RAVENSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Streit um geplante Streichungen bei ZF geraten nicht nur Management und Betriebsrat aneinander, sondern auch die Arbeitnehmerseite selbst. Die Christliche Gewerkschaft Metall (CGM) will ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Gesamtbetriebsratschef Achim Dietrich anstoßen. Der Termin läuft als Anhörung in einem einstweiligen Verfügungsverfahren vor dem Arbeitsgericht Ravensburg. Für das Unternehmen und die Belegschaft ist damit offen, ob der Konflikt kurzfristig durch ein Gerichtsurteil oder weiter durch politische Druckmittel geprägt wird.

Bei ZF ist der Konflikt um die geplante Streichung übertariflicher Zulagen nicht leiser geworden, sondern hat eine zusätzliche Eskalationsstufe erreicht. Nachdem der Streit bereits bei der Betriebsversammlung Fahrt aufgenommen hatte, wird er nun im Kern dadurch überlagert, dass Unstimmigkeiten innerhalb der Arbeitnehmervertretung selbst sichtbar werden. Im Zentrum steht Gesamtbetriebsratschef Achim Dietrich, gegen den die Christliche Gewerkschaft Metall ein Amtsenthebungsverfahren anstrebt. Dass ein solcher Schritt ausgerechnet aus dem Lager der Beschäftigten kommt, macht die Lage besonders heikel: Statt sich auf das gemeinsame Gegenüber zu fokussieren, wird die interne Legitimität der Interessenvertretung zur laufenden Streitfrage.
Das Verfahren soll am kommenden Dienstag vor dem Arbeitsgericht Ravensburg geklärt werden. Nach Angaben von CGM-Funktionären handelt es sich formal um einen Anhörungstermin in einem einstweiligen Verfügungsverfahren, also um einen Rechtsmechanismus, der auf schnelle Entscheidungen bei akuten Konflikten setzt. Inhaltlich wirft die CGM Dietrich vor, den Betriebsrat zu missbrauchen – etwa indem er bei Informationsveranstaltungen Interessen seiner eigenen Gewerkschaft, der IG Metall, durchsetze. Diese Vorwürfe sind mehr als eine Momentaufnahme, weil sie die Trennung zwischen betrieblicher Mitbestimmung und gewerkschaftlicher Durchsetzung in Frage stellen. Gerade in großen Industriekonzernen ist diese Abgrenzung entscheidend, weil die Betriebsratsarbeit durch Verfahren, Informationsrechte und Beschlusslogik lebt – und nicht durch einzelne Kampagneninstrumente.
Die CGM verknüpft den juristischen Schritt außerdem mit einer politischen Bewertung der bisherigen Verhandlungsführung. So wird Dietrich mitverantwortlich dafür gemacht, dass die Fronten im Unternehmen verhärtet seien, einschließlich des Vorwurfs, er habe den Abbruch der Betriebsversammlung in der vergangenen Woche inszeniert. Im selben Kontext wird die Personalchefin Lea Corzilius genannt, die bei dem Termin von der Belegschaft niedergebrüllt worden sein soll und dadurch nicht zu Wort gekommen sei. Auch wenn diese Schilderung einen emotional aufgeladenen Kern trifft, bleibt der konkrete Rechtsstreit an Details gebunden: Welche Handlungen im Rahmen von Einladungen, Informationsformaten oder Ablaufentscheidungen tatsächlich als Amtsmissbrauch bewertet werden können, hängt von den im Verfahren vorgetragenen Umständen ab. Dietrich weist die Anschuldigungen zurück und argumentiert, er müsse dem Gegenüber bei grundlegenden Fragen „auch mal wehtun“, um Positionen durchzusetzen.
Parallel zu den Vorwürfen zeichnet sich ab, dass der Zündstoff im Hintergrund sehr konkret bleibt: ZF hat die übertarifliche Leistung aus Kostengründen zur Jahresmitte 2027 gestrichen, und Betriebsrat sowie IG Metall sind laut Darstellung strikt dagegen. Für die Arbeitnehmerseite geht es damit nicht nur um Symbolpolitik, sondern um Planbarkeit von Entgeltbestandteilen und um die Frage, ob „übertariflich“ künftig überhaupt noch verlässlich ist oder ob Kostensignale des Managements hier als Einstieg in dauerhafte Einschnitte genutzt werden. Interessant ist dabei die Timing-Frage: Beobachter sehen es als eher unwahrscheinlich an, dass das Gericht bereits im Rahmen der einstweiligen Verfügung eine Verfügung erlässt. Offener bleibt auch, ob sich das Gericht mit einer ersten Einschätzung zu den Vorwürfen begnügt oder auf eine Hauptverhandlung verweist, was den Konflikt in die Länge ziehen kann.
Hinzu kommt ein Wechsel im Vorstandsumfeld, der dem Betriebsratsstreit zusätzliche Reichweite gibt. Es ist laut Einordnung das erste Mal in der Amtszeit des neuen ZF-Chefs Mathias Miedreich, dass sich der Betriebsrat öffentlich so massiv gegen den Vorstand stellt. Sein Vorgänger Klein hatte das Unternehmen im vergangenen Herbst verlassen müssen – ebenfalls unter Druck der Arbeitnehmerseite. Der Hintergrund zeigt: Bei ZF werden Eskalationen im Arbeitskampf nicht nur als Verhandlungsproblem behandelt, sondern als Risiko für Steuerbarkeit, Glaubwürdigkeit und in der Folge für die nächste Gesprächsrunde. Dietrich argumentiert dabei, die Anschuldigungen seien haltlos, und warnt vor einer Logik, bei der Beschäftigte gegeneinander in Stellung gebracht würden – mit dem Ergebnis, dass letztlich eher die Arbeitgeberseite profitiere. Genau hier setzt die CGM jedoch an: Für sie ist die Vorgehensweise des bisherigen Betriebsratsvorsitzenden offenbar selbst ein Hindernis, um die Forderung nach Beibehaltung der übertariflichen Sonderzahlung durchzusetzen.
Aus Sicht der internen Machtverhältnisse ist zudem bemerkenswert, wie knapp CGM bei ZF aufgestellt ist. In der Nutzfahrzeugsparte hält die Gewerkschaft vier von 33 Mandaten; im Bereich Konzernzentrale, Forschung und Entwicklung sowie Verwaltung sind es zwei von 27. Damit ist CGM in dieser Struktur klar in der Minderheit – was nicht automatisch gegen Erfolg spricht, aber die politische Ausgangslage erklärt: Ein Amtsenthebungsverfahren wirkt dann wie ein Hebel, um mehr als nur Mehrheiten im Gremium zu verschieben. Er kann die Spielregeln der Zusammenarbeit verändern, weil Gerichte nicht über politische Sympathien entscheiden, sondern über rechtliche Befugnisse und die Frage, ob Handlungen im Betriebsrat als vereinbar mit dem Mandat gelten. Für die Praxis bedeutet das: Selbst wenn ein Gericht im einstweiligen Verfahren nicht durchgreift, kann allein das juristische Risiko die Verhandlungspositionen der Beteiligten spürbar verschieben.
Für Unternehmen mit stark verfahrensorientierten Mitbestimmungsstrukturen ist der Fall zudem ein Lehrstück über Betriebspolitik als Governance-Thema. Wenn Mitbestimmungsträger innerhalb ihrer eigenen Reihen zerbrechen, sinkt die Verlässlichkeit gegenüber dem Management – und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Gegenüber die Konflikte als taktischen Vorteil nutzt oder Zeit gewinnt. Gleichzeitig zeigt das Vorgehen der CGM, dass Gewerkschaften bei ihrer Strategie nicht nur auf Entgeltforderungen setzen, sondern auch auf die personelle und institutionelle Ausgestaltung der Betriebsratsspitze. Sollte das Gericht die Vorwürfe nicht sofort aufgreifen, bleibt der Status quo zunächst bestehen; sollte es dagegen zu einer einstweiligen Bewertung kommen, könnte sich der Konflikt schon kurzzeitig verändern, etwa durch zusätzliche Auflagen oder eine neue Zusammensetzung von Verantwortlichkeiten. Entscheidend wird sein, welche Tatsachen im Verfahren belastbar sind und wie das Gericht die Abgrenzung zwischen Betriebsratsauftrag und gewerkschaftlicher Interessenvertretung bewertet.
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