LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Analyse der Universität Zaragoza zeigt, dass die körperliche Fitness von Kindern und Jugendlichen in Europa über 60 Jahre deutlich nachgelassen hat. Besonders der Rückgang der Flexibilität habe sich seit der Jahrtausendwende beschleunigt, während auch Muskelkraft und Rumpfstabilität kontinuierlich sinken. Parallel nehmen Adipositas und damit verbundene Risiken zu, obwohl die kardiorespiratorische Fitness zuletzt nur leicht stabil wirkte. Gleichzeitig verfehlen weltweit rund 81 Prozent der Jugendlichen Bewegungs- und Trainingsvorgaben der WHO.

Die Datenlage ist eindeutig und reicht weiter zurück als viele Schlagzeilen vermuten lassen: Über den Zeitraum von 1965 bis 2023 zeigen europaweite Messreihen, dass Muskelkraft, Beweglichkeit und Ausdauer bei Kindern und Jugendlichen im Schnitt über Jahrzehnte nachgelassen haben. Grundlage ist eine Analyse der Universität Zaragoza, in der eine Forschergruppe unter dem Namen EXER-GENUD Leistungsdaten von 417.362 Probanden im Alter von 6 bis 16 Jahren aus 20 europäischen Ländern ausgewertet hat. Die Ergebnisse wurden Ende Juli 2026 im Fachjournal „Sports Medicine – Open“ veröffentlicht.
Technisch betrachtet folgt der Negativtrend dabei keiner einzigen „Geraden“, sondern unterscheidet sich je nach Körperbereich. Bei den oberen Extremitäten sinkt die Kraft bereits seit 1970. Für die Beine gab es zunächst bis 1980 relative Zuwächse, dann kippte die Entwicklung und ging anschließend ebenfalls in den Abstieg über. Auch die Rumpfstabilität zeigte zwischen 1980 und 2000 eine Phase relativer Stabilität, bevor sich der Rückgang später fortsetzte.
Am deutlichsten wird die Verschlechterung laut Studie bei der Flexibilität. Dieser Bereich zeigt den stärksten Rückgang, und der Prozess hat sich seit der Jahrtausendwende noch beschleunigt. Die COVID-19-Pandemie wird dabei als zusätzlicher Verstärker genannt: Erstautor Daniel Domingo del Val und seine Kollegen führen den zusätzlichen Schub auf die veränderten Lebensbedingungen zurück, die typischerweise weniger Bewegung, mehr Sitzen und eine geringere Alltagsaktivität nach sich ziehen.
Der Blick auf die Leistungswerte bleibt jedoch unvollständig, wenn man nicht zugleich die Körperzusammensetzung berücksichtigt. Parallel zum Kraftverlust nimmt Adipositas zu, wobei die Forschenden warnen, der Body-Mass-Index (BMI) unterschätze das tatsächliche Ausmaß häufig. Bei der kardiorespiratorischen Fitness ergibt sich zwar zwischen 2015 und 2023 eine leichte Stabilisierung, sie liegt aber weiterhin klar unter dem Niveau früherer Jahrzehnte. Damit entsteht ein widersprüchliches Bild: Teilbereiche können sich kurzfristig abflachen, aber das Gesamtsystem aus Kraft, Beweglichkeit und Stoffwechselrisiken bleibt insgesamt schwächer.
Die WHO empfiehlt Jugendlichen täglich mindestens 60 Minuten moderate bis intensive Bewegung sowie Muskel- und Knochentraining an drei Tagen pro Woche. Die Realität bleibt jedoch deutlich dahinter: Weltweit verfehlen rund 81 Prozent der Jugendlichen diese Vorgaben, das entspricht etwa 340 Millionen jungen Menschen. Genau hier wird der Markt- und Politikbezug greifbar, denn Bewegungsmangel ist nicht nur eine Frage von Fitness-Optik, sondern ein langfristiger Treiber für Zivilisationskrankheiten. Prognosen der WHO sehen für den Zeitraum 2020 bis 2030 weltweit rund 500 Millionen zusätzliche Krankheitsfälle; geschätzt werden Kosten in Höhe von 300 Milliarden US-Dollar, davon entfällt etwa ein Drittel auf Europa.
Auch die psychosoziale Dimension ist in der Studie nicht nur angedeutet, sondern über externe Evidenz untermauert. Eine Studie im Fachjournal „JAMA Pediatrics“ mit Daten von knapp vier Millionen Schülern zeigt: Wer körperlich fitter ist, hat ein geringeres Risiko für Depressionen, Angstzustände oder ADHS. Als plausibler Mechanismus werden Einflüsse auf Stoffwechsel, Hirnentwicklung und soziale Integration genannt. Gerade deshalb verschiebt sich die Aufgabe von „Sport als Freizeit“ hin zu gezielter Prävention über Lebensphasen hinweg.
Dass Präventionsbedarf früh beginnt, machen auch ergänzende Befunde aus Europa sichtbar: Eine Studie der ADAC-Stiftung vom 30. Juli 2026 kommt etwa zu dem Ergebnis, dass nur knapp 60 Prozent der Sieben- bis Neunjährigen grundlegende Manöver wie Schulterblick oder sicheres Einhändig-Fahren beherrschen. Lehrkräfte berichten zudem von wachsenden Aufmerksamkeitsdefiziten im Straßenverkehr. Die WHO-Expertin Fiona Bull warnte in diesem Kontext, dass die heute inaktiven Jugendlichen zu Herz-Kreislauf-Patienten von morgen werden könnten; als Gegenmaßnahmen werden verstärkte öffentliche Programme diskutiert, etwa mehr tägliche Bewegungszeiten und eine strengere Regulierung der Bildschirmzeit.
Für Unternehmen und Kommunen liegt die praktische Schlussfolgerung nahe: Es reicht nicht, einzelne Sportkurse anzubieten, wenn gleichzeitig der Alltag im Klassenzimmer und zu Hause stärker auf Sitzen und digitale Beschäftigung ausgerichtet ist. Wenn Kinder unter 13 Jahren nach Angaben der Europäischen Kommission (Bericht vom 13. Juli 2026) oft noch nicht die nötige Reife für eine eigenständige Online-Nutzung besitzen, wird die Ableitung daraus umso relevanter: Digitale Angebote brauchen Leitplanken, die Bewegung systematisch fördern. Für die KI-Entwicklung („KI“) eröffnen solche Muster außerdem klare Chancen, etwa bei personalisierten Trainingsplänen, die nicht nur Motivation messen, sondern konkrete Alltagsbarrieren adressieren – entscheidend ist dann aber die saubere Integration in Schul- und Familienprozesse statt reine App-Experimente.
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