BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die geplante Neuregelung macht Krankschreibungen über reine Online-Fragebögen rechtlich angreifbar. Videosprechstunden bleiben dagegen als zugelassenes Mittel erhalten, weil ein Arzt weiterhin unmittelbar in die Beurteilung eingebunden wird. Für Beschäftigte steigt damit die Bedeutung eines rechtssicheren Krankmeldewegs, während Unternehmen mit konsequenter Dokumentation von Fehlzeiten und Verfahren reagieren müssen. Parallel diskutiert die Politik zusätzliche Nachweispflichten ab dem ersten Tag.

Krankschreibung: Online-Atteste ohne Arztkontakt sollen verboten werden
Krankschreibung: Online-Atteste ohne Arztkontakt sollen verboten werden (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Diskussion um Krankschreibungen per Internet verschärft sich: Künftig soll eine Arbeitsunfähigkeit nur noch auf Basis einer ärztlichen Untersuchung attestiert werden können. Der Knackpunkt liegt nicht auf der Digitalisierung an sich, sondern auf einem Modell, bei dem allein ein Fragebogen – ohne tatsächlichen Arztkontakt – den Ausschlag gibt. Damit rückt der Staat die Telemedizin in eine klarere rechtliche Schublade: Videosprechstunden bleiben als modernes Instrument erlaubt, reines „Self-Assessment“ dagegen soll rechtlich ausgeschlossen werden. Für Arbeitnehmer und Betriebe heißt das gleichermaßen: Prozesse müssen sich an der neuen Prüf-Logik ausrichten.

Technisch betrachtet geht es dabei um die Frage, wie digitaler Zugang und medizinische Verantwortlichkeit sauber voneinander getrennt werden. Eine Videosprechstunde erfordert typischerweise eine beidseitige Identifizierung, die Übertragung klinisch relevanter Informationen und eine unmittelbare ärztliche Entscheidungsphase im Behandlungskontext. Beim reinen Online-Attest hingegen wird die medizinische Bewertung auf ein Formular bzw. eine medizinisch motivierte Fragenkette reduziert – ohne Untersuchung, ohne körperlichen Abgleich und ohne unmittelbare therapeutische Verantwortung. Genau diese Lücke adressiert die Neuregelung. Gleichzeitig kann es Unternehmen in der Praxis helfen, Telemedizin-Lösungen nicht nur als „Kommunikationskanal“, sondern als dokumentations- und auditfähigen Ablauf zu implementieren.

Die politische Richtung ist zudem eng mit der Arbeits- und Gesundheitspolitik verknüpft. Wie aus den aktuellen Planungen hervorgeht, soll das Gesundheitsministerium eng mit Arbeitsministerin Bärbel Bas abstimmen. Diskutiert wird auch eine Nachweispflicht für Krankmeldungen ab dem ersten Tag. Das Ziel ist, Arbeitgeberinteressen stärker zu berücksichtigen, ohne Arztpraxen oder Beschäftigte mit übermäßiger Bürokratie zu überlasten. Gleichzeitig folgt das Vorhaben Forderungen des Hausärzteverbandes, kommerzielle Modelle ohne ärztliche Prüfung stärker zurückzudrängen. Schon jetzt bieten rund 20 Prozent der Arztpraxen in Deutschland Videosprechstunden an, was die Umsetzungskapazität grundsätzlich stützt.

Für die rechtliche Einordnung ist das Zusammenspiel aus Gesetzesintention und bereits bestehender Rechtsprechung entscheidend. Schon vor der angekündigten Initiative war die Lage für Arbeitnehmer riskant, weil Dokumente ohne vorherigen Arztkontakt in Streitfällen angegriffen werden konnten. Das Landesarbeitsgericht Hamm entschied am 5. September 2025: Wer eine AU ohne vorherigen Arztkontakt vorlegt, riskiert die fristlose Kündigung, und solche Atteste hätten keinen ausreichenden Beweiswert für eine tatsächliche Erkrankung. Das bedeutet für Betriebe: Sie können sich künftig stärker auf verfahrenskonforme Nachweise stützen, wenn Fehlzeiten nicht plausibel dokumentiert sind. Für Beschäftigte wiederum steigt der Druck, den richtigen medizinischen Weg zu wählen.

Auch aus Wettbewerbssicht ist das eine klare Marktansage an kommerzielle AU-Plattformen. Telemedizin-Anbieter, die als echte Behandlungs- und Diagnoseumgebung auftreten, werden in der Argumentation eher profitieren als Dienste, die medizinische Bescheinigungen primär als digitale Formularlogik ausrollen. In der Praxis beobachten Unternehmen deshalb oft einen Übergang von „Automatisierung ohne Arzt“ hin zu „Automatisierung mit klinischer Freigabe“: Terminbuchung, digitale Anamnese und Priorisierung können zwar automatisiert werden, aber die Entscheidung muss ärztlich getragen sein. Dabei liefern Analysen aus dem Gesundheits-IT-Umfeld seit Jahren Hinweise, dass regulatorische Hürden weniger mit der Technik als mit der Haftungs- und Prüfspur zusammenhängen. Für IT-Teams heißt das: Auditierbarkeit und Rollenmodellierung werden zum echten Wettbewerbsfaktor.

Datenschutzrechtlich verschiebt sich der Fokus ebenfalls. Krankmeldungen und medizinische Beurteilungen sind hochsensible Gesundheitsdaten; die Verarbeitung erfordert strikte Anforderungen an Rechtsgrundlagen, Zweckbindung, Zugriffskontrolle und Aufbewahrungsfristen. Werden digitale Attestprozesse nur halbherzig integriert – etwa mit unklaren Speicherorten für Anamnesedaten oder fehlender Zugriffstrennung – steigt das Risiko von Datenschutzvorfällen. Für Unternehmen entsteht damit Handlungsdruck, die Schnittstellen zwischen Telemedizinanbieter, internen HR-Systemen und Dokumentationsworkflows zu überprüfen. Gleichzeitig müssen auch Betriebsräte und Geschäftsleitungen Datenschutz- und Verfahrensstandards beachten, wenn sie Gespräche zu Fehlzeiten protokollieren oder stichprobenartige Prüfungen anstoßen.

Für Unternehmen bleibt außerdem die Verfahrensseite zentral. Bei längeren Krankheitsphasen oder bei berechtigtem Verdacht auf unzurechtfertigte Krankschreibungen gewinnen klare Abläufe, rechtssichere Dokumentation und konsistente Kommunikation stark an Bedeutung. In vielen Betrieben entscheidet sich der Ausgang von Konflikten nicht an der medizinischen Frage selbst, sondern an der Qualität des Prozesses: Wie früh wurde nachgesteuert? Sind Nachweise nachvollziehbar eingeordnet? Wie wurden Gespräche zwischen Betriebsrat und Geschäftsleitung dokumentiert? Gerade die korrekte Protokollierung und eine saubere Verknüpfung von BEM-Schritten (Betriebliches Eingliederungsmanagement) mit den erhobenen Informationen kann über die spätere Rechtsfestigkeit entscheiden. Das ist weniger „HR-Compliance“, mehr Risikomanagement auf Prozess-Ebene.

Das AU-Thema ist zudem Teil eines größeren Reformpakets, das auch fiskalische Komponenten enthält. Genannt wird die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Parallel soll eine neue Abgabe auf zuckerhaltige Getränke jährlich rund 650 Millionen Euro einbringen. In der Gesamtschau zeigt sich: Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik werden enger mit Anreizsystemen und Haushaltsplanung gekoppelt. Für den Tech-Bereich bedeutet das, dass Compliance nicht nur „einmal im Jahr“ passiert, sondern sich entlang mehrerer Regulierungsachsen entwickelt: medizinische Nachweise, Kommunikationskanäle und auch Präventions- und Steuerinstrumente. Wer diese Dynamik früh in seine Systeme überführt, reduziert spätere Umstellungs- und Nacharbeitskosten.

Der Blick nach vorn dürfte für Entwickler und IT-Entscheider noch konkreter werden. Sobald eine Nachweispflicht ab dem ersten Tag diskutiert und potenziell umgesetzt wird, wächst die Bedeutung von Systemen, die automatisch den richtigen Dokumententyp erkennen, Nachweise versionieren und Statuswechsel sauber an HR-Workflows melden. Im selben Zuge werden Telemedizin-Integrationen stärker gefragt sein, die die ärztliche Untersuchung als prüfbare Phase abbilden – inklusive Zeitstempeln, Identitätsnachweis und medizinischer Freigabe. Gleichzeitig ist absehbar, dass Gerichte und Behörden in künftigen Verfahren weiterhin auf Beweiswert und Verfahrenskonformität abstellen. Für den Markt heißt das: KI-gestützte Vorprüfung oder Anamneseführung kann technisch helfen, aber sie ersetzt weder Arztkontakt noch rechtliche Sorgfalt.


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