BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine DIW-Studie zeigt: Der Anteil forschungsintensiver Güter an den deutschen Exporten sinkt seit 2015, während China seinen Weltmarktanteil deutlich ausbaut. Eine begleitende Ifo-Umfrage bestätigt den Trend über die Wahrnehmung der Industrie: Viele Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit auf Nicht-EU-Märkten am Abnehmen. Experten betonen zugleich, dass Innovation weiterhin Wertschöpfung erzeugen kann – allerdings braucht es verlässliche Rahmenbedingungen und weniger regulatorische Bremsen. Für die deutsche Technologie- und Produktionslandschaft bedeutet das: Reformdruck steigt, bevor verlorenes Tempo dauerhaft einrastet.

Deutschland verliert nach mehreren Jahren der Stagnation spürbar Marktpräsenz in forschungsintensiven Bereichen. Eine Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass der Anteil forschungsintensiver Güter an den weltweiten Exporten Deutschlands seit 2015 stetig fällt. Im Jahr 2024 liegt Deutschland zwar mit rund zehn Prozent noch immer auf dem dritten Platz, allerdings ist der Welthandelsanteil in der Betrachtung um etwa 15 Prozent gesunken. Die Aussage ist mehr als eine Statistik: Sie beschreibt den schleichenden Verlust einer industriellen Kernkompetenz, die bislang Produkt- und Prozessinnovation in vielen Branchen trug.
Was diese Entwicklung für die Technik- und Produktionsstrategie bedeutet, wird besonders deutlich, wenn man die Produktivitäts- und Spezialisierungsdaten zusammenliest. Die Studie stellt zwar fest, dass die Arbeitsproduktivität seit 2015 um etwa acht Prozent gestiegen ist, doch einzelne Wettbewerber legen teils deutlich stärker zu. Vor allem kleinere Volkswirtschaften wie die Schweiz und die Niederlande, aber auch Länder außerhalb des klassischen Vergleichsrahmens wie Japan, erhöhen ihren Vorsprung. In der Spitzentechnologie, zu der etwa Pharma, Elektronik und Optik zählen, zeigt sich zudem ein differenziertes Bild: Deutschland schafft dort zwar einen Produktivitätszuwachs, doch andere schneiden in Relation besser ab und gewinnen damit Geschwindigkeit im globalen Innovationswettbewerb.
Der Marktmechanismus dahinter ist aus Unternehmens- und Investitionssicht relativ konsistent: Wer Marktanteile im Bereich hochspezialisierter Produkte halten will, muss über Jahre hinweg schnell zwischen Forschungsarbeit, Skalierung und Serienfähigkeit umschalten können. Genau hier geraten deutsche Industrien unter Druck, wie es auch die Ifo-Umfrage nahelegt. Demnach sieht etwa jeder vierte Industriebetrieb seine Wettbewerbsfähigkeit auf Märkten außerhalb der Europäischen Union schwinden; innerhalb Europas liegt der Anteil mit 15,5 Prozent etwas niedriger. Umfragechef Klaus Wohlrabe ordnet das als fortdauernden Trend ein: Von einer Trendwende sei bislang nichts zu erkennen.
Auch die Ursachen liegen nicht nur in einem einzelnen Ereignis. Das DIW macht zwar den Aufstieg Chinas mitverantwortlich, betont jedoch zugleich, dass der Rückgang nicht ausschließlich daraus erklärt werden kann. China steigert seinen Anteil am Weltmarkt seit 2015 um gut ein Fünftel auf 22 Prozent und übt damit in vielen technologieintensiven Lieferketten erheblichen Wettbewerb aus. Gleichzeitig zeigen aber auch andere Akteure, etwa Dänemark, die Niederlande oder die Schweiz, Zuwächse im zweistelligen Prozentbereich. Hinzu kommt der Befund, dass die Dynamik zwischen Ländern teils stark auseinandergeht, weil Erfolge gelegentlich durch einzelne Unternehmen oder Branchen getrieben werden.
Für die Einordnung lohnt ein Blick auf das historische Muster des Wettbewerbs in forschungsintensiven Industrien. Deutschland hatte in der Vergangenheit oft von langfristigen Technologiepfaden profitiert, in denen Forschung, Maschinenbau-Wissen und hochwertige Systemintegration zusammenliefen. In den letzten Jahren haben sich diese Pfade jedoch in der globalen Konkurrenz verschoben: International werden FuE-Investitionen stärker in skalierbare Plattformen, schnellere Produktzyklen und datengetriebene Fertigungsprozesse übersetzt. Technisch zeigt sich das oft als Vorteil in der Umsetzung: Nicht nur die Tiefe der Forschung zählt, sondern auch die Fähigkeit, Ergebnisse in robuste Produktions- und Software-gestützte Betriebsmodelle zu überführen, inklusive Qualitätsdaten und Engineering-Automatisierung.
Genau an dieser Schnittstelle setzt die politische und regulatorische Diskussion an. Das DIW nennt als Ansatzpunkte drei Hebel: eine geringere Regulierungsdichte, eine bessere öffentliche Verwaltung sowie ein weniger fragmentierter Binnenmarkt in Europa. Ohne diese Anpassungen lasse sich die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie langfristig nicht sichern, so die Schlussfolgerung aus der Forschungsgruppe von Alexander Schiersch. Der Gedanke dahinter ist nicht abstrakt: Längere Genehmigungs- und Abstimmungszeiten verteuern Pilotierungen, verzögern Scale-ups und verschlechtern die Planbarkeit für Investitionen in Produktentwicklung, Standards und Produktionsanlagen. Für Unternehmen mit hohen Fixkosten kann das den Unterschied zwischen Marktführung und nachrangiger Rolle ausmachen.
Auch Experten interpretieren die Situation als Reformauftrag, weniger als Schicksal. Wohlrabe formuliert den Kern der Ifo-Perspektive deutlich: Deutschland drohe im internationalen Wettbewerb weiter zurückzufallen; um gegenzusteuern, seien Reformen unabdingbar. Gleichzeitig zeigen die Erfolgsbeispiele, dass Wachstum durch Innovation weiterhin möglich ist. Wie Co-Autor Christian Danne hervorhebt, können Innovation und die Entwicklung sehr spezialisierter, schwer ersetzbarer Produkte den Welthandelsanteil steigern – selbst dann, wenn die Bedeutung Chinas wächst. Für die Praxis heißt das: Differenzierung gelingt, aber sie braucht ein Umfeld, das technische Experimente schneller in marktreife Ergebnisse übersetzt.
Der Blick nach vorn dürfte daher weniger auf einzelne Branchenmärkte gerichtet sein, sondern auf das Zusammenspiel aus Technologiepfaden, Regulierung und Skalierungsfähigkeit. Für die nächsten Jahre ist plausibel, dass Unternehmen noch stärker in KI-gestützte Entwicklungszyklen, digitale Qualitätsregelkreise und engineeringnahe Datenmodelle investieren müssen, um Produktivität und Durchsatz zu stabilisieren. Gleichzeitig werden sie ihre internationalen Portfolios konsequenter steuern müssen, weil die Wettbewerbswahrnehmung auf Nicht-EU-Märkten bereits messbar schlechter ausfällt. Wenn Deutschland die genannten institutionellen Bremsen reduziert und den Binnenmarkt spürbar vereinfacht, steigt die Chance, verlorenes Tempo zurückzugewinnen; bleibt das aus, verfestigt sich der Trend und macht Innovation zwar möglich, aber teurer und langsamer.
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