko zu erhöhen. Eine Studie der Harvard University aus dem Jahr 2025 bestätigt, dass bereits zwei Portionen verarbeitetes rotes Fleisch pro Woche das Demenzrisiko um 14 Prozent steigern können.
Die Forscher vermuten, dass die evolutionäre Entwicklung der APOE4-Variante eine Rolle spielt. Diese Genvariante ist die älteste Form des Gens und entstand in einer Zeit, als unsere Vorfahren als Jäger und Sammler lebten. Der Stoffwechsel von APOE4-Trägern könnte daher bis heute von Nährstoffen aus Fleisch profitieren. Bestimmte Fettsäuren und Proteine in tierischen Produkten könnten entscheidend für die neuronale Integrität dieser Personengruppe sein.
Die Ergebnisse der Studie könnten weitreichende Auswirkungen auf die Ernährungsberatung haben. Fast ein Viertel der Weltbevölkerung könnte von diesen neuen Erkenntnissen betroffen sein. In Schweden sind etwa 30 Prozent der Menschen APOE4-Träger. Experten sehen in den Ergebnissen einen Meilenstein auf dem Weg zur individualisierten Ernährungsmedizin. Statt allgemeiner Richtlinien könnten künftig genetisch angepasste Empfehlungen stehen.
Dennoch ist Vorsicht geboten. Die Studie basiert auf Beobachtungsdaten und Selbstauskünften, was keine endgültigen Kausalbeweise liefert. Bevor APOE4-Träger ihre Ernährungsgewohnheiten radikal ändern, sollten weitere klinische Studien die Effekte bestätigen. Besonders bei Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden gilt rotes Fleisch weiterhin als Risikofaktor.
Die Forschung zur Demenzprävention erhält durch diese Studie neue Impulse. Sie zeigt, dass ein gesunder Lebensstil bei jedem Menschen anders wirken kann. Die Zukunft der Ernährungsberatung könnte in der Personalisierung liegen, wobei die genetische Ausstattung eine entscheidende Rolle spielt. Ob die „Steinzeit-Genetik“ tatsächlich der Schlüssel gegen den kognitiven Verfall ist, müssen die kommenden Jahre zeigen.
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