MILAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie aus Italien verknüpft den frühen Einstieg in soziale Medien mit schlechteren späteren Leistungen in Mathematik, der Muttersprache Italienisch und Englisch. Befragt wurden mehr als 5.000 Schülerinnen und Schüler, wann sie ihr erstes Social-Media-Konto anlegten. Besonders häufig wiederholten frühe Nutzerinnen und Nutzer Klassen. Die Ergebnisse liefern damit neuen Zündstoff für Debatten über Altersgrenzen und Lernschutz an Schulen.

Wer Kinder bittet, den Eltern ein eigenes Smartphone aus der Tasche zu ziehen, bekommt in vielen Familien schnell Zustimmung oder Widerspruch – je nachdem, was zu Hause tatsächlich auf dem Bildschirm passiert. Genau hier setzt eine neue Untersuchung aus Italien an: Forschende um Marco Gui von der University of Milano-Bicocca in Mailand wollten wissen, ob das Einstiegsalter in Social Media später messbare Spuren in schulischen Leistungen hinterlässt. Für die Auswertung betrachteten sie neben dem Alter beim Konto-Start auch die späteren Ergebnisse in mehreren Fächern.
Die Datenbasis umfasst mehr als 5.000 Schülerinnen und Schüler. In Interviews wurde erhoben, ob die Jugendlichen ihr erstes Social-Media-Konto bereits vor der neunten Klasse einrichteten oder erst danach. Anschließend analysierte das Team, wie die Teilnehmenden in späteren Leistungstests abschnitten – konkret in Mathematik, in der Muttersprache Italienisch sowie in Englisch. Damit zielte die Studie nicht auf eine reine Selbstauskunft über Mediennutzung, sondern auf einen Vergleich zwischen späteren Testergebnissen und dem früheren Startzeitpunkt.
Das Muster ist vor allem in den Kernfächern deutlich: In der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour wird berichtet, dass Jugendliche, die bereits in der sechsten, siebten oder achten Klasse ein Social-Media-Konto hatten, im Durchschnitt schlechtere Testergebnisse erzielten als jene, die mindestens bis zur neunten Klasse warteten. Die Studie ordnet diesen Unterschied zudem zeitlich ein: Wer mindestens bis zur neunten Klasse wartete, war meist mindestens 14 oder 15 Jahre alt. Zusätzlich wiederholten frühe Nutzerinnen und Nutzer laut den Autorinnen und Autoren häufiger eine Klassenstufe.
Interessant ist die Ausnahme, die die Studie selbst als differenzierendes Signal liest: Nur in Englisch zeigten sich keine vergleichbaren Nachteile. Kinder, die früh einen Account hatten, lagen in diesem Fach nicht schlechter als diejenigen, die später starteten. Als mögliche Erklärung nennt das Forschungsteam die gegenwärtige Präsenz englischsprachiger Inhalte auf Social-Media-Plattformen. Dadurch könne sich informelles Englischlernen im Alltag verstärken – auch wenn der Medienkonsum gleichzeitig anderweitig ablenken kann.
Für die beobachteten Effekte liefert das Team keine abschließende mechanistische Erklärung, sondern verweist auf plausible Pfade aus früheren Arbeiten. Genannt werden vor allem Ablenkung und die Umverteilung von Zeit: Wenn Aufmerksamkeit und Lernzeit in kurze Unterbrechungen durch Social-Media-Aktivität zerfallen, fehlt sie im Unterricht und beim eigenständigen Lernen. Ebenso kommt kognitive Überlastung als Hypothese in Betracht – also die Frage, ob das Arbeitsgedächtnis die anfallenden Informationen gar nicht mehr effizient verarbeiten kann. In der Studie wird außerdem ein Zeitproblem diskutiert: Wer gerade in sozialen Medien „abhängt“, kann schlicht nicht parallel für die Schule lernen.
Die Ergebnisse treffen damit mitten in eine politische Debatte, die sich ohnehin weltweit zuspitzt: Ein Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 15 Jahren wird in Frankreich als erstes EU-Land konkret angekündigt und soll nach den Sommerferien gelten. Auch in Deutschland, Spanien, Griechenland und Österreich wird über gesetzliche Altersgrenzen für Minderjährige bis zu einem bestimmten Alter gesprochen. In den Debatten steht häufig die psychische Gesundheit und das Suchtpotenzial im Fokus – zugleich werden auch Konzentrationsfähigkeit, Schlafqualität, Lebenszufriedenheit sowie schulische Leistungen als mögliche Betroffenheitsfelder diskutiert.
Dass die Studie gleichzeitig auf Zustimmung und Widerspruch stößt, zeigen die Reaktionen benannter Forschender. Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, fasst die Kernaussage in einer Kritik an der frühen Nutzung zusammen: „Wieder einmal wurde gezeigt, dass eine frühe Social-Media-Nutzung zu negativen Effekten bei den Lernleistungen führen kann.“ Auch Christian Montag, Außerordentlicher Professor für Kognitions- und Neurowissenschaften an der Universität Macau SAR, stellt den Effekt in einen Aufmerksamkeitskontext: „Dadurch werden die Zeitspannen möglicher Konzentration kürzer.“ Marìa Paz Prendes Espinosa, Professorin für Bildungstechnologie an der University of Murcia, ordnet die Studie vorsichtiger ein und betont den Alltagsbezug digitaler Medien: „Angesichts dieser Situation wird ein Verbot der Nutzung von Technologie die damit verbundenen Probleme nicht lösen“ – und fordert stattdessen Bildung und Training im Umgang mit Technik: „Im Gegenteil: Wir müssen eine Bildung fürdern, die auf den realen Kontext, in dem wir leben, zugeschnitten ist; wir müssen die Menschen schulen und dazu anleiten, den Umgang mit Technologie zu beherrschen.“ Für Schulen und Eltern bedeutet das praktisch: Altersgrenzen können diskutiert werden, aber die Wirksamkeit wird am Ende auch davon abhängen, ob Lernumgebungen und Medienkompetenz konkret unterstützt werden.
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