BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ab sofort gilt bundesweit eine Attestpflicht schon ab Tag eins, während die telefonische Krankschreibung wegfällt. Arbeitgeber und Verwaltungen müssen ihre Prozesse für die Nachweisführung rechtssicher anpassen, sonst drohen Konflikte und Sanktionen. Mediziner warnen vor einer Zusatzbelastung der Praxen und höheren Infektionsrisiken in Wartebereichen. Parallel verschärfen sich die Regelungen im Betrugsfall und es kommt ab 2027 eine Teilkrankschreibung.

Die Reform zur Krankschreibung wirkt auf den ersten Blick wie eine arbeitsrechtliche Detailänderung – tatsächlich trifft sie aber den Alltag in Unternehmen, Arztpraxen und Behörden gleichermaßen. Wer erkrankt, muss in der Regel bereits am ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen; die bisherige telefonische Krankschreibung wird abgeschafft. Regierungsseitig wird das mit zuletzt gestiegenen Krankenständen begründet, zugleich wächst der Widerstand aus der Medizin: Hausärzte befürchten mehr Laufkundschaft für Atteste bei leichten Infekten und damit eine potenziell höhere Ansteckungsgefahr in Wartezimmern.
Technisch und organisatorisch steht bei vielen Arbeitgebern vor allem die Nachweis- und Dokumentationskette im Fokus. Die elektronische AU-Prozessierung (ärztliche Bescheinigung als strukturierte Information) muss so aufgesetzt sein, dass sie Fristen, Datenformate und Prüfmechanismen unterstützt, ohne die medizinischen Inhalte unberechtigt breit zu speichern. Zusätzlich wird die interne Compliance relevanter: Personalabteilungen müssen Abläufe für Rückfragen, Plausibilisierung und Aktenführung definieren, während Führungskräfte klare Regeln für die Kommunikation mit Mitarbeitenden bekommen. Gerade in heterogenen Konzernstrukturen, wie sie etwa bei großen Industrieunternehmen existieren, entscheidet die Prozessdisziplin über rechtssichere Entscheidungen im Einzelfall.
Im Markt ist die Reaktion nicht einheitlich. Während einige Betriebe die neuen Regeln ausdrücklich begrüßen, sehen andere keinen zusätzlichen Handlungsdruck, weil sie bereits eigene Prozesse für die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung etabliert haben. Personalexperten raten parallel dazu, die Rolle der Betriebsräte sauber einzubetten und die Betriebsvereinbarungen zu prüfen, wenn sich das Melde- und Nachweisverhalten verändert. Auch aus dem öffentlichen Dienst werden konkrete Fragen laut: Das Bundesinnenministerium erklärte, dass Bundesbeamte ihre Dienstunfähigkeit auf Verlangen bereits heute nachweisen müssen; ob daraus künftig eine gesetzliche Pflicht wird, ist noch offen.
Die Debatte dreht sich aber nicht nur um die Frage „Attest ja oder nein“, sondern auch um die Effektivität. Eine Studie des IGES-Instituts ordnet Deutschland bei lediglich 6,8 Prozent krankheitsbedingt verlorener Arbeitszeit im europäischen Vergleich auf Rang 7 ein; deutlich höhere Quoten nennen Vergleiche etwa für Norwegen (10,7 Prozent), Finnland (10,0 Prozent) und Slowenien (9,2 Prozent). Gleichzeitig warnen Ärzte vor unbeabsichtigten Nebenwirkungen: Wenn mehr Arztkontakte nötig werden, könnte sich die Tendenz verstärken, bei einem Praxisbesuch eher länger krank zu schreiben – ein Fachanwalt für Arbeitsrecht hält diese „paradoxe Verlängerung“ der Ausfallzeiten für möglich. Genau hier liegt der Kernkonflikt zwischen Missbrauchsbekämpfung und Versorgungsrealität.
Regulatorisch verschärft sich der Rahmen spürbar, insbesondere im Betrugsfall. Für Ärztinnen und Ärzte, die falsche Bescheinigungen ausstellen, sind Sanktionen bis zu zwei Jahre Haft vorgesehen; Arbeitnehmern kann bei Betrug sogar eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren drohen. Für Unternehmen bedeutet das: Sie brauchen Verfahren, um Hinweise auf Unstimmigkeiten strukturiert zu prüfen, ohne in vorschnelles Vorverurteilen zu rutschen oder zu sensible Gesundheitsdaten zu verbreiten. Gerade bei der Verarbeitung von Gesundheitsinformationen sind Datenschutz-Grundsätze wie Datenminimierung und Zweckbindung entscheidend. Ein zusätzliches Augenmerk gilt dem Günstigkeitsprinzip: Arbeitsrechtler weisen darauf hin, dass bestehende vertragliche Regelungen nach dieser Logik weiter Bestand haben könnten, sofern sie nicht durch neue zwingende Vorschriften verdrängt werden.
Abseits der Attestpflicht kommt schon die nächste Stellschraube hinzu: Teilkrankschreibung ab Januar 2027. Dabei können Beschäftigte bei Erkrankungen, die länger als vier Wochen andauern, zu 25, 50 oder 75 Prozent arbeitsunfähig geschrieben werden – Voraussetzung ist die Zustimmung von Arzt und Arbeitgeber, außerdem gibt es ein siebentägiges Widerspruchsrecht. In den ersten sechs Wochen bleibt die volle Lohnfortzahlung bestehen, danach wird anteiliges Krankengeld gezahlt. Sozialverbände und die Kassenärztliche Bundesvereinigung kritisieren den Aufwand als bürokratisch; künftig wird aber gerade diese differenzierte Arbeitsunfähigkeit auch für KI-gestützte HR-Workflows relevant, weil Systeme dann feinere Statuslogiken, Wiedereingliederungspläne und Fristenmodelle abbilden müssen.
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