SAN FRANCISCO BAY AREA / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Mann aus Martinez berichtet von mehreren betrügerischen Euro-Geschenkkäufen auf seinem Claude-Konto, nachdem er offenbar ein schädliches „Skill“-Add-on installiert hatte. Anthropic stellt klar, dass nicht die Claude-App selbst die Ursache gewesen sei, sondern eine Kompromittierung des Endgeräts. Während die Bank den Fall erst nach verfügbaren Daten prüfte, erhielt der Nutzer nach Einschaltung der Öffentlichkeit eine Rückerstattung und wieder Zugriff. Der Vorfall zeigt, wie eng KI-Produktivität, Browser-/Wallet-Rechte und Zahlungsabsicherung zusammenhängen.

Sicherheitsvorfall bei Claude: Betrügerische Euro-Geschenkkäufe nach Skill-Umweg
Sicherheitsvorfall bei Claude: Betrügerische Euro-Geschenkkäufe nach Skill-Umweg (Foto: IT BOLTWISE)
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Ein Sicherheitsvorfall in der US-Bay-Area macht deutlich, wie schnell KI-Zugriff auf sensible Zahlungsfunktionen zum Risiko werden kann. Der in Martinez, Kalifornien ansässige Jason Weitzman schildert, dass seine Anthropic-Mitgliedschaft zunächst normal lief und er mit Claude Software für sein Unternehmen entwickelte. Erst E-Mails seiner Hausbank Chase lösten den Alarm aus: Mehrere Gift-Purchases seien in Euro erfolgt, obwohl Weitzman dafür keine Freigabe erteilt habe. Laut seiner Schilderung kamen zwei Transaktionen bereits durch und summierten sich auf rund 315 US-Dollar, weitere Abbuchungen folgten in den nächsten zwei Tagen.

Technisch betrachtet dreht sich die Aussage um die installierte Erweiterungsebene. Weitzman, der früher als Information-Security-Direktor tätig war, begann nach eigener Aussage damit, die bei der Claude-Einrichtung heruntergeladenen und installierten Anwendungen auf seinem Rechner zu prüfen. Er fand ein „problematisches Add-on“, das in diesem Kontext als „Skill“ fungierte—vergleichbar mit einem Plugin, das Claude um zusätzliche Aktionen erweitert. Dieses Skill habe Claude daraufhin angewiesen, unterschiedliche Gift-Account-Typen anhand der auf dem System gespeicherten Daten anzusteuern. Damit nutzte die Instanz laut seinem Bericht die digitale Wallet-Funktion des lokalen Geräts, um die Käufe auszuführen—nicht etwa eine direkte Schwachstelle in der eigentlichen Claude-App.

Anthropic positioniert den Vorfall dementsprechend: Das Unternehmen habe unautorisierte Charges identifiziert, die „vom kompromittierten Gerät des Nutzers“ auszugehen scheinen, nicht von der Claude-App selbst. Wichtig ist dabei die Abgrenzung, weil sie Konsequenzen für die Sicherheitsarchitektur hat: Wenn der Angreifer über Endgerätefunktionen wie Wallet-Rechte, gespeicherte Credentials oder Browser-/Client-Integrationen arbeitet, verschiebt sich die Verteidigung von Modell-Policies hin zu Endpoint-Härtung und isolierten Ausführungsumgebungen. In der Praxis ist das ein häufiger Trade-off im KI-Alltag: Je mehr agentische Skills Aktionen ausführen dürfen, desto stärker müssen Genehmigungs- und Zugriffskontrollen auf Systemebene greifen.

Auch der Kommunikations- und Prozessaspekt zeigt eine typische Reibung zwischen Nutzer, KI-Plattform und Bank. Weitzman berichtet, dass er mehrfach Kunden-Support kontaktierte, jedoch nach einem Bann zunächst keinen Zugang erhielt. Als er eine Berufung einlegte, sei diese ebenfalls gescheitert. Erst als ein lokales Mediensegment („7 On Your Side“) involviert wurde, habe sich der Fall beschleunigt: Der Nutzer bekam eine Rückerstattung und den Zugang zu Claude wieder. Im Parallelfall verwies Chase laut Bericht auf die Lösung über den „merchant“, wies aber darauf hin, dass das Team den Anspruch vollständig überprüft habe. Zentral ist dabei die Forderung nach Evidenz: Chase habe Dokumentation verlangt, die Weitzman nicht nachreichte.

Die Bank beruft sich zudem auf die Provenienz: Während der Prüfung sei festgestellt worden, dass die Transaktionen von der „bekannten IP“ des Kunden ausgingen. Weitzman widerspricht: IP-Adressen könnten bei Account-Takeovers durchaus genutzt werden, ohne dass der Nutzer den Vorgang wirklich autorisiert habe—zumal moderne Übernahmen oft versuchen, Netzwerk- und Session-Signale nach außen zu reproduzieren. Experten in der Sicherheitsbranche betonen in solchen Fällen regelmäßig zwei Punkte: Erstens reichen IP-Indikatoren allein nicht für eine belastbare Authentizitätsprüfung aus, und zweitens braucht es für Zahlungsstreitigkeiten meist mehrere Belege (Geräteauslastung, Session-Historie, Malware-Indikatoren). Weitzman fasst die Lage zugespitzt zusammen: „Sie haben ein großartiges Tool gebaut. Die Infrastruktur rund um dieses Tool ist nicht so großartig.“

Der Markt kontextualisiert das als Teil einer größeren Debatte um KI-Agenten, Erweiterungen und Sicherheitsgates. Wettbewerber wie OpenAI oder Plattformen rund um Google Gemini verfolgen ebenfalls den Ansatz, Modelle mit Werkzeugen zu verbinden—mit dem Ziel, dass KI nicht nur antwortet, sondern Aktionen ausführt. Genau dort beginnt jedoch das Risiko: Fähigkeiten wie „automatische“ oder halbautomatische Ausführung (etwa über Integrationen mit Zahlungs- und Workflow-Diensten) müssen mit strikten Richtlinien, einer nachvollziehbaren Freigabe-Chain und einer robusten Sandbox-Benutzerführung kombiniert werden. Historisch kennt die Branche bereits Sicherheitswellen rund um gefährliche Plugins, OAuth-Rechte und Prompt-Injection—nur werden diese Mechanismen heute in agentischen Setups viel stärker operationalisiert.

Regulatorisch und datenschutztechnisch ist der Fall ein Lehrstück. Die Bank fordert vom Kunden oft Belege für Hacking oder Malware; gleichzeitig ist die KI-Plattform im Spannungsfeld zwischen Nutzer-Schutz und Ermittlungsfähigkeit. Wenn Zahlungen über eine lokale Wallet oder Browserkomponenten ausgelöst werden, entstehen zusätzlich Fragen nach dem Umfang, in dem Systeme wie Logfiles, Geräte-Forensik und Zahlungsmetadaten verarbeitet werden. In der EU würden Unternehmen typischerweise auf Grundsätze wie Zweckbindung und Datensparsamkeit achten, während sie gleichzeitig Sicherheitsvorfälle gemäß internen Prozessen und ggf. Meldepflichten klassifizieren. Der Hinweis von Anthropic auf zusätzliche Schritte zum Schutz von Zahlungsinformationen auf Claude-Konten passt in dieses Muster.

Für die Zukunft zeichnet sich ein klarer Handlungsdruck ab—und zwar unabhängig davon, ob man den Vorfall als „Skill-Problem“ oder „Endpoint-Komponente“ einordnet. Anthropic berichtet, man arbeite an mehreren Schutzschichten, darunter stärkere Erkennung schädlicher Requests und Echtzeit-Sicherheitsmaßnahmen. Zudem heißt es, die leistungsfähigsten Modelle würden automatisch Anfragen im Zusammenhang mit Ransomware-Entwicklung, Massendiebstahl und anderen bösartigen Cyber-Aktionen erkennen und blockieren. Gleichzeitig wird in dem Bericht erwähnt, dass Anthropic im Juni seine fortschrittlichsten Modelle für alle Nutzer deaktivierte, nachdem eine Anordnung der US-Regierung nationale Sicherheitsbedenken aufgeworfen hatte—ein Signal, wie stark Sicherheits- und Compliance-Anforderungen die Produkt-Roadmaps beeinflussen.

Unternehmen, die KI-gestützt entwickeln oder KI-Agenten intern einsetzen wollen, sollten aus dem Vorfall vor allem praktische Konsequenzen ziehen. Erstens müssen erweiterbare KI-Workflows (Skills/Plugins) mit einem Least-Privilege-Ansatz umgesetzt werden: Minimale Rechte für Wallet-/Zahlungsaktionen, klare Freigabeprozesse und eine mögliche Ausführung in isolierten Umgebungen statt direktem Zugriff auf lokale digitale Wallets. Zweitens braucht es ein sichtbares Incident-Playbook, damit Banns, Support-Locks und Zahlungsstreits nicht monatelang eskalieren. Drittens lohnt ein Abgleich der Fähigkeiten gegen reale Bank- und Geräte-Signale: Nicht nur IP, sondern Session- und Geräte-Historien sollten berücksichtigt werden. Der nächste Wettbewerbsvorteil entsteht dann nicht über bessere Prompts, sondern über beweisbare Sicherheitsketten vom Modell bis zum Endgerät.


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