BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die schwarz-rote Bundesregierung plant eine Reform, die ab dem 1. Januar 2027 Sonntagsöffnungen für Bäckereien und Konditoreien deutlich ausweitet. Vorgesehen sind bis zu acht Stunden – parallel sollen auch sonntägliche Produktionszeiten in Backstuben entsprechend verlängert werden. Gleichzeitig wird das Arbeitszeitgesetz geändert und mit einem größeren Arbeitsmarktpaket verknüpft. Während Befürworter mehr Attraktivität für Innenstädte versprechen, warnen Gewerkschaften und Kirchen vor einer Aufweichung des grundgesetzlich geschützten Sonntagsschutzes.

Sonntagsöffnungen ab 2027: Bis zu acht Stunden für Bäckereien – Streit um Arbeitsrecht
Sonntagsöffnungen ab 2027: Bis zu acht Stunden für Bäckereien – Streit um Arbeitsrecht (Foto: IT BOLTWISE)
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Ab dem 1. Januar 2027 könnte der Sonntag in vielen Innenstädten spürbar anders aussehen: Die geplante Reform erlaubt Bäckereien und Konditoreien, ihre Verkaufszeiten von bisher drei auf künftig bis zu acht Stunden auszuweiten. Gleichzeitig soll auch die Produktion in der Backstube nicht mehr auf drei Stunden begrenzt sein, sondern ebenfalls bis zu acht Stunden möglich werden. Ziel der Bundesregierung ist es, die Attraktivität stationärer Angebote zu erhöhen und dem Online-Handel bessere Wettbewerbsbedingungen zu geben. Damit verschiebt sich nicht nur der Alltag der Kundinnen und Kunden, sondern auch die konkrete Planung in Betrieben, vom Personaleinsatz bis zur Lohnbuchhaltung.

Für die Praxis ist dabei entscheidend, wie fein die zeitliche Trennung zwischen Produktion, Verkauf und Beschäftigtenrollen gelingt. Wenn sonntägliche Backstubenarbeit länger stattfinden darf, steigt zwangsläufig die Zahl der Stunden, für die Zuschläge und Arbeitszeitregeln organisatorisch korrekt abgebildet werden müssen. Gerade in Betrieben mit mehreren Schichten und wechselnden Teilzeitkräften wird die Umstellung zum Data- und Prozessprojekt: Dienstplan-Logik, Urlaubs- und Ausgleichsmodelle sowie die korrekte Zuschlagsberechnung müssen konsistent ineinandergreifen. Wer das nur manuell kontrolliert, riskiert schnell Abrechnungsfehler – und damit auch Nachforderungen.

Die Reform löst deshalb nicht nur im Handel, sondern politisch breit eine Grundsatzdebatte aus. So fordern der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses von Stetten (CDU) und FDP-Chef Kubicki eine noch weitergehende Öffnung. Auch der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), Genth, argumentiert mit der Funktion des Einkaufens als Freizeitaktivität und drängt auf eine Lockerung. Der Textileinzelhandel (BTE) wiederum will den sogenannten Anlassbezug abschaffen, der Sonntagsöffnungen bisher an bestimmte Feste oder Märkte bindet. Im Gegenlager sieht die SPD derzeit keinen Bedarf für eine Ausweitung über den geplanten Rahmen hinaus; Verdi lehnt die Pläne entschieden ab.

Interessant ist, dass die Debatte nicht nur an Sonntagsruhe ansetzt, sondern auch an Wettbewerbslogiken im stationären Handel. Befürworter verweisen auf die reale Konkurrenzsituation zu Online-Plattformen, die rund um die Uhr erreichbar sind und in vielen Kategorien mit schneller Verfügbarkeit punkten. Historisch zeigt sich: Öffnungsschritte werden in Deutschland immer dann politisch besonders hart diskutiert, wenn sie als arbeitszeitrechtliche Ausnahme wahrgenommen werden. Schon frühere Reformversuche im Umfeld der Sonntagsarbeit folgten dabei häufig der gleichen Struktur: wirtschaftliche Argumente für Kundennähe treffen auf verfassungsrechtliche Schutzlogiken und tarifliche Interessenlagen.

Technisch-administrativ kommt hinzu, dass die Reformen in ein breiteres Arbeitsmarktpaket eingebettet sind. Ab Anfang 2027 sollen laut Entwurf unter anderem die steuerfreien Obergrenzen für Sonn- und Feiertagszuschläge auf bis zu 75 Euro pro Stunde steigen. Gleichzeitig ist bei Minijobs eine Anhebung der Pauschalsteuer von zwei auf fünf Prozent vorgesehen; zudem wird perspektivisch die Abschaffung des Sonderstatus diskutiert. Auch weitere Änderungen betreffen Befristungen (Verdopplung der maximalen Dauer sachgrundloser Befristungen von 24 auf 48 Monate) sowie eine frühere Krankmeldungspflicht. Für Arbeitgeber bedeutet das: Lohnsysteme müssen mehrere Parameter parallel abbilden, statt nur „eine Sonntagsregel“ anzupassen.

In der Fläche zeigt sich ein heterogenes Bild: Schleswig-Holstein lässt bereits personallose Kleinstsupermärkte an Sonntagen zu, und Thüringen ermöglicht ähnliche Modelle. Bayern geht hingegen deutlich weiter in die Gegenrichtung: Ministerpräsident Söder lehnt jede Reform ab und will an der Sonntagsruhe festhalten. Diese föderale Spannung ist auch für Betriebe relevant, die in mehreren Bundesländern aktiv sind oder ihre Arbeitskräfte flexibel einsetzen. Strategisch müssen sie damit rechnen, dass betriebliche Policies nicht überall identisch funktionieren und dass Kontroll- und Dokumentationsanforderungen regional variieren. Die Planungssicherheit leidet dadurch kurzfristig – selbst wenn das Bundesgesetz später einheitliche Leitplanken setzen soll.

Dass die gesellschaftliche Stimmung kippt, zeigen Umfragedaten: Eine YouGov-Umfrage vom 8. Juli 2026 nennt 43 Prozent, die häufigere Sonntagsöffnungen befürworten, bei 50 Prozent Ablehnung. Im Sommer 2025 lag die Zustimmung noch bei 34 Prozent, die Ablehnung entsprechend höher bei 59 Prozent. Das deutet auf eine langsamere Normalisierung der Debatte hin, ohne dass die Mehrheit bereits klar umspringt. Aus Branchen- und Compliance-Sicht heißt das: Arbeitgeber werden stärker gefordert sein, die rechtliche Umsetzung nachzuweisen und die Akzeptanz im Betrieb zu sichern. Besonders bei Beschäftigten, für die der Sonntag der einzige planbare freie Tag ist, dürfte die Kommunikation zur Einsatzplanung und zu Ausgleichsmechanismen die entscheidende Rolle spielen.

Der politische Prozess läuft derzeit über die Beratung im Bundesrat, und zugleich melden sich Interessenverbände zu Wort. Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks begrüßt grundsätzlich die längeren Produktionszeiten, kritisiert aber die höhere Minijob-Steuer. Damit prallen zwei Logiken aufeinander: längere Betriebszeiten erhöhen den Bedarf an verlässlicher Personalabdeckung, während steuerliche Anpassungen bei Minijobs die Kostenstruktur verändern. Für Unternehmen heißt das in der nächsten Phase vor allem: Lohn- und Schichtplanungssoftware auf neue Zuschlagslogiken vorbereiten, Verträge proaktiv prüfen und Prozesse für Nachweise und Belege schärfen. Mittel- und langfristig dürfte die Reform damit auch als Wegbereiter für eine stärker datengetriebene Personaleinsatz- und Abrechnungssteuerung wirken, inklusive strengerer Auditierbarkeit.


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