LONDON (IT BOLTWISE) – Der Verband Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen warnt vor einer Abwanderung neuer Anlagen nach Polen und Tschechien. Als Hauptgründe nennt der VDFU vor allem das deutsche Arbeitsrecht sowie als zu schwer empfundene bürokratische Anforderungen. Besonders kritisch: Die Parks zielen trotz des Standorts im Ausland gezielt auf deutsche Gäste und setzen auf deutsches Personal und Beschilderung. Im Hintergrund stehen zudem fehlende steuerliche Entlastungen im Vergleich zu anderen EU-Staaten.

Freizeitparks verlagern Investitionen ins Ausland: Arbeitsrecht und Bürokratie als Treiber
Freizeitparks verlagern Investitionen ins Ausland: Arbeitsrecht und Bürokratie als Treiber (Foto: IT BOLTWISE)
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Neue Freizeitpark-Standorte entstehen immer häufiger nicht in Deutschland, sondern unmittelbar hinter der Grenze zu Polen oder Tschechien. Der Verband Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen (VDFU) ordnet diesen Trend als Reaktion auf Rahmenbedingungen ein, die aus seiner Sicht in Deutschland besonders streng ausfallen. Geschäftsführer Jürgen Gevers beschreibt dabei weniger eine Suche nach neuen Zielmärkten als vielmehr eine bewusste Standortwahl für denselben Gästestrom: Deutsche Beschilderung und deutsches Personal seien laut VDFU in Grenznähe Standard, die Betreiber würden also gerade nicht „weg vom deutschen Publikum“ planen, sondern „weg von deutschen Regeln“.

Technisch und organisatorisch bedeutet das: Das Geschäftsmodell bleibt gleich, aber die administrative und arbeitsrechtliche Belastung soll an einem anderen Ort entstehen. Gerade in Branchen mit hoher Personalintensität wird die Planung dadurch sensibler. Das betrifft weniger die Attraktionen selbst als die wiederkehrenden Prozesse im Hintergrund – von Dienst- und Einsatzplanung über die Dokumentation von Arbeitszeiten bis hin zur rechtssicheren Abwicklung von Lohnbestandteilen. Aus der Perspektive vieler Arbeitgeber wird diese Bürokratie häufig erst dann spürbar, wenn Fehler teuer werden: nicht selten über Nachzahlungen, Haftungsfragen oder zusätzlichen Prüfaufwand im Tagesgeschäft. Die vom VDFU benannte Dokumentationspflicht wird damit zum zentralen „Kostenhebel“, weil sie im Betrieb täglich gelebt werden muss und sich nicht wie einzelne Investitionspositionen nachträglich „einfache“ korrigieren lässt.

Auch wirtschaftlich liefert die Branche widersprüchlich wirkende Signale. Der VDFU zählt rund 140 Mitgliedsunternehmen und meldet für 2025 unter anderem 78 Millionen Besucher in den Anlagen, 3 Milliarden Euro Umsatz und 400 Millionen Euro Investitionen. Gleichzeitig nennt der Verband 60.000 gesicherte Arbeitsplätze und 5 Millionen Übernachtungen. Diese Größenordnung macht klar: Hier geht es nicht um eine Nischenthematik, sondern um regional verankerte Wertschöpfung. Umso stärker fällt der zweite Konfliktpunkt ins Gewicht, den der VDFU hervorhebt, nämlich die Steuerpolitik. Während die EU für neun Typen von Freizeiteinrichtungen ermäßigte Steuersätze zulässt und viele Nachbarländer davon Gebrauch machen, besteuert Deutschland Vergnügungsparks weiterhin mit dem vollen Steuersatz – ein Unterschied, der Preisstrukturen, Investitionsrechnungen und Amortisationshorizonte unmittelbar beeinflussen kann.

Die Diskussion passt zudem in ein breiteres Bild, das auch andere Teile der mittelständischen Wirtschaft berührt. Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn konstatiert für das zweite Quartal 2026 steigende Umsatz- und Gewinnkennzahlen kleiner und mittlerer Unternehmen, allerdings stagnierende Investitionen. Als Gründe werden unter anderem Energiepolitik und Fachkräftemangel genannt. So ergibt sich ein Mechanismus, den viele Unternehmen aus dem Alltag kennen: Wenn Fachkräfte knapp sind und Energiekosten drücken, verschiebt sich die Investitionsplanung. Gleichzeitig zeigen die Zahlen aus dem Gastgewerbe, wie schnell ein einzelner Indikator kippen kann: 2025 wurden 497,4 Millionen Übernachtungen erreicht, doch die Insolvenzen im Gastgewerbe stiegen um 40,1 Prozent. In der Praxis heißt das, dass selbst positive Nachfrageeintritte nicht automatisch zu stabilen Investitionszyklen führen.

Für die Freizeitwirtschaft, die stark auf Personal und laufende betriebliche Prozesse angewiesen ist, verschärft sich diese Lage. Wenn die Investitionsbereitschaft sinkt, gewinnt „Planbarkeit“ als Wettbewerbsfaktor. Genau daran knüpft der VDFU mit seiner Kritik an: Wer Neubauten und Erweiterungen plant, muss nicht nur technische Genehmigungen und Bauzeiten managen, sondern auch Arbeitskosten- und Abwicklungsaufwand über Jahre. Der DIHK-Gründungsreport 2025 ergänzt als Hintergrund: Die Zahl der Firmengründungen ist zwar auf rund 171.000 gestiegen, aber über ein Drittel ist laut Bericht aus mangelnden Alternativen am Arbeitsmarkt entstanden. Das passt in eine Stimmung, in der viele Akteure einfachere Regeln und ein unkomplizierteres Steuerrecht fordern – allerdings entstehen diese Vereinfachungen nicht automatisch, nur weil die wirtschaftliche Stimmung angespannt ist.

Auch wenn die Schlagrichtung des Artikels auf Arbeitsrecht, Bürokratie und Steuersätze zielt, ist die Wirkung auf das Ökosystem „hinter“ dem Parkbetrieb mindestens genauso relevant. Grenznahe Projekte stellen nicht nur Fragen nach der Standortwahl, sondern beeinflussen Lieferketten, Qualifikationsprofile und regionale Beschäftigungsdynamiken. Wenn ein Teil der Investitionen dauerhaft ins Ausland wandert, verlieren auch deutsche Zulieferer Potenzial – sei es bei Dienstleistungen, bei Wartung oder bei spezialisierten Gewerken. Gleichzeitig zeigt der Blick ins Baugewerbe, wie komplex der Regulierungs- und Anpassungsaufwand bleibt: Dort wird laut Quelle eine Vereinheitlichung des Baurechts gefordert, weil mehrere Institutionen derzeit prüfen, ob etwa Lohnabrechnungen separat behandelt werden. Zusätzlich wird ein Wegfall von bis zu 10.000 technischen Baubestimmungen in Aussicht gestellt; ob das reicht, um eine Abwanderung zu stoppen, bleibt jedoch offen.

Für Unternehmen mit Standorten in Deutschland ergibt sich daraus ein pragmatischer Handlungsrahmen. Erstens wird rechtssichere Personalarbeit zu einer strategischen Kernkompetenz, nicht zu einem reinen Backoffice-Thema. Wer etwa in Dokumentations- und Einsatzprozessen unpräzise arbeitet, verschiebt Risiken in den Betrieb hinein und zahlt sie später in Form von Nacharbeit oder zusätzlichen Kontrollen. Zweitens lohnt es sich, steuerliche Rahmenbedingungen in Investitionsrechnungen stärker zu modellieren, weil Unterschiede im Steuersatz zwischen Ländern schnell in die Gesamtwirtschaftlichkeit durchschlagen. Und drittens wird Bürokratieabbau zur Überlebensfrage: Nicht als Schlagwort, sondern als konkrete Frage nach Durchlaufzeiten, Prüfpfaden und den administrativen Kosten pro Projekt. In einer Branche, die mit Millionen Besuchern plant, entscheiden diese Faktoren mit über „wo“ und „wann“ investiert wird – und damit auch darüber, welche Standorte mittel- und langfristig Beschäftigung sichern.


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