SINGAPUR / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende untersuchen, warum sich Gehirnaktivitäten bei Zusammenarbeit oft aneinander angleichen. Eine neue Studie mit Hyperscanning, funktionaler Nahinfrarotspektroskopie (fNIRS) und transkranieller Magnetstimulation (TMS) zeigt jedoch: Mehr Synchronität bedeutet bei komplexen Spielzügen nicht automatisch bessere Leistung. Besonders im Präfrontalcortex korrelieren höhere Abstimmungsgrade sogar negativ mit den anspruchsvollsten Kombinations-Moves. Damit rückt die Frage in den Fokus, ob inter-brain synchrony eher Aufwand und Strategievorbereitung abbildet – oder echte Ausführungsvorteile.

Wenn Gehirn-Synchronität beim Teamplay bremst: FNIRS und TMS bei Tetris
Wenn Gehirn-Synchronität beim Teamplay bremst: FNIRS und TMS bei Tetris (Foto: IT BOLTWISE)
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Zusammenarbeit fühlt sich manchmal an wie eine gut eingespielte Maschine: Gespräche, Blickkontakt und Timing lassen Menschen “im selben Takt” handeln. Neuere Messungen des Gehirns deuten tatsächlich darauf hin, dass die Aktivität zweier Personen während kooperativer Aufgaben synchron wird. Doch der praktische Nutzen dieser Abstimmung ist offenbar nicht so geradlinig, wie viele erste Interpretationen nahelegen. In einer Studie, die in NeuroImage veröffentlicht wurde, spielt das Teamplay zwar starkere inter-brain synchrony frei, die Leistung bei komplexen Spielzügen sinkt aber bei höheren Synchronitätswerten.

Technisch beruht die Arbeit auf einem klassischen Spannungsfeld der Neurowissenschaft: Synchronisation in Echtzeit messen, ohne vorschnell Kausalität anzunehmen. Dafür nutzen die Autorinnen und Autoren Hyperscanning, also das parallele Aufzeichnen mehrerer Gehirne während einer sozialen Interaktion. Die Messmodalität ist funktionale Nahinfrarotspektroskopie (fNIRS): Sensoren auf dem Kopf senden nahes Infrarotlicht durch den Schädel und leiten aus der Lichtabsorption Rückschlüsse auf Änderungen der Durchblutung. Im Experiment wurden Sensoren gezielt über dem Präfrontalkortex sowie der rechten temporoparietalen Junktionsregion platziert – zwei Bereiche, die in sozialen und kognitiven Aufgaben häufig eine Rolle spielen.

Um die Frage “hilft Synchronität wirklich?” gegen den naheliegenden Effekt der bloßen Koordination zu testen, setzen die Forschenden zusätzlich transkranielle Magnetstimulation (TMS) ein. Dabei werden kurze, sichere Magnetimpulse auf den Kopf gegeben, um die Aktivität in genau definierten Hirnarealen vorübergehend zu beschleunigen oder zu verlangsamen. In diesem Design erhält pro Team jeweils nur eine Person in ausgewählten Sessions eine TMS-Intervention, während die andere unbeeinflusst bleibt. So lässt sich prüfen, ob das gezielte Stören einer sozialen Schlüsselregion die Teamleistung oder die inter-brain Abstimmung verändert. Als “Gegenstück” zur synchrone(n) Messung zeigt sich hier die methodische Konkurrenz der Feldpraxis: EEG-basierte Hyperscanning-Setups bieten zwar andere zeitliche Auflösung, fNIRS bleibt jedoch bei zielspezifischen, auf Durchblutung basierenden Signalen stark.

Im Studiendesign arbeiten 33 Paare aus gleichen Geschlechtern mit Fremden, die über drei getrennte Sessions hinweg ein klassisches Puzzle-Game spielen: Tetris. Jede Session enthält sowohl eine Solo- als auch eine kooperative Phase, jeweils über sieben Minuten. In der Solo-Variante kontrolliert jede Person die fallenden Blöcke für sich. Im Kooperationsmodus teilen sich die Partner die Steuerung: Eine Person bewegt die Blöcke links und rechts, die andere rotiert sie. Damit wird Zusammenarbeit nicht zu einer “Kommunikationsaufgabe”, sondern zu einem getakteten Austausch von Handlungsannahmen. Wichtig ist auch die Regel, dass die Teilnehmenden während des Kooperationsspiels nicht sprechen dürfen.

Die Ergebnisse zeigen zunächst das erwartbare Muster: Wenn zwei Personen Tetris gemeinsam spielen, verstärkt sich die inter-brain synchrony deutlich gegenüber Solo- oder Ruhezuständen. Überraschend ist dabei die regionale Gewichtung: Besonders stark fällt die Synchronisierung im Präfrontalkortex aus, während die rechte temporoparietale Junktionsregion zwar Teil des sozialen Netzwerks ist, im Vergleich aber weniger “sichtbar” synchronisiert. Noch wichtiger für die Hypothese sind die Stimulationseffekte: Das Modulieren der rechten temporoparietalen Junktionsregion mit TMS verändert weder die Kooperationsleistung noch die Höhe der inter-brain synchrony zwischen den Partnern. Das spricht gegen eine simple Ursache-Wirkung-Kette “Synchronität wird erzeugt → Team wird besser” und legt nahe, dass die zweite Person die Interaktion möglicherweise adaptiv stabilisiert.

Dann kommt der Teil, der die Interpretation spürbar dreht: Höhere Synchronität ist nicht automatisch besser, sondern kann im Gegenteil mit schlechteren Resultaten einhergehen. Gemessen wird Erfolg über die Anzahl abgeschlossener Blockreihen und über Kombinationszüge: Dabei werden mehrere Reihen gleichzeitig entfernt. Die Studie findet eine negative Beziehung zwischen dem Synchronitätsniveau im Präfrontalkortex und der Zahl der Kombinationsmoves. Paare, die im Sinne der Hirnabstimmung besonders “gut getroffen” wirkten, erzielten damit offenbar weniger der anspruchsvollen Züge, die für hohe Punktestände entscheidend sind. Das ist ein Signal dafür, dass Synchronität möglicherweise eher den kognitiven Aufwand widerspiegelt als die strategische Ausführung.

Ergänzend zeigen Fragebogenwerte einen anderen, weniger leistungsgebundenen Effekt. Die Teilnehmenden bewerteten ihre Partner nach dem kooperativen Spielen durchgehend positiver – sie fanden sich offenbar sympathischer und “passender” in der Zusammenarbeit. Dieser soziale Eindruck trat unabhängig davon auf, ob die Paare leistungstechnisch gut abschnitten oder ob in bestimmten Sessions TMS verabreicht wurde. Methodisch ist das relevant, weil es zwei Ebenen trennt: soziale Bewertung und spielerische Zielerreichung. Während die Synchronität und deren Zusammenhang zur Leistung im Präfrontalkortex komplexer ausfällt, scheint das Teamgefühl eher eine robuste Nebenwirkung von gemeinsamer Interaktion zu sein.

Für die Übertragbarkeit in reale Teams sind mehrere Einschränkungen bedeutsam. Erstens waren die Teilnehmenden über drei Sessions mit dem gleichen Spielkontext konfrontiert, was Lernen und Anpassung an den Partner begünstigen kann. Das kann dazu führen, dass die späteren Messwerte nicht nur spontane Teamwirkung abbilden, sondern auch die resultierende Routine im Aufgaben- und Rollenverständnis. Zweitens decken fNIRS-Messungen nur definierte Hirnregionen ab; das “ganze Bild” neuronaler Netzwerke bleibt damit unterbelichtet. Drittens ist denkbar, dass Teile der synchronen Aktivität dadurch entstehen, dass beide Personen identische visuelle Inputs sehen. Genau hier empfehlen die Autorinnen und Autoren in künftigen Designs zusätzliche Kontrollbedingungen, etwa “gemeinsam schauen, aber nicht gemeinsam spielen”, um genuin soziale Synchronität von geteiltem Wahrnehmungsprozess abzugrenzen.

Unterm Strich fordert die Studie zu einer feineren Interpretation von inter-brain synchrony auf: Mehr Abstimmung kann während Teamarbeit zwar auftreten, sagt aber nicht automatisch etwas über bessere Ausführung oder erfolgreiche Zielerreichung aus. Im Kontext strategischer Aufgaben könnte Synchronität eher die gemeinsame Modellbildung über Absichten, Timing und nächste Schritte markieren – inklusive dem Versuch, den Partner zu antizipieren. Für die KI-gestützte Forschung und für Produktteams, die “koordinationsfähige” Systeme entwickeln, ist das eine Warnung vor zu einfachen Korrelationen: Wenn man in Mensch-Maschine- oder Mensch-Mensch-Szenarien auf bio-basierte Synchronitätsmetriken setzt, braucht es robuste Outcome-Tests und nicht nur Aktivitätsmatching. Als nächster Schritt ist zu erwarten, dass Folgearbeiten mit breiterem Imaging und strengeren Kontrollbedingungen klären, wann Synchronisation in echte Leistungsgewinne übersetzt – und wann sie vor allem kognitive Kosten sichtbar macht.


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