LONDON (IT BOLTWISE) – Die Warenhauskette Galeria prüft bundesweit 33 von 83 Filialen auf ihre Rentabilität. Der Deutsche Städtetag fordert, dass Kommunen dabei nicht erst nach Entscheidungen einbezogen werden, sondern frühzeitig in die Gespräche mit den Vermietern gehen. Hintergrund ist die Gefahr, dass bei fehlenden Einigungen über Mietkonditionen und Flächenanpassungen ganze Standorte schließen und damit Innenstadtquartiere weiter unter Druck geraten. Für Bund und Länder verlangt der Verband zudem Programme, die ganzheitliche Lösungen für Investitionen und Folgenutzung fördern.

Galeria zwingt die Innenstädte gerade zu einer Planung unter Zeitdruck: Nach der Ankündigung, 33 der noch 83 Filialen auf den Prüfstand zu stellen, meldet sich der Deutsche Städtetag mit einer klaren Erwartung zu Wort. Christian Schuchardt betonte, dass über die Zukunft einzelner Standorte „noch nicht abschließend entschieden“ sei. Entscheidend sei aus Sicht der Kommunen vor allem der Zeitpunkt der Beteiligung: Städte sollten schnell in Gespräche einbezogen werden, statt erst dann reagieren zu müssen, wenn Mietverhandlungen oder betriebliche Entscheidungen bereits feststehen.
Die strukturelle Logik dahinter ist vergleichsweise simpel, aber für die Praxis anspruchsvoll. Galeria will an den betroffenen Standorten mit Vermietern über Mietkonditionen und Flächenanpassungen verhandeln. Falls keine Einigung gelingt, kann die jeweilige Filiale geschlossen werden. Genau diese Kette wirkt auf kommunale Prozesse zurück: Stadtplanung, Wirtschaftsförderung und die Abstimmung mit lokalen Eigentümern laufen in der Regel über längere Takte als Restrukturierungsrunden. Schuchardt verweist daher auf frühere Phasen, in denen eine frühzeitige Einbindung geholfen habe, Standorte und Mitarbeiter nicht pauschal, sondern standortspezifisch zu behandeln.
Im Zentrum der Kriterien stehen dabei zwei wirtschaftliche Kennziffern, die sich in der Standortbewertung selten nur „technisch“ lösen lassen: die Mietbelastung und die Ertragskraft der Häuser. Für Geschäftsmodelle im stationären Handel verschiebt sich der Hebel zunehmend weg von reiner Flächennutzung hin zu der Frage, ob sich unter realistischen Umsätzen ausreichende Margen und Investitionsspielräume erzielen lassen. Schuchardt ordnet das Problem deshalb ausdrücklich in die Marktdynamik ein: Die zunehmende Konkurrenz durch den Online-Handel schmälert Umsatz und Ertragskraft und erschwert es, dauerhaft in einzelne Häuser zu investieren. Daneben kommen häufig weitere Reibungen hinzu, etwa hohe Mietforderungen sowie langfristige Verträge mit Immobilieneigentümern, die Anpassungen nur mit erheblichem Verhandlungsaufwand ermöglichen.
Was daraus für Kommunen folgt, ist weniger eine einzelne Entscheidung als die Architektur der Folgenutzung. Schuchardt warnt in diesem Zusammenhang vor Abwärtsspiralen: „Sollten im Fall der Fälle einzelne Filialen nicht erhalten werden können, braucht es zügige und schlüssige Konzepte für die Folgenutzung, damit keine Abwärtsspiralen für betroffene Innenstadtquartiere beginnen.“ Das ist mehr als eine Mahnung zur Geschwindigkeit. Denn wenn Leerstände entstehen, verschlechtern sich nicht nur Mieterträge, sondern oft auch die Attraktivität von Einkaufslagen, die Frequenz in Nebengeschäften und die Bereitschaft neuer Betreiber zu investieren. Die Transformation der Innenstädte wird damit zu einem Projekt mit mehreren Eigentümer- und Nutzergruppen zugleich – Stadt, Handel, Immobilienwirtschaft und Stadtgesellschaft.
Auch die Förderlogik muss dafür passen. Der Städtetag appelliert an Bund und Länder, Programme zur Förderung der Innenstädte weiterzuentwickeln. Förderprogramme müssten so konzipiert werden, dass ganzheitliche Lösungen stärker unterstützt werden, in denen private Investitionen und öffentliche Beiträge zusammenwirken können. Im Kern geht es um die typische Lücke, die bei Innenstadtprojekten entsteht: Einzelmaßnahmen wie Umbauten oder kurzfristige Übergangslösungen reichen nicht, wenn zugleich Mieten, Nutzungsmischung und Investitionsrisiken neu austariert werden müssen. Erfolgreiche Modelle zielen deshalb auf Kombinationen aus Standortentwicklung, Mietanpassungen, Erneuerung von Flächen und gleichzeitig auf eine tragfähige Betriebs- und Betreiberplanung.
Für die Praxis liefern frühere Galeria-Schließungen bereits einen Vorgeschmack auf mögliche Pfade. An zahlreichen Standorten wurden ehemalige Warenhäuser unter anderem zu Mischimmobilien mit Einzelhandel, Büros, Wohnungen, Kultur- oder Bildungseinrichtungen umgebaut. Diese Beispiele zeigen, dass Folgenutzung oft dann gelingt, wenn sie nicht nur die Hülle anpasst, sondern das Nutzungsmix-Risiko reduziert: Mehrere Nutzungsarten senken die Abhängigkeit von einem einzigen Erlösstrom und verlängern damit die wirtschaftliche Lebensdauer von Gebäuden. Gleichzeitig macht genau diese Diversifizierung deutlich, warum frühzeitige Abstimmung so wichtig ist: Mischnutzung bedeutet komplexere Genehmigungswege, mehr Akteure und häufig auch längere Umbauphasen.
Wichtig bleibt jedoch die Standortrealität: Jeder Standort steht laut Schuchardt vor unterschiedlichen Herausforderungen. Das betrifft etwa die lokale Nachfrage, die Erreichbarkeit, die Mietniveaus im Quartier und die Frage, welche Nutzergruppen realistisch an einer bestimmten Adresse anknüpfen können. Der aktuelle Schritt von Galeria ist damit nicht nur eine unternehmensinterne Entscheidung, sondern ein Belastungstest für kommunale Steuerungsfähigkeit. Wenn Kommunen frühzeitig in die Verhandlungen über Mietkonditionen und Flächenanpassungen gehen und parallel Konzepte für eine mögliche Folgenutzung vorbereiten, steigt die Chance, dass Standorte nicht einfach „wegoptimiert“ werden, sondern geordnet transformieren können. Genau hier liegt die Schnittstelle zwischen Marktanpassung und öffentlichem Interesse: Nicht jede Filiale wird sich halten lassen, aber die Abfolge aus Entscheidung, Übergang und Umnutzung entscheidet mit darüber, wie stabil Innenstadtquartiere durch die nächsten Jahre kommen.
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