IRLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Metaanalyse deutet darauf hin, dass mehr als die Hälfte der Erwachsenen mit ADHS, die in klinischer Behandlung sind, zusätzlich die Kriterien mindestens einer Persönlichkeitsstörung erfüllt. Entscheidend sind dabei nicht nur die Patientengruppen, sondern auch die Messmethoden: Fragebögen und strukturierte Interviews liefern teils stark unterschiedliche Raten. Für die Praxis folgt daraus ein klarer Appell, ADHS nicht isoliert zu behandeln, sondern komorbide Muster systematisch mitzuerfassen. Besonders relevant sind offenbar vermeidende, passiv-aggressive und Borderline-nahe Ausprägungen.

Erwachsene mit ADHS: Studie findet in Kliniken häufige komorbide Persönlichkeitsstörungen
Erwachsene mit ADHS: Studie findet in Kliniken häufige komorbide Persönlichkeitsstörungen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer mit ADHS im Erwachsenenalter arbeitet, trifft häufig auf mehr als nur Aufmerksamkeits- und Impulskontrollprobleme. Eine aktuelle Metaanalyse zu komorbiden Persönlichkeitsstörungen (PD) beschreibt, dass in klinischen Settings bei betroffenen Erwachsenen sehr hohe Überlappungsraten auftreten. Die Studie, veröffentlicht in Psychiatry Research, kommt auf einen geschätzten Wert von 57 % für mindestens eine PD bei Erwachsenen mit ADHS, die klinische Hilfe suchen. Damit verschiebt sich der Fokus von der Einzeldiagnose hin zu einem differenzierten Bild psychischer Belastungen, das Diagnostik, Therapieplanung und Verlaufserwartungen direkt beeinflusst.

ADHS beginnt typischerweise im Kindesalter und begleitet viele Betroffene über die Lebensspanne hinweg. Während körperliche Hyperaktivität im Erwachsenenalter oft abnimmt, bleiben Inattention sowie Schwierigkeiten im Bereich Emotionsregulation und Selbststeuerung häufig bestehen. In der klinischen Praxis zeigt sich dann ein weiteres Muster: Neben affektiven Problemen treten zunehmend auch belastende, tief verankerte Denk-, Fühl- und Verhaltensstile auf. Genau hier setzen Persönlichkeitsstörungen an. Sie gelten als früh entstehende, relativ starre Muster, die sich von kulturellen Erwartungen deutlich unterscheiden und im Alltag zu erheblichen Beeinträchtigungen führen. Dass sich beide Störungsbilder überschneiden, wurde zwar wiederholt vermutet, aber die Zahlen variierten bisher stark.

Ein wesentlicher Treiber dieser Schwankungen liegt in der Methodik. Frühere Arbeiten nutzten häufig dimensionale Modelle, die Persönlichkeitsmerkmale über Skalen abbilden. Solche Ansätze sind hilfreich, um Spektren menschlichen Verhaltens zu verstehen, liefern aber nicht automatisch die Schwelle für eine formale Diagnose. Klinische Leitlinien, darunter die Kategorienlogik des DSM, arbeiten jedoch mit Cut-offs: Entweder ein Patient erfüllt die Kriterien, oder nicht. Die neue Metaanalyse legt daher besonderes Gewicht auf kategorisch diagnostizierte PD. In den Worten von Dimitrios Adamis, assoziiert mit mehreren irischen Universitäten und einer psychiatrischen Versorgungseinrichtung, zeigt sich der Bedarf, neuroentwicklungsbedingte Defizite und Persönlichkeitsprobleme konsistenter zu quantifizieren, statt nur über breit gefasste Trait-Differenzen zu sprechen.

Für die Analyse kombinierten die Forschenden Daten aus elf Studien mit insgesamt 2.120 Teilnehmenden (855 Frauen, 1.265 Männer). Sie durchsuchten sieben große wissenschaftliche Datenbanken und ließen die Titel und Abstracts unabhängig screenen. Aus methodischer Sicht ist das relevant, weil so stärker klinisch rekrutierte Gruppen und weniger „ungeprüfte“ Registerdaten in die Auswertung gelangen sollten. Die Studien unterscheiden sich zudem deutlich nach Setting: Ein Teil stammte aus spezialisierten ambulanten ADHS-/Psychiatrieangeboten, andere aus allgemeinen psychiatrischen Diensten, eine Studie umfasste auch Inhaftierte, und es fanden sich Untersuchungen an Studierenden. Diese Heterogenität ist nicht nur organisatorisch, sondern wirkt direkt auf die diagnostizierten Raten.

Technisch betrachtet ist die Datengrundlage heterogen, weil die Primärstudien verschiedene Erhebungsinstrumente einsetzen. Einige Arbeiten nutzten Selbstbeurteilungsfragebögen wie das Millon Clinical Multiaxial Inventory, bei dem Patientinnen und Patienten das eigene Erleben und Verhalten bewerten. Andere setzten auf strukturierte klinische Interviews wie das Structured Clinical Interview for DSM Disorders, bei dem geschulte Fachkräfte standardisierte Fragen stellen. Wiederum andere verwendeten weniger strukturierte ärztliche Evaluierungen. Die Metaanalyse zeigt dabei nicht nur hohe Gesamtwerte, sondern auch, dass die Wahl des Tools die Ergebnisse stark verschiebt: In der Studie führen Selbstberichte typischerweise zu höheren Raten als Interview-basierte Diagnostik. Das ist ein zentraler Wettbewerbs-/Vergleichspunkt, weil „Diagnostik-Werkzeuge“ in der Versorgungspraxis faktisch konkurrierende Messsysteme sind.

Als häufigste Muster werden in der Auswertung passiv-aggressive (25,3 %), vermeidende (23,1 %) und Borderline-nahe (21,9 %) Ausprägungen genannt. Darüber hinaus liegen weitere PDs bei einem relevanten Anteil im zweistelligen bzw. mittleren Bereich, etwa antisoziale (rund 18 %), abhängigkeitsbezogene (15 %) sowie erhöhte Werte für narzisstische, depressive und zwanghafte Persönlichkeitsstile. Bei den „exzentrisch“ wirkenden bzw. misstrauens- und sozialangstspezifischen Clustern finden sich außerdem paranoid (nahezu 12 %), schizotyp (etwa 8 %) und schizoid (rund 6 %). Doch gerade der Blick auf die Effektgrößen macht die Brisanz deutlich: Die Arbeit ordnet dies als klinisch bedeutsame Erhöhung gegenüber der Allgemeinbevölkerung ein – teils im Bereich eines fünf- bis zehnfachen Musters. Diese Diskrepanz legt nahe, dass ADHS-Kliniksettings nicht als „normale“ Populationen fehlinterpretiert werden dürfen, sondern als hochselektierte Umfelder mit besonderer Symptombelastung.

Gleichzeitig mahnen die Forschenden zur Einordnung: Hohe Komorbiditätsquoten bedeuten nicht automatisch, dass jede Person mehrere klar getrennte Persönlichkeitsstörungen im engeren Sinne „anhäuft“. Stattdessen können Persönlichkeitszüge als sekundäre, anpassungsbezogene Reaktionen auf jahrelanges ADHS-bedingtes Scheitern, Ablehnungssensitivität und dauerhaften Stress auftreten. Auch das bestätigt die Markt- und Versorgungsperspektive: Wenn Diagnostik primär in spezialisierten Ambulanzen stattfindet, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass komplexere Profile erkannt werden. Ebenso zeigen die Ergebnisse, dass Gefängnis- oder Universitätssettings zu anderen Raten führen – ein Hinweis darauf, dass die „Grenzen“ zwischen Kern-ADHS-Symptomatik (Impulsivität, affektive Dysregulation) und PD-kategorialer Pathologie teils unscharf sind. Für Kliniken heißt das: Eine robuste Erstbewertung sollte zwingend PD-Fragen integrieren, aber zugleich die Diagnosequalität und das gewählte Instrument transparent machen.

Für die nächsten Schritte nennt Adamis als Priorität vor allem longitudinale Studien: also Untersuchungen, die Kinder und Jugendliche über die Zeit hinweg bis ins Erwachsenenalter begleiten. Ziel ist es, die Entwicklungslogik besser zu entwirren – etwa ob ADHS-Symptome direkt in PD-Strukturen „hineinwirken“ oder ob beide Verläufe durch gemeinsame genetische oder neurobiologische Risiken parallel entstehen. Ebenso wichtig ist die Frage nach der Therapieantwort: Wenn eine komorbide Persönlichkeitsstörung vorliegt, könnte dies die Wirkung oder Verträglichkeit typischer ADHS-Stimulanzien verändern. Für die Praxis folgt daraus ein klarer Ausblick auf integrierte Behandlungspläne: ADHS-spezifische Interventionen sollten mit psychotherapeutischen und ggf. stabilisierenden Ansätzen kombiniert werden, die Persönlichkeitsdynamiken gezielt adressieren. So entsteht schrittweise ein Versorgungspfad, der nicht nur Symptome abarbeitet, sondern die gesamte psychische Anpassung berücksichtigt.


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