LONDON (IT BOLTWISE) – Der Fachkräftemangel verschärft den Druck auf Teams und erhöht das Risiko für psychische und physische Belastungen im Job. In Deutschland fehlen 2025 laut KOFA rund 369.516 qualifizierte Arbeitskräfte, was die Ausfallzeiten messbar treibt. Gleichzeitig setzen Arbeitgeber mit wiederholten Zertifizierungen für Betriebliches Gesundheitsmanagement auf strukturelle Prävention. Nun wird ein KI-gestützter Assistent entwickelt, der speziell kleinen Betrieben die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen erleichtern soll.

Der Arbeitsmarkt wirkt derzeit wie ein Multiplikator für Gesundheitsrisiken: Je knapper qualifiziertes Personal wird, desto schneller kippt die Balance zwischen Arbeitsmenge und Erholung. Für viele Betriebe ist das nicht nur eine Personalthematik, sondern eine Frage der betrieblichen Fürsorge im Alltag. Sobald offene Stellen die vorhandenen Teams dauerhaft auslasten, steigt die Wahrscheinlichkeit von Überlastungsschleifen – sowohl körperlich als auch psychisch. Genau an diesem Punkt setzen mehrere Initiativen aus dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) an, die nicht bei einzelnen Aktionen stehen bleiben, sondern Prävention als fortlaufendes Organisationsprinzip verankern.
Als konkretes Signal für diesen Wandel gilt das Qualitätslabel „Friendly Work Space“, das laut Meldung der Gesundheitsförderung Schweiz bereits zum vierten Mal in Folge an SV Schweiz und SV Hotel Schweiz vergeben wurde. Die Auszeichnung läuft damit erneut drei Jahre. Entscheidend ist dabei die Zugangsbedingung: Unternehmen erhalten das Label nur, wenn sie ein strategisch verankertes BGM nachweisen können. Damit geht die Idee über den klassischen Arbeitsschutz hinaus, denn „regelmäßige Kampagnen“ ersetzen nicht die Fähigkeit, Risiken früh zu erkennen, Verantwortlichkeiten zu klären und Maßnahmen in Prozesse, Führung und Ressourcenplanung zu Ver Verstehen. In einem kompetitiven Arbeitsmarkt werden solche Zertifikate zusätzlich zum Differenzierungsmerkmal, weil sie Arbeitgeberattraktivität und langfristige Leistungsfähigkeit sichtbar machen sollen.
Der Treiber hinter den verstärkten Bemühungen ist eine handfeste Arbeitsmarktlage. Nach Erhebungen des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) fehlten in Deutschland im Jahr 2025 rund 369.516 qualifizierte Arbeitskräfte. Der Effekt ist in Teams oft unmittelbar: mehr Aufgaben pro Person, weniger Zeit für Abstimmung, mehr Druck bei gleichbleibender oder steigender Ergebnisanforderung. Genau hier ordnen Experten die Risiken der Arbeitsverdichtung ein. Wenn Personal fehlt, wird das Überforderungsrisiko nicht automatisch durch bloße Motivation abgefedert, sondern zeigt sich in Belastungen, die bis in psychische Symptome reichen. Für Prävention bedeutet das: Sie ist nicht nur soziale Verantwortung, sondern auch ökonomisch relevant, weil sie helfen soll, weitere Ausfälle zu vermeiden.
Dass psychische Erkrankungen eine zentrale Rolle spielen, wird auch über Kennzahlen aus dem Krankenkassenumfeld untermauert. Für 2025 wird ein Krankenstand von 6,2 Prozent in Rheinland-Pfalz genannt (Vorjahr: 6,3 Prozent) und 6,1 Prozent in Hessen (Vorjahr: 6,2 Prozent). Obwohl die Werte leicht zurückgehen, bleibt die Belastung hoch: Im Schnitt fielen Beschäftigte in Rheinland-Pfalz 22,5 Tage aus, in Hessen 22,2 Tage. Auffällig ist außerdem die Ursachenstruktur: Psychische Erkrankungen waren in beiden Bundesländern mit durchschnittlich 4,7 Tagen der Hauptgrund für Fehlzeiten. Parallel dazu wird berichtet, dass im Rechtskontext die Fälle wegen Verletzungen der Fürsorgepflicht zugenommen haben – ebenso wie Streitigkeiten rund um Arbeitszeugnisse und missbräuchliche Kündigungen.
Diese Gemengelage verschiebt auch die Anforderungen an Unternehmen, wenn sie Gesundheitsschutz systematischer statt reaktiv betreiben wollen. Die Meldung nennt als Ursachen unter anderem Spardruck, Herausforderungen durch Homeoffice sowie ein fehlendes Vertrauensverhältnis in Betrieben. Genau darin liegt der praktische Hebel für BGM: Prävention muss so in den Betriebsalltag integriert sein, dass sie nicht an Abteilungsgrenzen endet und nicht nur in der Personalabteilung „existiert“. Aus Sicht der Umsetzung heißt das häufig: Daten und Sichtweisen aus Führung, Arbeitsorganisation und Beschäftigtenperspektive müssen zusammenfließen, damit psychische Belastungen nicht erst sichtbar werden, wenn Fehlzeiten bereits einsetzen.
In diese Lücke setzt nun ein Entwicklungsvorhaben an, das besonders kleine Betriebe adressieren will. Der Dienstleister BG prevent (ehemals B·A·D) arbeitet an digitalen Lösungen zur Gefährdungsbeurteilung und entwickelt dabei einen KI-Assistenten, der insbesondere kleinen Unternehmen helfen soll, psychische Belastungen systematisch zu bewerten. Ziel ist es, die Hürden für den Gesundheitsschutz durch technologische Unterstützung zu senken und Prävention effizienter in Routinen zu integrieren. Die Logik dahinter ist bei vielen KMU nachvollziehbar: Personal für Arbeitsschutz und BGM ist oft knapp, externe Beratungen sind zeit- und kostenintensiv, und die Erstellung bzw. Aktualisierung der Gefährdungsbeurteilung bleibt damit ein Engpass. Ein KI-gestützter Assistent soll hier vor allem strukturieren, Schrittfolgen vereinfachen und damit das Umsetzen wahrscheinlicher machen – nicht die fachliche Verantwortung ersetzen.
Damit verbindet sich auch eine breitere industriepolitische Tendenz: Der klassische Arbeitsschutz wird zunehmend als ganzheitliches Gesundheitskonzept verstanden, in dem psychische Aspekte genauso berücksichtigt werden wie ergonomische und organisatorische Faktoren. Zertifizierungen wie „Friendly Work Space“ oder wiederholte Vergaben über mehrere Jahre liefern dafür den Rahmen, weil sie strategische Verankerung fordern statt kurzfristige Maßnahmen zu belohnen. Für die nächsten Monate wird entscheidend sein, wie gut sich digitale KI-gestützte Assistenz in bestehende Dokumentations- und Abstimmungsprozesse einfügt – gerade bei kleineren Organisationen mit weniger Standardisierung. Wenn das gelingt, können BGM-Teams schneller reagieren, Ausfallrisiken senken und zugleich die Arbeitgeberattraktivität untermauern.
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