BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Bei der Nationalen Präventionskonferenz rückt die DGUV die psychische Gesundheit in der Arbeitswelt in den Mittelpunkt. Besonders alarmierend: Rund 42 Prozent der Erwerbsminderungsrenten gehen laut den vorliegenden Zahlen auf psychische Störungen zurück. Gleichzeitig verschiebt sich Prävention durch Digitalisierung von der reinen Nachsorge hin zu digitalen Risikoanalysen und präventiver Begleitung. Der Beitrag verknüpft die neue Agenda mit Sicherheits-, Daten- und Haftungsthemen, die Unternehmen jetzt konkret umsetzen müssen.

DGUV-Strategien: 42 % der Erwerbsminderungen durch psychische Störungen
DGUV-Strategien: 42 % der Erwerbsminderungen durch psychische Störungen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Nationale Präventionskonferenz (NPK) hat in Berlin erneut deutlich gemacht, dass psychische Belastungen inzwischen zu den zentralen Treibern von Ausfallzeiten und dauerhaften Einschränkungen gehören. Wenn psychische Erkrankungen im Jahr 2024 für 16,7 Prozent aller Arbeitsunfähigkeits-Tage verantwortlich waren und rund 42 Prozent der Erwerbsminderungsrenten auf psychische Störungen zurückgehen, wird klar: Prävention ist nicht länger nur eine „Human-Resources“-Aufgabe, sondern ein arbeitsrechtlich und versicherungstechnisch hochrelevantes Thema. Die DGUV übernimmt in diesem Jahr den Vorsitz und setzt damit einen Schwerpunkt, der Arbeitgeber, Betriebsräte und Versicherer gleichermaßen betrifft.

Technisch betrachtet verschiebt sich der Fokus von allgemeinen Kampagnen hin zu datenbasierten Risikoanalysen, die sich in betriebliche Prozesse einweben lassen. Genau dort liegt auch die Chance der Digitalisierung: Digitale Erhebungen können Belastungsbilder kontinuierlicher erfassen, Muster schneller erkennen und Maßnahmen priorisieren. Gleichzeitig warnen Stimmen aus der Praxis vor Technostress, also Belastungen durch ständige Erreichbarkeit, Ticket-Overload, unklare Verantwortlichkeiten oder friktionierende Tool-Landschaften. Für Unternehmen bedeutet das: Eine Gefährdungsbeurteilung muss psychische Faktoren ganz konkret abbilden – einschließlich der digitalen Arbeitsgestaltung – und dabei nachweisbar an den gesetzlichen Rahmen anknüpfen.

Im Kern steht dabei die rechtliche Logik aus dem Arbeitsschutzgesetz: Unternehmen müssen Gefährdungen im Betrieb systematisch beurteilen und geeignete Schutzmaßnahmen ableiten. In der Debatte der NPK fällt auf, dass viele Praxishürden weniger in der „Idee“ liegen als in der Dokumentationsqualität und in der Konsistenz zwischen Erhebung, Bewertung und Umsetzung. Arbeitgeber geraten besonders dann unter Druck, wenn sie Maßnahmen zwar ankündigen, aber weder nachvollziehbar begründen noch die Wirksamkeit prüfen. In der Diskussion wurde zudem betont, dass die Präventionsarbeit stärker an den Lebenswelten der Beschäftigten ausgerichtet werden muss – von Führungskultur über Gewaltprävention und Mobbing bis hin zu Suchtprävention. Der Vergleich mit dem Sicherheitsbereich zeigt: Nur Daten, die Entscheidungen tragen, reduzieren Haftungsrisiken zuverlässig.

Auf dem Markt bewegen sich parallel die Versicherer und bauen neue Produkte rund um betriebliche Krankenversicherung (bKV) und Präventionspfade aus. Ein Beispiel ist das Produkt „PRAEVIA“, das die Nürnberger Versicherung gemeinsam mit dem Partner XUND anbietet. Das Konzept setzt auf einen durchgängigen Präventionspfad: Digitale Risikoanalysen sollen Ausfallzeiten reduzieren und die Nutzung von Vorsorgeangeboten erhöhen, wobei präventive Begleitung statt reiner Kostenerstattung im Mittelpunkt steht. Andere Anbieter in der bKV- und Präventionslandschaft verfolgen ähnliche Zielbilder, unterscheiden sich aber häufig in der Datentiefe, in der Integration in HR-/Arbeitsschutzprozesse und in den Service-Leveln für Maßnahmesteuerung. Für Entscheider zählt daher weniger der Produktname als die Frage, wie gut sich Risikoanalysen mit konkreten GBU-Artefakten und Betriebsabläufen verknüpfen lassen.

Historisch betrachtet war psychische Gesundheit im Arbeitsschutz lange Zeit stärker von Einzelinitiativen geprägt: Schulungen, Betriebsvereinbarungen oder anlassbezogene Workshops. Erst mit der Professionalisierung von Gefährdungsbeurteilungen und der stärkeren Orientierung an Evidenz und Dokumentation wurde daraus ein strukturiertes Steuerungsinstrument. Heute wird der Anspruch noch breiter: Datenbasierte Analysen sollen das subjektive Risikogefühl ergänzen, das nach Experteneinschätzung oft täuscht. Gleichzeitig zeigen andere Unfall- und Sicherheitsdaten, dass es nicht nur „weniger Unfälle“ gibt, sondern Verschiebungen nach Schadensarten: Während die Zahl der Arbeitsunfälle insgesamt sinken kann, nehmen Unfälle durch Gewalt zu. Daraus folgt eine zweifache Lehre für Unternehmen: Prävention muss dynamisch bleiben, und sie muss Risiken nach Art und Ursache differenziert bearbeiten.

Ein weiterer Punkt der NPK macht deutlich, dass Prävention in den nächsten Jahren zunehmend in Richtung Klimarisiken, Infrastruktur und Facility-Realität rückt. Hitzeschutz wird vielerorts zur Pflichtaufgabe: Ein Kabinettsbeschluss in Rheinland-Pfalz thematisierte konkrete Maßnahmen, und Gesundheitsminister Clemens Hoch stellte den Schutz vor Extremhitze als zentrale Aufgabe der Kommunen heraus. Facility-Management-Experten fordern, Hitzeschutz fest in die Bewirtschaftung von Arbeitsstätten, Schulen und Pflegeheimen zu integrieren. Dazu zählen Nachtlüftung, Begrünung und Temperaturmonitoring – also technisch operationalisierbare Maßnahmen statt pauschaler „Empfehlungen“. Die Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) warnt zudem vor unzureichender Vorbereitung auf Szenarien mit bis zu 40 Grad.

Auch die gesellschaftliche Debatte um Prävention wird zunehmend politökonomisch geführt: Die Deutsche Akademie für Präventivmedizin fordert in einem Positionspapier einen Zigarettenpreis von mindestens 20 Euro pro Schachtel und ein vollständiges Werbeverbot für Tabak- und E-Zigaretten. Der Kern der Argumentation lautet, dass ein Großteil der Gesundheitsausgaben in die Behandlung chronischer Erkrankungen fließt und das System damit eher Therapie belohnt als Vermeidung. Für Unternehmen ist das relevant, weil Prävention langfristig auch Kostenstrukturen beeinflusst, etwa über Beschäftigtengesundheit, Fluktuation und Ausfallrisiken. Gleichzeitig müssen Arbeitgeber beachten, dass präventive Programme rechtssicher umgesetzt werden: Datenschutz und Mitbestimmung, insbesondere bei digitalen Erhebungen, sind nicht „nice to have“, sondern Voraussetzung dafür, dass Maßnahmen organisatorisch und juristisch tragfähig sind.

Für die nächsten Quartale ergibt sich daraus ein klares Umsetzungsbild: Unternehmen sollten ihre Gefährdungsbeurteilungen für psychische Belastungen technisch so aufsetzen, dass sie überprüfbar sind und nicht nur als Formular existieren. Digitale Risikoanalysen können hier helfen, solange sie datenschutzkonform implementiert werden und die Ergebnisse in konkrete Maßnahmen, Verantwortlichkeiten und Wirksamkeitsprüfungen übersetzt werden. Im Wettbewerb der Präventionsangebote werden diejenigen Anbieter und Plattformen punkten, die sich nahtlos in GBU-Prozesse integrieren lassen und damit die rechtliche Anschlussfähigkeit verbessern. Wer zusätzlich Hitzeschutz und Sicherheitsrisiken wie Gewaltprävention in seine Planungen einbindet, reduziert das Risiko „isolierter“ Programme und schafft eine belastbare, ganzheitliche Präventionsstrategie.


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