OXFORD / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt, dass Hunger die Freude an süßen Getränken deutlich steigert – unabhängig davon, ob Zucker oder Zero-Calorie-Süßstoffe enthalten sind. Gleichzeitig deuten die Hirndaten darauf hin, dass regelmäßige Nutzer von künstlichen Süßstoffen bei Süßem stärkere Aktivität in Hirnarealen zeigen, die mit Selbstkontrolle zusammenhängen. Für Ernährung, Produktentwicklung und Unternehmens-Compliance bei Health-Claims ist das ein bemerkenswerter Hinweis darauf, wie sich Gewohnheiten langfristig im Gehirn verankern. Gleichzeitig bleiben relevante Fragen offen, etwa zur Übertragbarkeit auf echte Esssituationen und größere Stichproben.

Hunger macht Süße noch attraktiver: KI-Training durch Zero-Sweetener im Gehirn
Hunger macht Süße noch attraktiver: KI-Training durch Zero-Sweetener im Gehirn (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer schon einmal nüchtern auf eine „Zero“-Cola zugegriffen hat, kennt das Bauchgefühl: Süße wirkt im leeren Zustand stärker. Genau dieses Alltagsphänomen rückt eine aktuelle Laborstudie in den Fokus, die in der Fachzeitschrift Food Quality and Safety veröffentlicht wurde. Die Kernaussage ist zweigeteilt: Erstens macht Hunger jede Form von Süße „belohnender“, zweitens zeigen Menschen, die regelmäßig kalorienfreie Süßstoffe konsumieren, im Gehirn Hinweise auf mehr Aktivität in Netzwerken der Selbstregulation. Damit wird aus einer Ernährungsdebatte ein messbares Neurobiologie-Thema.

Der Hintergrund ist gut dokumentiert: Übermäßige Zuckeraufnahme steht im Zusammenhang mit Adipositas, Typ-2-Diabetes und kardiovaskulären Erkrankungen. In der Praxis wechseln viele Konsumentinnen und Konsumenten deshalb zu nicht-nutritiven Süßstoffen, also Zusatzstoffen, die süß schmecken, aber kaum metabolische Energie liefern. Aus Sicht der Biologie ist das jedoch kein „Null-Effekt“-Tausch. Wenn Süße ohne die erwarteten Kalorien kommt, könnte das die natürliche Signalverarbeitung im Körper verändern – etwa die Vorlieben und die Ausprägung des Belohnungssystems. Genau hier setzt die Studie an, indem sie Hunger und Gewohnheit gleichzeitig variiert.

Neu an dem Ansatz ist die Kombination aus physiologischem Zustand und langfristigem Konsumprofil. Anstatt nur zu fragen, ob jemand Zucker oder „Zero“ bevorzugt, untersuchten die Forschenden, wie sich Geschmackserleben in zwei Metabolik-Zuständen unterscheidet: hungrig versus satt. Dafür wurden 30 Teilnehmende im Alter von 19 bis 27 Jahren rekrutiert und in zwei Gruppen mit je 15 Personen eingeteilt. Eine Gruppe trank überwiegend zuckerhaltige Getränke, die andere nutzte regelmäßig kalorienfreie Alternativen und konsumierte seltener normalen Zucker. Diese Struktur ist für Unternehmen spannend, weil sie nahe an der Fragestellung liegt, wie Gewohnheiten (habitual use) Wirkungen „konditionieren“ könnten.

Die experimentelle Durchführung war methodisch aufwendig und damit gleichzeitig aufschlußreich: Jede Person kam zu zwei Sitzungen, einmal nach mindestens dreieinhalb Stunden Fasten und einmal innerhalb eines Stundenfensters nach einer vollwertigen Mahlzeit. Währenddessen probierten die Teilnehmenden drei süße Lösungen in jeweils 10 Milliliter – Vollzucker, eine Mischung aus halbem Zucker plus kalorienfreien Süßstoffen sowie eine Lösung mit ausschließlich kalorienfreien Süßstoffen. Entscheidend war, dass alle drei Varianten auf exakt gleicher Süßstärke gehalten wurden, damit sich die Teilnehmenden nicht allein über Intensität „bewusst“ unterscheiden konnten. Das schafft eine saubere Vergleichsbasis für explizite und implizite Messungen.

Für die Messung kombinierten die Forschenden subjektive und objektive Marker. Explizit bewerteten die Teilnehmenden die Getränke auf einer Neun-Punkte-Skala und gaben darüber hinaus Angaben zu emotionalen Zuständen, darunter Erregung und Wohlgefühl. Zusätzlich wurde ein Set von 25 emotionalen Begriffen abgefragt, wodurch ein feineres Profil pro Getränk entstand. Implizit erfassten die Forschenden automatische Reaktionen über ein Elektrokardiogramm, also Messung der elektrischen Aktivität des Herzens, sowie über funktionelle Nahinfrarotspektroskopie (fNIRS). FNIRS ist nicht-invasiv und misst über Lichtsignale Blutfluss- und Sauerstoffveränderungen im Gehirn – besonders geeignet, wenn man Reaktionen in relativ realitätsnaher Umgebung messen will.

Die Ergebnisse zur akuten Belohnungswirkung sind dabei recht eindeutig: Hunger erhöhte die wahrgenommene Zufriedenheit mit allen süßen Getränken, unabhängig davon, ob Zucker oder Zero-Süßstoffe enthalten waren. Die Teilnehmenden gaben im hungrigen Zustand durchgehend höhere Ratings als im gesättigten Zustand. Das spricht dafür, dass die körperliche Energieknappheit kurzfristig „den Lautstärkeregler“ für Süßes hochdreht – also das sensorische Erlebnis von Süße selbst stärker gewichtet. Begleitend zeigte das Elektrokardiogramm bei Hunger physiologische Anzeichen von Erregung, darunter kürzere Abstände zwischen Herzschlägen und insgesamt höhere Herzraten. Damit korrespondieren Gefühl und Körperzustand konsistent.

Der zweite, besonders relevante Befund betrifft die langfristige Gewohnheit. In den fNIRS-Daten zeigte sich zwischen den Gruppen ein klarer Unterschied: Gewohnheitskonsumenten von kalorienfreien Süßstoffen wiesen eine deutlich stärkere oxygenierte Durchblutung im linken dorsolateralen präfrontalen Kortex auf. Dieses Areal wird häufig mit kognitiver Kontrolle, selbstregulierenden Prozessen und dem Widerstand gegen Versuchungen in Verbindung gebracht. Wichtig ist die Bedingung: Die Teilnehmenden wussten in dem Design nicht, welche Süßstoffvariante sie tranken, und sie berichteten zugleich über ähnliche bewusste Freude- und Emotionswerte. Daraus ergibt sich die Interpretation, dass langfristige Nutzung nicht zwingend das subjektive „Gefällt mir“ verändert, aber die unbewusste Kontroll- und Monitoring-Last im Gehirn erhöht.

Aus Marktsicht ist das für Hersteller und Produktteams ein Signal, wie heikel „Zero“ als Marketing- und Ernährungsversprechen sein kann. Große Getränke- und Food-Unternehmen wie PepsiCo und The Coca-Cola Company investieren seit Jahren in Zero-Varianten und beobachten dabei genau, ob Konsumenten ihre Erwartungen an Süße „umschalten“. Branchenanalysten sehen in solchen Studien vor allem einen Trend zu stärker evidenzbasierten Claim-Strategien: Nicht nur Kalorienzahlen zählen, sondern wie Konsumgewohnheiten sensorische und regulatorische Prozesse beeinflussen. Für die KI-/Data- und Analytics-Seite bedeutet das außerdem, dass Mess- und Monitoring-Programme (z. B. Via Nutzerforschung, Wearables, digitale Tagebücher) künftig enger mit psychophysiologischen Endpunkten verknüpft werden.

Der Ausblick ist gleichwohl begrenzt und sollte in Roadmaps vorsichtig eingearbeitet werden. Die Studie arbeitet mit einer vergleichsweise kleinen Stichprobe, außerdem mussten Teile der Hirndaten wegen Signalproblemen durch Haarobstruktion ausgeschlossen werden, wodurch die effektive Zahl für einzelne Auswertungen sinkt. Zudem bleibt ein Gender-Ungleichgewicht bestehen: Im Sample waren deutlich mehr Frauen als Männer, was potenziell geschlechtsspezifische Unterschiede in der Belohnungsbiologie verwischt. Ein weiterer Limitationspunkt ist die Abhängigkeit von Selbstangaben zu Konsumgewohnheiten statt von Biomarkern oder langfristigen Ernährungsprotokollen. Für zukünftige Forschung liegt deshalb nahe, die Effekte in realistischeren Essumgebungen zu messen und zu prüfen, ob die beobachteten Muster auch das spätere reale Essverhalten beeinflussen.

Für Regulierung und Datenschutz ergibt sich ein praktischer Arbeitsauftrag: Wenn Unternehmen künftig stärker mit psychophysiologischen Daten arbeiten, müssen sie die Datenminimierung und Einwilligung entlang der Datenschutz-Grundverordnung sauber gestalten. FNIRS- und Herzratenmessungen sind besonders sensibel, weil sie indirekt Rückschlüsse auf Zustände wie Stress, Erregung oder mögliche Gesundheitsbezüge erlauben. Gleichzeitig sollten Forschungs- und Produktteams ihre Ergebnisse so formulieren, dass sie keine überzogenen Health-Claims nahelegen. Langfristig dürfte die spannendste Entwicklung sein, Kalorien-Reduktion nicht nur als Nährwertfrage, sondern als Lern- und Gewohnheitsprozess im Gehirn zu betrachten: Produkte, Rezepturen und Nutzerpfade könnten darauf optimiert werden, Süßes weniger dominierend zu machen – ohne Genuss aus dem System zu verbannen.


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