WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neues Reha-System namens MultiSensy kombiniert immersive KI-gestützte VR-Trainingsaufgaben mit transkutaner Nervenstimulation direkt an der Haut. In einer Machbarkeitsstudie an 34 chronisch Betroffenen schnitten die Teilnehmenden im Fugl-Meyer-Score (FMA-UE) fast doppelt so stark ab wie in der konventionellen Therapie. Auch bei Alltagstests (ARAT) und bei der Körperwahrnehmung zeigte sich ein klarer Vorteil. Entscheidend ist: Die Plattform schließt eine Sensorik-Motorik-„Feedback-Schleife“ und sammelt dabei kontinuierliche Bewegungsdaten für objektivere Verlaufskontrollen.

Schlaganfallpatienten kämpfen oft nicht nur mit Bewegungsproblemen, sondern gleichzeitig mit eingeschränkter Berührungssensibilität und einem veränderten Körpergefühl. Das ist ein bekanntes Muster in der chronischen Phase, wenn nach dem akuten Ereignis mehr Zeit verstreicht und die Neuroplastizität zwar noch möglich ist, die Therapie aber häufig zu fragmentiert bleibt. Intensives Training kann die grobe Motorik verbessern, doch viele Reha-Programme fokussieren vor allem auf das „Bewegen“ – während Wahrnehmungsdefizite und die Rekalibrierung des Körperschemas zu kurz kommen. Genau hier setzt MultiSensy an: Eine hybride Kombination aus VR-Aufgaben und elektrischer Sensorstimulation soll den fehlenden Rückkanal zwischen Gehirn und Hand wieder aufbauen.
Technisch basiert MultiSensy auf einer task-orientierten VR-Umgebung, in der Patienten Aktionen wie Greifen, Pinzettengriffe oder das gezielte Erreichen digital ausführen. Parallel werden Elektroden auf der Haut so platziert, dass per transkutaner elektrischer Nervenstimulation (TENS-ähnlich) propriozeptive und taktile Eindrücke angesteuert werden. Der zentrale Gedanke: Die Person sieht die virtuelle Hand, die die Aufgabe korrekt ausführt, und „fühlt“ über synchronisierte Stimulation das Berühren virtueller Objekte. Dadurch wird die Reha nicht als isoliertes Motortraining behandelt, sondern als geschlossener Kreislauf aus visueller Intention, motorischer Ausführung und sensorischem Feedback. Für Kliniken ist zudem relevant, dass während des Trainings fortlaufend Bewegungs- und Trajektoriendaten protokolliert werden.
Ein Blick auf den Markt zeigt, dass VR-Reha längst kein Novum mehr ist, aber die Kopplung an taktiles, zeitkritisches Feedback bleibt selektiv. Unternehmen wie MindMaze adressieren mit immersiven Umgebungen vor allem die geschulte Ausführung und das Motivationselement. Robotik-Anbieter wie Hocoma treiben hingegen eine stärker mechanische, häufig multimodale Therapie voran, etwa durch geführte Bewegungen oder unterstützende Systeme. MultiSensy verschiebt den Schwerpunkt spürbar in Richtung multimodaler Sensorik, also in den Bereich, der in vielen bestehenden Ansätzen entweder indirekt oder gar nicht gezielt adressiert wird. Entscheidend ist dabei der Zeitpunkt: Gerade bei chronischen Patienten, also typischerweise mehr als drei Monate nach dem Schlaganfall, ist die Erwartungshaltung an Therapieeffekte oft vorsichtiger. Dass die Plattform dort Verbesserungen zeigt, macht die Kombination aus VR und elektrischer Stimulation strategisch interessanter.
Die Studie, auf die sich die aktuellen Ergebnisse stützen, wurde an 34 chronischen Schlaganfallpatienten durchgeführt, randomisiert in einen MultiSensy-Arm (n=9) und eine Kontrollgruppe mit konventioneller Rehabilitation (n=25). Beide Gruppen durchliefen über drei Wochen zwölf Trainingseinheiten. Primäre Endpunkte waren motorische Funktionen und die Körperwahrnehmung: gemessen u. a. mit dem Fugl-Meyer Assessment Upper Extremity (FMA-UE) und dem Action Research Arm Test (ARAT), ergänzt durch Tests zur Selbstrepräsentation. Laut den berichteten Daten lag der MultiSensy-Arm bei FMA-UE deutlich vorn (13,17 ± 9,30 vs. 7,54 ± 9,48; P=0,01) und auch beim ARAT zeigte sich ein klarer Vorteil (8,25 ± 9,96 vs. 2,44 ± 9,08; P=0,029). Lead-Autor Valerio Aurucci betont dabei, dass nicht nur die Motorik, sondern auch das Gefühl für Berührung und die Wahrnehmung der betroffenen Extremität profitierten.
Besonders relevant für die Neurorehabilitation ist der Ansatz zur „Körperkarte“ (somatosensorische Repräsentation). Nach Schlaganfällen kann das Gehirn das Hand- und Armgefühl falsch zuordnen oder als verzerrt erleben, etwa in Größe, Form oder Position. MultiSensy versucht, diese Fehlzuordnung über den simultanen Abgleich von visueller Korrektheit und taktilem Feedback zu korrigieren. In der klinischen Logik schließt das den sogenannten Sensorik-Motorik-Loop: Wenn Patienten in VR greifen, stimulieren die Elektroden in Echtzeit die Nervenbahnen, die sonst durch die Läsion unterbrochen sind oder „stumm“ bleiben. In der Kurzfassung beschreibt Studienleiter Stanisa Raspopovic genau diesen Perspektivwechsel: Ziel sei es, über reines Bewegungslernen hinauszugehen und Bewegung mit Gefühl sowie Körperbewusstsein wieder zu verknüpfen.
Ein weiterer Unterschied zur Standardpraxis liegt in der Art der Messung. Viele Reha-Settings nutzen Punktmessungen oder zeitaufwändige Skalierungen, die zwar klinisch etabliert sind, aber nicht jede Trainingssitzung fein abbilden. Die MultiSensy-Plattform sammelt hingegen kontinuierlich kinematische Daten während des Spiels. Das kann zwei Dinge verbessern: erstens die objektive Dokumentation von Fortschritt, zweitens die Anpassung der Therapie an den individuellen Verlauf, weil Kliniker nicht nur „am Ende“ bewerten, sondern Muster in der Bewegungsqualität über Tage hinweg erkennen können. Aus regulatorischer Sicht bleibt das spannend, weil kontinuierliche Daten potenziell die Studienarchitektur für spätere Zulassungs- und Erstattungsentscheidungen erleichtern, sofern die Messgrößen zuverlässig und reproduzierbar bleiben.
Für die nächste Markphase ist dennoch entscheidend, wie die evidenzbasierte Skalierung gelingt. Die Autoren ordnen die Ergebnisse selbst als frühe klinische Evidenz ein und sprechen explizit davon, dass größere Studien nötig sind, um Sicherheit, Wirksamkeit und die Wirksamkeitsbreite über unterschiedliche Patiententypen hinweg zu belegen. Zudem ist MultiSensy zwar als vergleichsweise „portabel“ gedacht, weil es nicht zwingend auf schwere stationäre Roboterexoskelette setzt, doch der Übergang ins Heimsetting erfordert robuste Prozesse: Validierte Elektrodenplatzierung, sichere Handhabung, Umgang mit Hautreizungen sowie klare Einschlusskriterien. Gerade im Gesundheitsmarkt, der von strengen Datenschutz- und Medizinprodukteanforderungen geprägt ist, wird auch die Frage nach Datenminimierung und Aufbewahrung der Bewegungs- und Trainingsdaten über Tele-Reha-Programme hinweg relevant.
Die Zukunftsperspektive ist dennoch klar: MultiSensy könnte ein Baustein für dezentralere, personalisierte Sensorik-Motorik-Rehabilitation werden, in der weniger Präsenztermine nötig sind und die Intensität besser kontrolliert werden kann. Für Entwicklerteams öffnet sich damit ein interessantes Feld zwischen UX-Design, Medizininformatik und Clinical Data Science: VR-Aufgaben müssen die richtige Schwierigkeit treffen, die Stimulation muss zeitlich präzise synchronisiert bleiben, und das Monitoring sollte in klinisch verwertbare Kennzahlen überführt werden. Wenn größere Trials die Signale bestätigen, wäre der nächste logische Schritt eine breitere Patientenkohorte, standardisierte Protokolle und die Integration in Reha-Workflows, ähnlich wie andere digitale Reha-Programme es vorsehen. Kurz: MultiSensy könnte die Lücke schließen, die viele Therapien bislang offenlassen – nämlich das „Fühlen“ als Teil des Heilungsprozesses.
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