BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Krankengeldausgaben erreichen 2025 mit 21, 6 Milliarden Euro einen neuen Höchststand. Besonders langwierige Verläufe erhöhen den Druck auf Krankenkassen und Unternehmen. Eine aktuelle Auswertung zeigt, dass psychische Erkrankungen und Muskel-Skelett-Probleme einen großen Teil der Ausfalltage treiben. Gleichzeitig rücken KI-gestützte Screenings, Wearables und ein stärker datengetriebenes BGM in den Fokus.

Die Zahl wirkt zunächst wie eine reine Budgetmeldung, wird aber für HR, Betriebsärzte und IT-Teams zunehmend zu einem operativen Steuerungsproblem: 2025 steigen die Krankengeldausgaben auf 21, 6 Milliarden Euro. Damit rückt in vielen Betrieben die Frage nach Ursache, Prävention und frühem Eingreifen wieder ganz nach vorn. Denn die Entwicklung ist nicht nur „höher“, sondern auch „anders“. Laut Auswertung steigen die Krankengeldtage seit 2016 um 24, 4 Prozent. Pro betroffenem Beschäftigten summieren sich so im Schnitt auf 6, 8 Tage Krankengeld – und damit auf einen substanziellen Anteil der gesamten Fehltage.
Technisch betrachtet hängt diese Dynamik eng mit der Verteilung der Diagnosen zusammen. In der Berichterstattung werden vor allem psychische Erkrankungen und Muskel-Skelett-Erkrankungen als Haupttreiber genannt: Psychische Leiden verursachen durchschnittlich 39, 1 Ausfalltage pro Fall, während Erkrankungen am Bewegungsapparat als zweiter großer Faktor wirken. Das verschiebt den Schwerpunkt im Gesundheitsmanagement weg von kurzfristigen Ausfällen hin zu längeren Verläufen, bei denen Früherkennung, kontinuierliche Betreuung und passgenaue Reha- bzw. Therapiepfade entscheidend werden. Für Unternehmen heißt das: Präventionsmaßnahmen müssen zeitlich und inhaltlich deutlich früher greifen, sonst „kaskadiert“ der Effekt in längere Abwesenheiten.
Hier wird auch der Weg sichtbar, den manche Krankenkassen und Arbeitgeber bereits einschlagen: moderne Analyse- und Screening-Technologien. Während stationäre Untersuchungen klassisch auf Laborwerte und Gesprächsbefunde setzen, erweitern neue Geräte den Blick auf Körperzusammensetzung und funktionelle Risikoprofile. Genannt werden beispielsweise InBody-Modelle wie 970S und 580, die detaillierte Messwerte liefern. Neue Parameter wie das segmentale Wasserbilanzverhältnis und der Phasenwinkel sollen Ernährungs- und Gesundheitszustände differenzierter bewerten. Aus Marktberichten wird zudem deutlich, dass Systeme teils direkt in digitale Verwaltungs-Workflows integriert werden, um Daten schneller in Entscheidungen übersetzen zu können.
Noch stärker beschleunigt wird dieser Ansatz durch KI-gestützte Bildanalysen. Erste Anbieter nutzen dem Bericht zufolge Screenings, die auf sehr großen Bilddatensätzen beruhen und Anomalien bereits ab einer Größenordnung von etwa einem Millimeter identifizieren sollen. Das ist ein typisches Beispiel für den Wechsel von „standardisierten Checks“ zu „skalierbarer Vorselektion“, bei der KI vor allem das Sichtfeld öffnet und medizinische Fachkräfte anschließend gezielt bestätigt oder priorisiert. Als Vergleich im Markt lässt sich das mit Krankenkassen wie der Barmer einordnen, die Daten zur tatsächlichen Häufigkeit telefonischer Krankschreibungen beisteuern und damit die politische Debatte sachlicher kalibrieren. Technologisch unterscheiden sich diese Ansätze weniger im Ziel als in der Architektur: Cloud-basierte Analyse gegen lokal abgesicherte Vorverarbeitung.
Damit sind wir bei einem zentralen Punkt für die Compliance-Praxis: Datenschutz. Gerade mobile Lösungen werden als „leichter“ eingeführt, können aber datenschutzrechtlich komplex sein, wenn Gesundheitsdaten zentral verarbeitet werden. Deshalb ist die im Bericht erwähnte Plattform interessant, die Daten von Smart Rings und Wearables lokal auf dem Smartphone verarbeitet. Überwachungsparameter wie Herzfrequenzvariabilität, Sauerstoffsättigung und Stresslevel werden dabei ohne Cloud-Registrierung ausgewertet. Für IT- und Datenschutzverantwortliche ist das ein anderer Risikotyp: weniger Datenabfluss, aber weiterhin hohe Anforderungen an Datensparsamkeit, Verschlüsselung, Zugriffskontrolle und Löschkonzepte. Genau hier zeigt sich, dass „Hightech“ ohne Governance nicht skalierbar ist.
Der Markt betrachtet solche Tools allerdings nicht isoliert, sondern als Baustein eines Gesamtsystems. In der Berichterstattung heißt es, dass ausgezeichnete Arbeitgeber entsprechende Lösungen in umfassende Konzepte einbetten: ergonomische Beratung, medizinische Check-ups und Online-Vorträge. Das entspricht auch dem Grundprinzip von BGM-Programmen: Verhalten, Arbeitsplatzgestaltung und medizinische Unterstützung müssen zusammenwirken, sonst bleibt die Wirkung punktuell. Gleichzeitig liefert der BGM-Kontext eine harte Kennzahl: Nur 31 Prozent der Beschäftigten bewerten die Angebote im eigenen Betrieb als hochwertig. In Unternehmen mit sehr guten Angeboten glauben dagegen 69 Prozent, bis zur Rente arbeiten zu können; fehlt das, sinkt der Wert auf 46 Prozent. Diese Differenz zeigt, dass Akzeptanz und Wirksamkeit eng aneinanderhängen.
Historisch war BGM lange eher ein „freiwilliges“ Zusatzangebot, das sich schwer quantifizieren ließ. Genau deshalb betonen Studien und Evaluationen, dass Präventionskurse messbare Effekte haben können. Genannt wird, dass gut ein Fünftel der Teilnehmenden Verbesserungen am Bewegungsapparat nachhaltig spürt. Das ist auch eine Markt-Strategie: Wenn Arbeitgeber Wirkung nachweisen können, steigt die Bereitschaft zur Teilnahme und die Budgetierung wird leichter. Für die nächste Ausbaustufe gewinnt zudem Wearable-gestützte Verlaufsbeobachtung an Bedeutung, weil sie die Lücke zwischen einmaligem Screening und langfristiger Betreuung schließen soll. Kritische Einschätzung: Solche Programme funktionieren vor allem dann, wenn sie nicht zu „Überwachung“ werden, sondern zu abgestimmten Unterstützungsprozessen.
Während die Gesundheits- und Digitalisierungsseite an Fahrt gewinnt, brodelt politisch weiterhin der Streit um die Krankschreibung. Vorgeschlagen wird eine Nachweispflicht ab dem ersten Krankheitstag und es gibt Diskussionen über die mögliche Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Arbeitgeberverbände in Teilen Süddeutschlands sehen in den Signalen zwar einen Beitrag gegen potenziellen Missbrauch, warnen aber vor einem Klima des Misstrauens, das Ausfallzeiten verlängern könnte. Dagegen relativieren Daten der Barmer Krankenkasse die Debatte: 2025 entfallen demnach lediglich 0, 8 bis 1, 2 Prozent aller Fälle auf telefonische Krankschreibungen. Für die Zukunft bedeutet das: Unternehmen sollten ihre BGM- und KI-Screening-Ansätze so auslegen, dass sie sowohl medizinisch als auch organisatorisch Vertrauen schaffen – inklusive transparenter Prozesse für Mitarbeitende, klare Grenzen der Datenverwendung und robuste Auditierbarkeit.
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