CAMPO GRANDE / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine kleine EEG-Studie vergleicht berichtete „mediumistische“ Trancezustände mit stiller religiöser Praxis und findet dabei andere Muster der funktionellen Konnektivität. Die Forscher berichten erhöhte Netzwerkverbindungen in Delta- und Theta-Frequenzbändern während der Trancephase. Gleichzeitig zeigt sich eine Veränderung in der Aktivitätsverteilung der linken Hirnhälfte, die mit dem sprachlichen Charakter der Situation zusammenhängen könnte. Ob die Effekte tatsächlich die veränderte Bewusstseinslage abbilden oder vor allem durch Sprechen, Atmung und Bewegungen erklärt werden, bleibt eine offene Frage.

In Campo Grande im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul wird an einem methodisch ungewöhnlichen Vergleich deutlich, wie schwer sich subjektive religiöse oder spirituelle Praxis mit heutiger Neurowissenschaft messen lässt. Eine explorative Studie mit 28 Teilnehmerinnen, die aus Spiritismus-Zentren rekrutiert wurden, beobachtet im EEG nicht nur „mehr Aktivität“ an einzelnen Arealen, sondern verändert die Dynamik der Verbindungen zwischen vielen Regionen gleichzeitig. Das Entscheidende ist die Herangehensweise: Statt lokale Hotspots zu zählen, modellieren die Forschenden das Gehirn als Netzwerk, in dem Sensor-Signale als Knoten und ihre zeitliche Synchronisation als Kanten in einem Graphen abgebildet werden.
Technisch startet das Design mit einer Ruhephase: Beide Gruppen sitzen sieben Minuten still mit geschlossenen Augen in einem abgedunkelten Raum, um eine Baseline für die „restende“ Hirnaktivität zu ermitteln. Danach erhalten die Gruppen sehr unterschiedliche Aufgaben. Die eine Gruppe geht in einen als „psychophonen Tranceprozess“ beschriebenen Ablauf, bei dem die Teilnehmerinnen laut sprechen, während der spirituelle Inhalt angeblich über ihre eigenen Stimmbänder vermittelt wird. Die Vergleichsgruppe hört während derselben Situation zu und betet dabei still. Während dieser parallelen Phase zeichnet das EEG die elektrischen Muster auf der Kopfoberfläche auf, die anschließend in Frequenzbändern und Netzwerkmustern ausgewertet werden.
Die Auswertung nutzt eine funktionelle Netzwerkanalyse, die auf Graphentheorie beruht. In diesem Modell repräsentiert jede EEG-Messposition einen Knoten, und wenn zwei entfernte Sensoren über Zeitabschnitte sehr ähnliche Folgen von Ausschlägen zeigen, entsteht eine funktionelle Verbindung. Die Studie betrachtet dabei mehrere Standardbänder: Delta (langsamer, oft mit Erholung assoziiert), Theta (etwas schneller, häufig mit tiefer Entspannung verbunden), Alpha (wach und mental ruhig) sowie Beta (aktive, fokussierte Verarbeitung). Im Vergleich zur Ruhephase berichten die Autorinnen und Autoren für die Medium-Gruppe erhöhte Netzwerk-Konnektivität in den Delta- und Theta-Bändern: Die Regionen synchronisieren häufiger und bleiben länger in dieser Abstimmung. Für die Kontrollgruppe, die still betet, zeigen sich solche Konnektivitäts-Spikes hingegen nicht in dieser Form.
Dass Delta und Theta in der Hirnforschung häufig mit Übergängen zwischen wacher Wahrnehmung, Entspannung und frühen Schlafstadien verknüpft werden, ist der nächste logische Knackpunkt. Die Studie stellt zwar die These in den Raum, dass der berichtete Trancezustand ein eigener veränderter Bewusstseinszustand sein könnte, der nicht einfach typische Ruhe- oder Schlafmuster widerspiegelt. Gleichzeitig nennt sie aber selbst einen zentralen Störfaktor: In der Trancephase sitzen die Teilnehmerinnen aufrecht und sprechen aktiv, während die Kontrollgruppe schweigt. Schon kleine körperliche Effekte – etwa Atemmuster, Lippenspannung, Kehlkopffrequenz oder die Bewegung von Sprechmuskeln – können über Artefakte das EEG auf der Kopfoberfläche verfälschen oder die Synchronisation zwischen Sensoren verändern. In der Interpretation entscheidet am Ende also die Frage, ob die beobachtete Netzwerkveränderung primär eine Eigenschaft des Zustands ist oder primär eine Folge der physischen Aktivität.
Zusätzlich untersucht die Studie, wie stark die Kommunikation innerhalb einer Gehirnhälfte im Vergleich zur Kopplung zwischen linker und rechter Hemisphäre ausfällt. Dafür wird unter anderem die Verteilung der Alpha-Aktivität verändert: In der Trancephase zeigt sich eine Balance der Verbindungen innerhalb der linken Seite und auch ein übergreifendes Muster zur rechten Hemisphäre. Der Hintergrund ist plausibel, aber nicht eindeutig: Die linke Hemisphäre ist im Allgemeinen stärker an Sprachproduktion und Sprachverständnis beteiligt – und da die Medium-Gruppe laut spricht, erscheint ein sprachbedingter Umbau der Netzwerkdynamik zunächst naheliegend. Dennoch trifft der Vergleich auf ein methodisches Dilemma: Stilles Beten kann ebenfalls interne Dialoge und sprachähnliche Verarbeitung anstoßen, die ähnliche Kortexnetzwerke nutzen. Genau deshalb betonen die Autorinnen und Autoren, dass die Unterschiede zwischen Medium und Kontrolle zwar „zum Tranceprozess passen“, aber der Effekt der unterschiedlichen Tonproduktion ein dominanter Confounder bleiben könnte.
Die Forschenden grenzen die Ergebnisse daher bewusst ein und nennen mehrere Einschränkungen. Erstens ist die Stichprobe mit 28 Frauen klein, was die Generalisierbarkeit begrenzt und eine strenge Replikation erforderlich macht. Zweitens unterscheiden sich die Gruppen nicht nur in der „mentalen“ Aufgabe, sondern auch in der körperlichen Ausführung – und das EEG reagiert empfindlich auf solche Differenzen. Als konkrete Verbesserung schlagen die Autorinnen und Autoren für zukünftige Versuche vor, dass die Kontrollgruppe eine improvisierte Sprechaufgabe durchführen sollte, um die motorische und respiratorische Situation möglichst an die Trance-Gruppe anzunähern. Drittens lässt die verwendete portable Aufnahmetechnik das Gamma-Frequenzband nur eingeschränkt zu; gerade Gamma gilt als schnellstes EEG-Signal und wird mit intensiver bewusster Verarbeitung in Verbindung gebracht. Ohne dieses Band bleibt die Netzwerkbeschreibung in einem wichtigen Aspekt fragmentiert.
Trotz dieser Hürden argumentiert die Studie, dass die beobachteten Netzwerkdynamiken nicht in Richtung typischer Muster schwerer psychiatrischer Diagnosen wie Schizophrenie deuten, sondern eher eine nicht-pathologische Veränderung der Konnektivität darstellen. Das ist eine vorsichtige Aussage, denn ohne eine experimentelle Trennung von „Zustand“ und „Sprechen/Atmen“ bleibt der Mechanismus offen. Trotzdem liefert der Ansatz einen interessanten Rahmen: Functional-Connectivity-Methoden machen religiöse oder spirituelle Erlebnisse nicht automatisch erklärbar, aber sie können helfen, Zustandsänderungen als messbare Netzwerkphänomene zu beschreiben. Für Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die an erklärbarer KI- und Signalverarbeitung arbeiten, zeigt die Studie damit auch etwas Grundsätzliches: Wenn man Bewusstseinszustände untersucht, muss man die Messkette so designen, dass Artefakte nicht die eigentliche Hypothese „übernehmen“.
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