DEUTSCHLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Die DIHK meldet, dass 13 % der Betriebe in Deutschland mehr Ausbildungsplätze anbieten wollen, während 29 % ihr Angebot im Vergleich zum Vorjahr verkleinern. Besonders betroffen sind Unternehmen mit negativen Geschäftserwartungen: Vier von zehn reduzieren ihre Ausbildungskapazitäten. Gleichzeitig bleiben viele Stellen unbesetzt, weil Bewerber bei Grundkompetenzen, Mathematik und Deutsch nicht in dem Maß passen, wie Unternehmen es erwarten. Der DGB warnt nun vor Sparmaßnahmen und fordert eine Ausweitung der Ausbildungsgarantie inklusive Umlagefinanzierung.

Die aktuelle DIHK-Ausbildungsumfrage zeichnet ein Bild, das sich in vielen Betrieben bereits im Alltag abzeichnet: Ausbildung ist auch in einer schwächeren Konjunktur für viele Unternehmen zwar „priorisiert“, aber nicht mehr in dem Umfang planbar, der für einen stabilen Fachkräftenachwuchs nötig wäre. An der Umfrage beteiligten sich rund 14.000 Unternehmen, und die Ergebnisse zeigen eine klar gegenläufige Entwicklung im Ausbildungsangebot. So wollen 13 % der Betriebe in diesem Jahr mehr Ausbildungsplätze als im Vorjahr anbieten, während 29 % ihr Angebot reduzieren. 58 % halten die Zahl der Stellen gleich, was im Branchenumfeld wenig nach „Entspannung“ klingt, sondern eher nach dem Versuch, Personal- und Ausbildungsplanung auf Sicht zu fahren.
Ein zentraler Verstärker dieser Dynamik liegt laut DIHK in den Geschäftserwartungen. Besonders angespannt ist die Lage bei Unternehmen mit negativen Prognosen: Vier von zehn dieser Betriebe verkleinern ihr Ausbildungsangebot. Damit wird ein Muster sichtbar, das in der Arbeitsmarktökonomie regelmäßig auftaucht, wenn Unternehmen kurzfristige Risiken stärker gewichten als langfristige Bindungseffekte. Ausbildung ist zwar ein Investitionsprojekt in künftige Produktivität, aber sie verursacht zunächst Kosten, braucht Betreuungsressourcen und verlangt Planbarkeit. Wenn die Nachfrage unklarer wird, wird die Ausbildung häufig zu einer Stellschraube, die zuerst „zurückgedreht“ wird – auch dann, wenn das strategische Ziel eigentlich bleibt.
Die Umfrage benennt außerdem die zweite Seite der Medaille: selbst dort, wo Ausbildungsplätze bereitgestellt werden, können sie nicht immer besetzt werden. Etwa die Hälfte der befragten Unternehmen (49 %) konnte nicht alle Ausbildungsplätzebesetzen; dieser Anteil ist seit 2023 nahezu unverändert. Das ist für die Unternehmen in zweierlei Hinsicht problematisch: Erstens bleibt der Aufwand für die Schaffung von Stellen ohne unmittelbare Deckung, zweitens verschieben sich Starttermine und Ausbildungszuschnitte. Gleichzeitig bleibt die Grundstimmung auf Rekordniveau, was auf eine strukturelle Komponente hindeutet, nicht nur auf einen kurzfristigen Konjunktureffekt.
Besonders häufig nennen Betriebe Defizite bei Grundkompetenzen. Jeder zweite Ausbildungsbetrieb berichtet von Schwächen beim Arbeits- und Sozialverhalten, etwa hinsichtlich Belastbarkeit. Fast ebenso oft werden unzureichende kognitive Kompetenzen genannt. Dazu kommen Befunde, die unmittelbar schul- und grundbildungsnah sind: Rund vier von zehn Unternehmen sehen Defizite in Mathematik, Deutsch und wirtschaftlichem Grundwissen. Diese Mischung ist aus Unternehmenssicht plausibel, weil sie nicht nur auf Fachinhalte zielt, sondern auf die Fähigkeit, Lernfortschritte in der betrieblichen Praxis zuverlässig zu bearbeiten – von Sicherheits- und Qualitätsanforderungen bis zu kundenbezogenen Kommunikationsaufgaben.
Die arbeitsmarktpolitische Debatte verschiebt sich damit vom reinen „Angebot versus Nachfrage“-Thema hin zu der Frage, welche Unterstützung Betriebe und Jugendliche brauchen, damit Ausbildung wirklich als Brücke funktioniert. Genau hier setzt der DGB an und warnt vor einer Reduzierung der Berufsausbildung. Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, stellt in ihrem Appell darauf ab, dass künftiger Fachkräfterückstand durch Sparmaßnahmen vorprogrammiert sein könnte. Schon heute gebe es laut Hannack über 2,7 Millionen junge Menschen im Alter zwischen 20 und 34 Jahren ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Aus dieser Perspektive ist das Risiko nicht abstrakt: Wenn Betriebe in einer angespannten Lage die Ausbildungskapazitäten verringern, steigt der Druck auf andere Systeme, etwa auf Nachqualifizierung oder spätere Umschulungswege.
Als Konsequenz fordert Hannack, dass die Auswahlprozesse für Ausbildungsplätze weniger auf „Bestenauslese“ setzen sollten und Jugendlichen eine echte Chance eröffnet wird – unabhängig von Schulnoten oder Herkunft. Gleichzeitig adressiert sie strukturelle Finanzierungsfragen: Die 2024 eingeführte Ausbildungsgarantie sollte erweitert und um eine Umlagefinanzierung ergänzt werden, wie sie bereits im Land Bremen eingeführt und kürzlich vom Land Berlin beschlossen worden sei. Für die Unternehmenspraxis bedeutet das im Kern: Wenn zusätzliche Mittel über einen Umlageansatz verfügbar werden, kann der Übergang von der „Planungslogik“ zur „Ausbildungslogik“ leichter funktionieren, also etwa in Form von zusätzlicher sozialpädagogischer Begleitung, stärker individualisierten Lernpfaden oder Engpassausgleich bei fehlender Passung.
Für Unternehmen und Betriebe bleibt allerdings entscheidend, wie diese Forderungen in konkrete Umsetzung übersetzt werden. Schon jetzt zeigen die DIHK-Daten, dass sich zwei Probleme überlagern: Kapazitäten werden reduziert, und gleichzeitig lassen sich viele Ausbildungsstellen nicht vollständig besetzen. Das führt zu einer Art Teufelskreis, in dem sinkende Bewerberzahlen oder Passungsprobleme die Reduktion bestärken und die Reduktion wiederum weniger Experimentier- und Qualifizierungsräume schafft. Wer Ausbildung in der aktuellen Lage stabil halten will, muss daher sowohl die betriebliche Planbarkeit verbessern als auch die Qualifizierungspfade so gestalten, dass Grundkompetenzen gezielt aufgeholt werden können.
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