OSTDEUTSCHLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Umfrage unter rund 250 Chemie- und Pharmaunternehmen zeigt: Jedes zweite Unternehmen will Investitionen in Deutschland 2026 und 2027 reduzieren. Mehr als ein Drittel plant, Mittel ganz oder teilweise ins Ausland zu verlagern. Als Hauptbremsen gelten hohe Kosten, insbesondere Energiepreise, und eine als kritisch bewertete Energie- und Klimapolitik. Damit droht die Modernisierung wichtiger Produktionsstandorte langsamer zu laufen, während Wettbewerber günstiger investieren können.

Der Standortwettbewerb in der chemisch-pharmazeutischen Industrie verschärft sich gerade in Ostdeutschland spürbar: Laut einer Umfrage des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) plant jedes zweite ostdeutsche Chemieunternehmen, seine Investitionen in Deutschland in den Jahren 2026 und 2027 zurückzufahren. Noch deutlicher wird die Sorge um die Zukunftsfähigkeit, weil mehr als ein Drittel der Befragten Investitionen ganz oder teilweise ins Ausland verlegen möchte. An der Erhebung nahmen rund 250 Chemie- und Pharmaunternehmen teil, wobei etwa 20 ostdeutsche Firmen gesondert ausgewertet wurden. Der VCI selbst vertritt insgesamt rund 2.000 Unternehmen, nannte aber keine konkreten Namen, die ihre Vorhaben bereits fest beschlossen haben.
Dass dieses Muster nicht bei einer einzelnen Unternehmensentscheidung endet, liegt an der Kostenstruktur der Branche. Chemieproduktion ist energieintensiv, und selbst bei stabiler Nachfrage entscheiden Unternehmen in der Regel über Investitionen auf Basis der erwarteten Betriebskosten über mehrere Jahre. In der ostdeutschen Chemieindustrie trifft daher die Kombination aus hohen Energiepreisen und langen Planungszyklen besonders hart: Der Düngemittelhersteller SKW Piesteritz hat in diesem Zusammenhang auf die Belastung der Wettbewerbsfähigkeit hingewiesen. Auch in Leuna, wo die Polyamid GmbH als Auffanggesellschaft für die insolventen Domo-Werke gegründet wurde, bleibt die Lage angespannt – nach der Insolvenz steht dort die Frage nach einer belastbaren Langfristperspektive weiterhin im Zentrum.
Im Pharmabereich zeigt sich dagegen eine vergleichsweise robustere Investitionslage. So plant der Pharmakonzern Merz, mehr als 100 Millionen Euro in seinen Standort Dessau-Roßlau zu investieren und dadurch rund 150 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Diese Größenordnung verdeutlicht, dass Investitionen nicht generell gestoppt werden, sondern je nach Segment und Produktportfolio unterschiedlich ausfallen. Für die Chemieindustrie ist damit aber gerade die Gegenüberstellung entscheidend: Während einige Teile der Wertschöpfungskette planbarer wirken, nehmen für energie- und rohstoffnahe Prozesse die Standortkosten stärker den Charakter eines Risikos an.
Technisch und wirtschaftlich lässt sich das Investitionshemmnis in der Umfrage recht klar fassen: Für neun von zehn Unternehmen stellen die hohen Kosten in Deutschland das größte Hindernis dar, und drei Viertel bewerten die Energie- und Klimapolitik kritisch. Lediglich jedes zehnte Unternehmen plant, die Investitionen im Inland auszubauen. In der Formulierung von Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin des VCI Nordost, wird der Kern der Frustration deutlich: „Unsere Unternehmen verlieren nicht den Mut zu investieren – sie verlieren das Vertrauen in die Standortbedingungen“. Dahinter steckt im Unternehmensalltag meist eine nüchterne Rechnung – wer Förderlogiken, Genehmigungszeiten und Energiekosten nicht verlässlich planen kann, verschiebt Projekte oder prüft Alternativen im Ausland.
Diese Unsicherheit schlägt sich auch in den Geschäftserwartungen nieder. Laut Umfrage rechnet die Hälfte der Unternehmen mit sinkenden Erträgen, während nur jedes fünfte Unternehmen eine Verbesserung erwartet. Die Umsatzprognosen verlaufen derweil gespalten: 45 Prozent der Befragten sehen sowohl die Möglichkeit eines Anstiegs als auch eines Rückgangs. Dass solche Einschätzungen nicht nur ein ostdeutsches Phänomen sind, unterstreicht die bundesweite Entwicklung: Der VCI nennt für das erste Halbjahr eine Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie, die drei Prozent unter dem Vorjahreswert lag; zudem seien die Investitionen bereits das dritte Jahr in Folge rückläufig. Damit entsteht ein Teufelskreis aus schwächerem Output und zurückhaltender Kapazitätsplanung.
Auf politischer Ebene bewerten viele Teilnehmer die Rahmenbedingungen ebenfalls kritisch. 65 Prozent vergeben der Bundesregierung Noten von „mangelhaft“ bis „ungenügend“, 75 Prozent urteilen ähnlich über die EU-Kommission. In der Warnung von Schmidt-Kesseler steckt eine strategische Botschaft an Entscheidungsträger: Deutschland könne sich im internationalen Wettbewerb dauerhaft hohe Standortkosten nicht leisten. Für Unternehmen bedeutet das konkret, dass weniger Zeit und Kapital in die Modernisierung von Anlagen fließt – also in Maßnahmen, die Emissionen senken, Energieeffizienz steigern und Produktionsflexibilität erhöhen. Und je länger die Investitionszurückhaltung anhält, desto schwieriger wird es, die Lücke zu Wettbewerbern zu schließen, die ihre Kapazitäten früher und kostengünstiger erneuern.
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